des Protestantismus liefert ? Dieser aber bildet die erste Stufe zum Sozialismus , in dem nicht Religionssysteme , sondern die Ausführung großer Ideen ihren Kultus haben werden , dessen Priester jeder Einzelne sein wird ! Siehst Du das nicht ? « » Nein ! « sagte Hyazinth gelassen , » das alles sehe ich gar nicht ; denn es sind nur Phantasmagorien : künstliche Fratzenbilder , welche sich außerhalb der Finsternis des Unglaubens nicht wahrnehmen lassen . Ich sehe vielmehr , daß nichts auf Erden Bestand , nichts eine Zukunft hat , als einzig und allein die katholische Kirche und alles , was aus ihrem Mutterschoß Lebenskraft schöpft . « » Bei der Erhabenheit des priesterlichen Berufes würde mich das Bewußtsein meiner Schwäche ängstigen , ob ich ihm auch immer mit ganzer Treue anhinge , « sagte Uriel . » Stets das Ewige und Unvergängliche vor Augen haben , scheint mir übermäßig ernst und schwer . « » Wenn Du heiratest , « entgegnete Hyazinth , » mußt Du Deiner Frau ewige Treue versprechen und bleibst unauflöslich mit ihr verbunden : das müßte Dich dann auch in Angst versetzen . « » O nein ! « rief Uriel ; » da verbinde ich mich mit meinem zeitlichen und ewigen Glück , das der Sehnsucht des ganzen Menschen entspricht . « » Und ich , « sagte Hyazinth , » lasse das unsichere zeitliche Glück ganz und gar beiseite und wähle das unvergängliche : Gott zu dienen aus Liebe , welches der ächten Sehnsucht des erlösten Menschen gewiß am allertiefsten entspricht . « » Dann bin ich nicht erlöst , « rief Orest , » denn ich erschaudere vor Deiner Sorte von Glück ! Nein , Hyazinth ! lustig leben gehört auch zum Leben , und eine Existenz ohne Hühner- und Parforcejagd , ohne Steeple chase und sonstige Pferderennen , ohne Oper und Ballet , ohne Austern und Champagner - aber non-mousseux ! - die ist zum Totschießen . « » Das ist die Gesinnung der Welt , « entgegnete Hyacinth . » Sie behauptet , es gebe kein anderes Glück als das , welches die fünf Sinne genießen und der natürliche Verstand begreift . Das ist aber grundfalsch , denn das Unsterbliche im Menschen wird durch die Genüsse der Vergänglichkeit nicht befriedigt , sondern elend gemacht . Tausend Mal ist das gesagt und bewiesen worden ; allein Worte ohne Tat bedeuten nicht viel . Deshalb muß gegen den Ausdruck jener Gesinnung der Welt ein beständiger tatsächlicher Protest abgelegt werden , und das tun die , welche mit Gottes Gnade und um Gottes Willen ihr entsagen : Priester und Ordensleute . « » Hyazinth ! « rief Florentin feurig und schlang den Arm um seine Schultern , » lege ab Deine Gottesideen , mache die Menschheit zu Deiner Gottheit und ihre Berechtigung zu allgemeiner und allseitiger Beglückung zu Deinem Kultus , so kannst Du ein ausgezeichneter Mann der Zukunft werden . « » Nein , armer Florentin , « entgegnete Hyazinth zärtlich , » das ist unmöglich ! Wer Christus erkannt hat , dient in Seinem Namen mit tausend Freuden und so weit die Kräfte reichen in aller Demut einer Menschheit , die der Gottessohn geheiligt hat , indem er sich zu ihresgleichen machte und für sie lebte und starb ; das gehört zur praktischen Nachfolge Jesu . Aber aus der Menschheit einen Moloch zu machen , der , ich weiß nicht was für unsinnige , sakrilegische Opfer verlangt , das ist unverträglich mit der ewigen Wahrheit . Christus hat die Selbstverleugnung als den Weg des Heiles gelehrt , als das einzige Mittel zur Beglückung der Menschheit für Zeit und Ewigkeit . Von einer Beglückungstheorie , welche allen zum allseitigen Genuß irdischen Wohlbehagens behilflich wäre , weiß die Lehre des Kreuzes nichts . « » Deshalb eben nimmt sie auch nur einen ganz untergeordneten Rang und längst überwundenen Standpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein ! « rief Florentin . » Sieh ' ! bereits vor mehr als dreihundert Jahren entwickelte sich in der Menschheit jene gewaltige Bewegung , welche anzeigte , daß sie der Lehre vom Kreuz , der Selbstverleugnung , satt sei ; es war die Reformation . Alle und jede Selbstverleugnung konzentriert sich im Gehorsam , und da die Kirche ihn von der ganzen Welt im Namen des gekreuzigten Gottes forderte , so sagte ihr die Reformation den Gehorsam auf , um anzuzeigen , daß sie mit der Lehre vom Kreuz breche . Und das bewies sie tatsächlich . Wer sich zu ihr bekannte , war der Selbstverleugnung überdrüssig und folgte dem Zug der Freiheit , für die der Mensch geschaffen ist . Die Fürsten sagten dem Kaiser den Gehorsam auf , die Bauern den Edelleuten , die Ritter ihren Lehensherren , die Städte ihren Bischöfen und Äbten , die Priester ihren Oberhirten , die Mönche und Nonnen ihren Gelübden . Durch den erhabenen Akt , dem römischen Papst den Gehorsam aufzusagen , fiel selbstverständlich das Joch knechtischer Selbstverleugnung von Millionen , die nun wieder frei aufatmen und sich ihrer Menschenrechte erfreuen konnten ; denn vom römischen Papst ging ja eben der ganze christliche Lebensorganismus aus , der während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit wie ein Spinngewebe umfing . Die Reformation blieb freilich nicht auf ihrer Höhe . Sie machte klägliche Versuche , den entfesselten Geist wieder einzufangen und in die Botmäßigkeit ihrer Bibel , die politischen Verhältnisse in die Abhängigkeit von den Fürsten , die sozialen Verhältnisse in die Fesseln verkehrter , weil auf papistischen Ansichten beruhender altmodischer Gesetze zu bringen ; allein sie erwarb sich doch unsterblichen Ruhm und den Dank künftiger Jahrhunderte dadurch , daß sie zeigte , wie verhaßt die Lehre vom Kreuz der Menschheit sei , und daß sie jenen Protest gegen heilige Rechte , von dem Du vorhin sprachst , aufhob , indem sie keine Priester , keine Ordensleute mehr duldete . Denn kein Mensch will seiner Natur gehorchen , keiner arm sein , keiner den irdischen Freuden entsagen , und was der