er sich , und rascher als vorher stieg er schließlich in den zweiten Stock hinauf . Sein Zimmer lag über der Krankenstube - an solchen Abenden saß er nicht über seinen Büchern - stundenlang ging er ruhelos droben auf und ab ; diese einsame Wanderung hatte stets etwas Aufregendes für Felicitas - sie brachte dieselbe in Einklang mit jenem nächtlichen Geständnis . Um acht Uhr abends war Aennchen gewöhnlich eingeschlafen ; dann nahm Rosa Felicitas ' Platz am Bette des Kindes ein , und nun kamen auch Erholungsstunden für das junge Mädchen - sie ging hinauf in die Mansarde . Tante Kordulas neuliche Körperschwäche und Todesahnung schien glücklich überwunden ; sie war heiterer als je und konnte froh wie ein Kind von der nahen Zeit plaudern , wo sie Felicitas ganz bei sich haben würde . Sie wartete gewöhnlich mit dem Abendbrote auf das junge Mädchen . Dann stand der sorgfältig arrangierte Theetisch im Vorbau ; für irgend ein Lieblingsgebäck Felicitas ' war stets gesorgt , und ein ganzes Paket neu eingelaufener Zeitungen wartete auf die jugendliche Vorleserin . In diesen knapp zugemessenen gemütlichen Stunden versank alles , was in jüngster Zeit Felicitas ' Herz - oft zu ihrer eigenen Verwunderung - bedrückte und quälte . Sie sprach nie über ihre Begegnisse im Vorderhause ; die alte Mamsell , ihrer Gewohnheit treu , regte sie auch durchaus nicht zu irgend einer Mitteilung an , und so traten leicht Felicitas ' augenblickliche , ihr selbst rätselhafte innere Zerwürfnisse in den Hintergrund . An einem schönen , sonnigen Nachmittage saß Felicitas allein bei Aennchen ; im ganzen Hause herrschte förmliche Kirchenstille - Frau Hellwig und die Regierungsrätin waren ausgegangen , um Besuche zu machen , und der Professor hielt sich ohne Zweifel im Garten auf , denn im zweiten Stock wurde nicht ein Lebenszeichen laut ... Die Kleine hatte lange gespielt , nun legte sie sich müde zurück und sagte bittend : » Liedchen singen , Karoline ! « Das Kind hörte Felicitas leidenschaftlich gern singen . Das junge Mädchen hatte eine Altstimme . Ihre Stimme hatte jenen Klang , der wie ein tiefer , voller Glockenschlag ohne hörbare Vorbereitung sich gleichsam aus der Brust löst - jene Färbung , wie sie auch dem Cello eigen ; der Ton , der ohne irgendwelche faßbare , scharfe Kante in der Luft verschwimmt , trägt einen Hauch leiser Schwermut , den Ausdruck unergründlicher Gedankentiefe . Die alte Mamsell mit ihrem seltenen musikalischen Verständnis und der großartigen Ausbildung , die ihr eigenes Talent einst durch tüchtige Meister erhalten , hatte dieses köstliche Material vortrefflich geschult - Felicitas sang namentlich deutsche Lieder in wahrhaft klassischer Weise ... Sie hatte gefunden , daß sie die Aufregung des Kindes stets beschwichtigte , wenn sie in leisen Tönen irgend eine getragene Melodie anhob ; später ließ sie ihre Stimme auch gewaltiger ausströmen - begreiflicherweise jedoch nie , wenn sie feindliche Ohren in der Nähe wußte . » Du junges Grün , du frisches Gras , « dieses tiefsinnige Schumannsche Lied klang jetzt durch das stille Krankenzimmer mit so keusch beherrschtem Ausdruck , wie er nur aus einer reinen Mädchenseele kommen kann . Felicitas sang die erste Strophe weich , in ergreifender Einfachheit und mit zurückgehaltener Kraft , aber mit Beginn der Worte : » Was treibt mich von den Menschen fort , mein Leid , das hebt kein Menschenwort , « da brauste die mächtige Stimme auf , wie Orgelklang - in diesem Augenblicke wurde droben im Zimmer des Professors ein Stuhl nicht gerückt , sondern fortgeschleudert - rasche Schritte eilten nach der Thür , und schrill und heftig wie Sturmläuten scholl plötzlich eine Klingel durch das menschenleere Haus . Es war das erste Mal , daß im Studierzimmer des zweiten Stockes der Glockenzug in Bewegung gesetzt wurde . Friederike eilte atemlos die zwei Treppen hinauf und Felicitas schwieg tödlich erschrocken . Nach wenig Augenblicken polterte die alte Köchin wieder herab und trat in das Krankenzimmer . » Der Herr Professor läßt dir sagen , du solltest nicht mehr singen - er könnte nicht arbeiten , « rapportierte sie in ihrer rauhen , rücksichtslosen Weise . » Er war kreideweiß und konnte kaum sprechen vor Aerger ... Was machst du denn aber auch für dumme Sachen ? Hab ich doch mein Lebtage so ' was nicht gehört - du singst ja akkurat wie ein Mannsbild , und - daß Gott erbarm ' - das Lied ! - ein reines Nachtwächterlied ! ... Ich weiß nicht , was du für ein Mädchen bist ! Ich hab ' auch singen können , wie ich noch jung war ! Und was gab ' s damals für Lieder - schöne Lieder : Freut Euch des Lebens und Guter Mond , du gehst so stille ... Laß das ein andermal gut sein , Karoline - das kannst du nicht ! ... Ja , und du sollst das Kind ein bißchen in den Hof tragen und herumfahren , hat der Herr Professor gesagt . « Felicitas verbarg ihr glühendes Gesicht in den Händen - es war ihr , als habe sie einen vernichtenden moralischen Schlag erhalten - wie tief beschämt und gedemütigt fühlte sie sich in diesem Augenblicke ! So mutig sie sein konnte , wenn es galt , ihre Ueberzeugung zu verteidigen und ihren Gegnern die Wahrheit ungeschminkt ins Gesicht zu sagen , so scheu und ängstlich war sie in Bezug auf ihre Talente und Kenntnisse . Schon der Gedanke , daß ihre Stimme bis zu fremden Ohren dringen könne , schnürte ihr den Hals zu und machte sie sofort verstummen , irgend jemand aber gar lästig damit zu werden , das hätte sie nicht einmal auszudenken vermocht . Und nun war es wirklich geschehen ; man hielt sie für aufdringlich , der Verdacht lastete auf ihr , als habe sie sich bemerkbar machen wollen , und dafür war sie auf die schonungsloseste Weise gestraft und beschämt worden - das war nicht zu ertragen ! Die gröbsten Ungerechtigkeiten und Mißhandlungen seitens der Frau Hellwig