geh fort ! ... Du böses Kind , welch eine Unanständigkeit ! Soll ich hinunterkommen und dir Beine machen ? « Und sie kam , als das Kind sich nicht aus dem Staube der Heerstraße erhob , wirklich herunter , langsam - grimmig-ernsthaft - ganz Porphyrogenneta , im Purpur Geborene , und wurde fünf Minuten später von dem Ritter von Glaubigern in dem chinesischen Lusthause gefunden , das Haupt Antoniens im Schoß und ihr energisch die Schläfen mit Kölnischem Wasser reibend . In dem nämlichen Augenblick erwachte das Kind und rief wimmernd : » Ich bin so sehr hungrig und - zu Hause - ist - ein Gespenst ! Ich weiß mir nicht zu helfen ! « Sechzehntes Kapitel » Herr Chevalier « , hatte dann das Fräulein gesagt , zum erstenmal seit ziemlich langer Zeit wieder einmal das Wort an den Leutnant richtend , » Herr Chevalier , es scheint mit diesem unglücklichen Geschöpf etwas vor sich gegangen zu sein . « » In der Tat , mein Gnädiges ! « hatte der Ritter erwidert und , ohne vorerst das ihm widerfahrene Glück zu würdigen , das Kind auf seinen eigenen braven Armen in das Herrenhaus getragen . Adelaide , mit dem » Vert-Vert « in der einen Hand und dem Eau-de-Cologne-Fläschchen in der andern , war ihm , äußerlich höchst unbewegt , auf dem Fuße gefolgt und hatte auch den ferneren Hülfsleistungen und Bemühungen um das Kind nur von weitem durch die Lorgnette zugesehen . Ein wirres Zulaufen aus allen Ecken , Gängen und Räumen des Lauenhofes war geschehen , die gnädige Frau hatte sich wie gewöhnlich groß gezeigt , Tonie Häußler hatte sich allmählich ein wenig erholt und klareren Bericht über die Zustände des Siechenhauses gegeben ; Fräulein Adelaide von Saint-Trouin schien ihre Beteiligung an der Sache für vollkommen abgeschlossen zu halten . In eigener Person , doch nicht ohne die Begleitung des Ritters von Glaubigern , hatte sich die Frau Adelheid auf den Weg zum Siechenhause gemacht . Stärkungsmittel , kühlende Säfte , Delikatessen aller Art folgten im Überfluß . Der Pastor Buschmann war unnötigerweise gleichfalls von der Sachlage benachrichtigt worden ; Klodenberg war , begleitet von einem Mitgliede des Gemeinderats , gekommen ; nichts von dem traf ein , was hätte eintreffen können ! Hanne Allmann starb , wohlversehen mit allen geistlichen und leiblichen Tröstungen , unter den Augen sowohl des Staates wie der Kirche und unter der fast allzu regen Teilnahme der gesamten Bevölkerung von Krodebeck . Hanne Allmann erlangte aber ihr Bewußtsein nicht so weit wieder , um das alles genießen , empfinden und würdigen zu können ; sie starb oder vielmehr sie schlief weiter und hinweg , und selbst der gnädigen Frau und dem guten Herrn von Glaubigern gelang es nicht , ihr noch einen freundlichen Blick abzugewinnen . Eines Tages war sie gestorben ; und als eine Woche darauf Jane Warwolf durch das Dorf kam , erschrak sie sehr heftig , als sie an das Fenster des Siechenhauses nach ihrer Art klopfte und niemand antwortete und als sie die Tür verschlossen fand . Sie ließ ihren Stab fallen und sah um sich , blind und blaß ; sie griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und rief : » Ist das wahr ? Ist das wahr ? Ist das möglich ? Hanne , Hanne , mach auf ! Reg dich ! Ich bin ' s , ich , ich , die Jane , die Jane ! Hanne , Hanne Allmann , ich bin ' s. Wir kennen einander länger als fünfzig Jahre , und es soll , es soll nicht wahr sein ! « Als alles Rufen und Pochen nichts geholfen hatte , war sie auf den Lauenhof getaumelt , einer Betrunkenen gleich , und da saß sie dann auf der untersten Stufe der Treppe , die unter das Vordach der Haustür führte , hatte das Gesicht , unter der Schürze verborgen , auf die Knie gelegt , und um sie her im gedrängten Kreis stand stumm und angstvoll das Hofvolk , unter welchem auch der Ritter , das gnädige Fräulein , die gnädige Frau und die kleine Antonie Häußler nicht fehlten . Als sie zum erstenmal aufsah , sagten alle weiter nichts als : » O Jane ! « oder » O Jane Warwolf ! « , und dann sagte sie : » Ja - o Jane ! Das ist zu schrecklich ! Ich weiß nicht , wie mir ist ; aber Hanne , Hanne Allmann , fünfzig Jahre , sechzig Jahre , und auf solche Weise vorbei ! Tür zu und Fenster zu , und alles vorbei , alles vorbei , als ob nie etwas gewesen sei . Ja , guckt alle nur und seht betrübt - es hat sie kein Mensch gekannt und liebgehabt wie ich , und ihr wußtet alles und habt ihren armen Sarg gesehen , und ich laufe draußen herum in der Welt , lustig und grimmig , immer lustig ! Tür zu , Fenster zu ! Alles wie nichts , wie nichts ! Keinem König kann ' s grausamer zumute sein ! O Herr von Glaubigern , was soll ich anfangen ? Sagen Sie mir , was ich anfangen soll ? « Da ist der Herr von Glaubigern näher zu dem armen alten Weib herangetreten , hat ihr die Hand gegeben und sie sanft emporgezogen ; der schlimmste Grobian auf dem Lauenhof hat ihr höflich ihren schweren Tragkorb vom Buckel gehoben und die gnädige Frau sämtliches Volk kurz an seine Geschäfte geschickt . Der Chevalier ist allein mit der alten Jane fortspaziert , hat sie zuerst in die Putzstube derer von Lauen geführt , dann auf seine eigene Stube , sodann im Verlauf des Tages nach dem Kirchhofe , hat auch einen Boten an den Gemeindevorsteher um den Schlüssel zum Siechenhause geschickt und hat am Abend , als die Sonne untergehen und die Vagabundin unter keiner Bedingung auf dem Lauenhofe und in Krodebeck übernachten wollte , sie auf den Weg gebracht , ihren Bergen