wohlstudierte Redestück durch augenblickliche Eingebung eine persönliche Schärfung erhalten hat , so könnte höchstens der junge Fürstensohn dafür verantwortlich gemacht werden , dessen Herz es zu ergötzen bestimmt gewesen war , und der in solch gottloser Zeit sich schnöde der Pflicht gegen des Himmels Heiligtum entzog . Des bescheidenen Beichtkindes zu seinen Füßen gedachte der feurige Redner in dieser Stunde nicht , vorher und nachher aber mit väterlicher Liebe . Unsere solide Bürgerschaft dahingegen , wie ferne lag es ihr , einen Rückschlag von Dumouriez ' Ultimatum auf ihrer Kanzel vorauszusetzen ! War sie eine Jakobinerhorde , die eines geistlichen Ordnungsrufs bedurfte ? Gab man ohne Murren nicht Gott , was Gottes , und dem Kurfürsten , was des Kurfürsten war , vorausgesetzt , daß die Steuer sich nicht allzu hoch belief ? Hatte einer in der Gemeinde von Freiheit und Gleichheit auch nur geträumt ? Ja , eine war unter ihnen , eine einzige , die , vom Teufel der Hoffart und Eitelkeit verblendet , ihrem von Gott gesetzten Kreise den Rücken gekehrt hatte , seitdem sie über Nacht wie ein Glückspilz zur Braut und Nutznießerin eines hochfliegenden Patrons emporgeschossen war ; die sich in die Reihen des Adels gedrängt , in die allerhöchste Nähe geschlichen , in leichtfertigem Putz , mit anlockenden Gebärden den fürstlichen Sinn betört und ein Ärgernis heraufbeschworen hatte , dermaßen , daß eine seit Herzogs Zeiten bestehende hochadlige Sozietät dadurch gesprengt und eine Rüge von der Kanzel herab zur Christenpflicht geworden war . Es fehlte nicht viel , man deutete mit Fingern auf die arme kleine Dorl , die mit niedergeschlagenen Augen und Tränen auf den Wangen , jetzt rot wie Scharlach , dann kreideweiß , hinter ihrem Betpult zitterte . Als der Gottesdienst vorüber war , traf ich sie halb vernichtet an einen Pfeiler gedrückt unter dem Gedränge der Kirchenpforte . Übereinstimmender denn jemals von ihrer Morgenandacht erregt , ständerten und plauderten die Patrizier der Emporen und die Plebejer des Schiffs vor dem Ausgange . Keiner wechselte ein Wort , einen Gruß wie sonst mit der hübschen » Jungfer Augentrost « , keiner machte ihr Platz , man gaffte sie an , bekrittelte ihren Staat und kehrte ihr spottend den Rücken . Freundlicher , als ich es ohne dieses christliche Schauspiel getan haben würde , redete ich sie an , nahm sie unter den Arm und führte sie - mir machte man Platz - an der Frau Amtmännin vorüber , die eben in ihre stolze Karosse stieg . Auf dem Markte hielt just die Wachtparade ihren Aufzug , und der gottlose Fürstensohn , gleichmütig flanierend , entsendete uns einen huldvollen Gruß . So schritten die Beneideten und Verlästerten der Baderei , durch den Kriegsbeschluß der Nationalversammlung in Paris aufs neue solidarisch verbunden , Arm in Arm ihrem Heimwesen zu , spazierten auch noch ein Viertelstündchen im Garten , um sich unter Gottes freiem Himmel von der angreifenden Morgenandacht zu erholen : die Rose und ihr Blatt , wie einst ! Ich bestärkte Dorothee in dem Vorsatz , bis der Sturm sich beschwichtigt habe , sich möglichst zurückzuziehen , und riet ihr sogar , statt des Hauptgottesdienstes eine Zeitlang die stillen Frühmetten zu besuchen . Sie dankte mir zwischen Lächeln und Tränen , küßte meine Hand und sagte : » Fräulein Hardine , Sie sind in Wahrheit eine große Dame « . Nun , was einer von sich selber hält , das hört er gar gern von anderen bestätigt , wenn sie im übrigen ihm auch nicht als Autoritäten gelten . Als wir in das Haus zurückkehrten , trat der Prinz von der Straßenseite herein . Dorothee floh dunkel errötend die Treppe hinan ; ich führte den Besucher in das Familienzimmer und verplauderte , da die Mutter krank und der Vater noch auf der Parade war , ein Stündchen mit ihm Tete-a-tete . » Sie haben ein braves Herz , « sagte er , indem er mir die Hand reichte , » lassen Sie uns Freunde sein , Fräulein von Reckenburg . « Er besprach darauf , geordneter als neulich abend , seine kriegerischen Pläne . Es war ihm Ernst mit dem preußischen Dienst und er hoffte auf baldiges Gelingen . Der Herzog von Weimar hatte die Anbahnung nach beiden Seiten übernommen , auch den Wunsch ausgesprochen , ihn einem eigenen preußischen Regimente aggregiert zu sehen . Unter dem nächsten Befehle eines sächsischen Verwandten , so meinte er , werde die unliebsame Uniform der kurfürstlichen Tutel erträglich werden , und was könnte man im Grunde auch Besseres wünschen , als den unbequemen Schützling in den Kampf ziehen zu sehen für den bedrängten königlichen Sohn einer sächsischen Fürstentochter ? Völlig unbefangen sprach er auch über seine pekuniären Verlegenheiten und hoffte deren Abwickelung durch die nämliche vermittelnde Hand . Der Prinz kehrte seit diesem Tage häufig in dem Reckenburgschen Familienzimmer ein , ohne an der Quehle in der Hölle ein Ärgernis zu nehmen . Er begegnete uns wie Altbekannten oder gar Verwandten , vertraute uns den Gang seiner geheimen Unterhandlungen ; wir wußten um Zweck und Erfolg seiner häufigen Ausflüge , wir hegten und bargen sein Schicksal wie das eines Angehörigen . Alle übrigen Kleinstädter hingegen ließ er mit souveräner Verachtung beiseite liegen , und auf unsere schöne Hauswirtin stieß er unter unseren Augen nicht ein einziges Mal . Sie waltete still für sich in ihrem Dachgeschoß , wir selber sahen sie nur gelegentlich an uns vorüberstreifen . Die Eltern lobten diesen bescheidenen Takt , und auch nach außen hin verflüchtigte sich das Gedächtnis jener einzigen Ausschreitung rascher , als man hätte erwarten sollen . Des würdigen Hofpredigers aufklärenden Lehren über Ursache und Wirkung sei dabei in Dank und Ehren gedacht . Wie es nun geschehen konnte , das , meine Freunde , was ihr lange schon geahnt haben werdet , wie es in diesen Sommerwochen sich vollbracht hat , so tief verhüllt , daß nicht damals , noch später ein argwöhnischer Blick die Heimlichkeit ausgespürt - ich weiß es nicht . Und wenn ich es