gewandert sei . Indem sie der alten Haushälterin den Hut übergab , teilte sie ihr das auffallende Gebaren Berthas mit und fragte schließlich , ob dieselbe nach Hause gekommen sei . Sabine war außer sich . » Na , das können Sie mir glauben , Kindchen , « sagte sie , » waren Sie allein , die hätte Ihnen die Augen ausgekratzt ... Ich weiß nicht , was noch daraus werden soll , vorzüglich in den letzten Tagen ist es sehr schlimm geworden ... Sie schläft keine Nacht mehr , rennt auf und ab und spricht auch wieder , aber nur mit sich selbst ... Wenn ich ' s nur über mich gewinnen könnte , einmal geradezu die Thür aufzumachen , wenn der Spektakel so groß ist ; aber ich kann ' s nicht , und wenn Sie mir Berge von Gold hinlegen wollten ... Sie lachen mich aus , ich weiß es ; aber - mit der ist ' s nicht richtig ! Sehen Sie ihr nur einmal in die Augen ; das funkelt und blitzt , als wenn sie das ganze Feuer vom Blocksberge drin hätte ... Na , ich bin still , ich sage nichts , der Herr Oberförster hat einen gesunden Schlaf , und die anderen auch ; aber ich bin da , wenn sich ein Mäuschen rührt , und so weiß ich recht gut , daß Bertha gar des Nachts draußen herumflankiert , und allemal ist der Hofhund aus seiner Hütte verschwunden . Das ist noch der einzige im Hause , der sie lieb hat , und so bös er ist - ihr thut er nichts . « » Weiß das mein Onkel ? « fragte Elisabeth erstaunt . » Ei , beileibe nicht ! ... Ich werde mich hüten , etwas zu sagen , das könnte mir schlecht bekommen . « » Aber Sabine , bedenken Sie denn nicht , daß Sie mit Ihrem Schweigen dem Onkel großen Schaden zufügen können ? Das Haus liegt so allein ; wenn kein Hund im Hofe ist - « » So stehe ich droben am Fenster und wache , bis sie endlich wieder über den Berg kommt und das Tier an die Kette legt . « » Das sind ja übermenschliche Opfer , die Sie Ihrem Aberglauben bringen ! ... Man sollte doch lieber der Bertha - « » Still , nicht so laut , dort sitzt sie ! « Sabine deutete durch das Staket auf den Birnbaum im Hofe . Elisabeth ging leise näher . Unter dem Baume , auf der Steinbank , saß Bertha , scheinbar ruhig , und schnitt Bohnen . Die glühende Röte der Erregung auf Stirn und Wangen war einer fahlen Blässe gewichen . Elisabeth sah jetzt , daß das junge Mädchen in der letzten Zeit bedeutend magerer geworden war . Die schmale Nase trat schärfer aus dem Gesichte , und die Wangen hatten die liebliche Rundung verloren . Dunkle Ringe lagerten um die Augen , und zwischen den Brauen gruben sich zwei Falten tief in die feine Haut , die dem Gesichte etwas finster Brütendes , aber auch im Vereine mit gewissen Zügen um die Lippen einen unsäglich schmerzlichen Ausdruck gaben ... Dieser Anblick schnitt tief in Elisabeths Seele . Auf den Schultern jener Einsamen lastete das Elend und mußte sie um so tiefer beugen , weil sie es schweigend trug ... Elisabeth vergaß alle Feindseligkeit , die ihr Bertha bisher gezeigt hatte , und ging rasch einige Schritte näher , um jenes schmerzensmüde Haupt an ihre Brust zu lehnen und zu sagen : Hier ruhe dich aus ; schütte all deinen Jammer , mit dem du so allein kämpfst und ringst , in mein Herz , ich will ihn redlich mit dir tragen , - allein Sabine klammerte sich fest an ihrem Arm . » Sie werden doch nicht hingehen ! « flüsterte sie heftig . » Das leide ich nicht , sie ist im stande und stößt mit dem Messer nach Ihnen . « » Aber sie ist grenzenlos unglücklich . Es gelingt mir vielleicht doch , sie zu überzeugen , daß mich nur das innigste Mitgefühl zu ihr führt . « » Nein , nein ! ... Nun , Sie sollen gleich sehen , wie weit man mit ihr kommt . « Sabine schritt die Stufen hinab in den Hof . Bertha ließ sie herankommen , ohne die Augen aufzuschlagen . » Fräulein Elisabeth hat ihn gefunden , « sagte Sabine , Bertha den Hut hinhaltend ; dann legte sie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mädchens und fuhr freundlich fort : » sie möchte Ihnen gern einige Worte sagen . « Bertha fuhr auf , als sei ihr eine tödliche Beleidigung widerfahren . Sie schüttelte wild die Hand von sich , und ihr Auge richtete sich zornig auf die Stelle , wo sich Elisabeth befand , ein Beweis , daß sie die Anwesenheit des jungen Mädchens längst bemerkt hatte . Sie warf das Messer auf den Tisch , stieß mit einer ihrer heftigen Bewegungen den Korb zu ihren Füßen um , so daß die Bohnen nach allen Seiten hin auf das Pflaster flogen , und ging in das Haus . Man hörte durch das offene Fenster , wie sie droben in der Stube die Thür zuschlug und den Riegel vorschob . Elisabeth war stumm vor Ueberraschung , aber auch vor Schmerz . Sie wäre der Unglücklichen so gerne näher getreten , doch jetzt sah sie , daß sie den Gedanken daran aufgeben mußte . Seit einer Woche ging sie täglich hinunter ins Schloß . Fräulein von Walde hatte sich merkwürdig schnell erholt seit jenem Nachmittage , wo sie , wie die Baronin zärtlich betonte , Heilung in dem von ihr eigenhändig bereiteten Kaffee gefunden hatte , und wo Herr von Hollfeld angekommen war . Sie übte aus allen Kräften einige vierhändige Musikstücke und vertraute Elisabeth endlich an , daß in die letzten Tage des August das Geburtsfest ihres Bruders falle ; sie wolle dasselbe diesmal ganz