, und ich - ich , der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel , sitze hier und schmiere Unsinn zusammen ! Hol der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse ! - Adieu , Wachholder ! Am 21. März . Abend Es gibt ein Märchen - ich weiß nicht , wer es erzählt hat - von einem , der nach großem Unglück sich wünschte , die Erinnerung zu verlieren , und dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward . Er empfand von da an keinen Schmerz , keine Freude mehr ; er verlernte zu weinen und zu lachen ; es ward ihm einerlei , ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat : alles das hübsche Spielzeug , welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum Grabe , zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung . Das ist eine schreckliche Vorstellung ! Ihr Weisen und Prediger der Völker , nicht der Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ist ' s , der liebevoll , rein , heilig macht ; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus , und über jede Blüte , die das Menschenherz treiben soll , legt er den Mehltau der Selbstsucht : die wahre , lautere Quelle jeder Tugend , jeder wahren Aufopferung ist die traurig süße Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern , mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen . Wer könnte ein Kind beleidigen , der daran denkt , daß er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt , daß ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat ? Die Erinnerung ist das Gewinde , welches die Wiege mit dem Grabe verknüpft , und mag das dunkle , stachlichte Grün des Leidens , des Irrtums noch so vorwaltend sein , niemals wird ' s hier und da an einer hervorleuchtenden Blume fehlen , bei welcher wir verweilen und flüstern können : » Wie lieblich und heilig ist diese Stätte ! « Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern meiner Chronik . Das , was die ältliche , freundlich-schöne Frau , die mir heute den Strauß junger Veilchenknospen herüberbrachte , auf den Wogen ihrer Melodien sich schaukeln läßt , kann ich ja nur auf diese Weise festhalten . - Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben , heute will ich ein anderes farbiges Blatt malen , wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens , voll süßen Flüsterns , voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumens - ein einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings , ein einziges Blatt aus der Zeit der jungen Liebe ! Oh , daß sie ewig grünen bliebe , Die schöne Zeit der jungen Liebe ! sang der Dichter , und überall treffen wir den Spruch an , auf Kaffeetassen , in Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen . Das soll kein Spott sein ! Was das Volk erfaßt hat , will es auch vor sich sehen , es spielt mit ihm , es spricht den gereimten Gedanken , den es zu seinem Eigentum gemacht hat , oft zwar mit einem Lächeln auf den Lippen aus , aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen . Das Volk steigt nicht zu dem Wahren und Schönen hinauf , sondern zieht es zu sich herab , aber nicht , um es unter die Füße zu treten , sondern um es zu herzen , zu liebkosen , um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und zu wenden und sich über seinen Glanz zu wundern und zu freuen . Ober der Wiege des ewigen Kindes » Menschheit « schweben die guten Genien , die großen Weltdichter , schütten aus ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da , wenn häßliche schwarze Kobolde erschreckend dazwischengelugt haben . Schön ist die Zeit der jungen Liebe ! Sie ist gleich der Morgendämmerung , wo der Himmel im Osten leise sich rötet , wo Knospen , Blumen und alles Leben dem kommenden Tage in die Arme schlummern und nur hin und wieder eine Lerche , den Tau von den Flügeln schüttelnd , jubelnd , glückverkündend emporsteigt . Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft , geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen des Lebens ; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen . » Süßes Geliebtsein , süßeres Lieben ! « hat ein anderer Dichter einmal ausgerufen , und ich , ein alter , einsamer Mann , bedecke die Augen mit der Hand , denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof , denke an den Stern meiner Jugend : » Maria ! « - - - Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht , Reichtum , Weisheit lassen ? - - - Ich glaube nicht . - Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weißes Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe ; über und durch den alten immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener Walde schießt er seine blanken Strahlen , seltsame Schatten auf den Fußboden und an die Wände werfend . Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse . Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine , liebliche Gestalt Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab , während auf einem andern Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt . Was haben die beiden so heimlich , so leise sich zuzuraunen , was haben sie zu kichern ? Ein Garnknäuel , das von Lieschens Nähtisch fällt und über den Boden rollend um Stuhl- und andere Beine sich schlingt , ein verirrter Nachtschmetterling , eine vorbeischießende Fledermaus , ein Ball , der von der Straße ins Zimmer fliegt und über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert , alles , alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen , zu einem Traum . Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen ; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums ?