, die auf ihrem Knie Vossens Louise ihr vorlesen musste . Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und gähnte oft . Der Minister richtete respirirend den Blick aufwärts nach den reifenden Trauben am Laubendach . » Du hast wohl recht schwer zu arbeiten , « sagte die Ministerin . » Du solltest Dich schonen . « » Mir war es eben , als wäre ich noch in Florenz . So schwebten auch die Trauben von unserer Veranda . Und dieser Wiesenhauch ! Als wehte es von Fiesole her , und der Arno plätscherte unter mir . « » Ich weiß nicht , ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist , als der Duft der Orangen . Ist es überhaupt Recht , daß Du so oft dahin zurückdenkst ? Solche Vergleiche stören die Heiterkeit der Seele . Wir sind doch einmal in diesem Lande , es ist auch hier schön , und wir sind zufrieden und glücklich , und - « » Und , « fiel er ein , ihr die Hand reichend : » Süße heilige Natur Laß uns gehn auf deiner Spur , Leite uns an deiner Hand Wie ein Kind am Gängelband . « Die Ministerin accompagnirte die Stollberg ' schen Verse durch eine stumme Lippenbewegung , indem sie andächtig in die Luft schaute . Dann zählte sie die Maschen , sie hatte eine verloren . Der Kanzleidiener räusperte sich umsonst . Das Ehepaar war in sein stilles Glück versunken , und in Betrachtungen , warum Leopold Stollberg katholisch geworden . Die Frau Ministerin wusste diesmal nicht , warum der Minister respirirend schwer den Blick nach den Trauben gerichtet , warum er das Citissime drei Mal durchlesen hatte , ohne zu wissen , was darin stand , warum er wie ein Träumer auf das Schweizergeläut hörte , kurz , warum er in der elegischen Stimmung war . Vor einer Stunde hätte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz anderen gefunden . Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht ! Er hatte laut für sich gerufen : » Dann ist Alles aus ! Dann gehen wir Alle unter ! « Er hatte nach seinem Kammerdiener und Jäger geschellt : » Anspannen und ankleiden ! « Er wollte an den Hof fahren , selbst der Majestät die dringendsten Vorstellungen zu Füßen legen . Er hatte schon die Hofbeinkleider an und der Kammerdiener nestelte die Schnallen , als er ihn wieder hinaus schickte ; er wollte sich einen Augenblick ausruhen . Auf das Sopha sich niederlassend , löste er unwillkürlich die Bandschnalle . Es war so heiß ! » Wozu sich denn auch persönlich den Aerger bereiten ! « Es wäre doch möglich , daß er mit dem Könige aneinander gerieth . Das fruchtet ja zu nichts ! Er konnte schriftlich seine Gründe aufsetzen , warum der Mann , dessen Name ihn so erschreckt , nicht zum Minister tauge . Er hatte wieder geklingelt , und der Kammerdiener ihn entkleiden müssen . » Und die Equipage , Excellenz ? « - » Ausspannen ! « Der Sekretär hatte die Schreibmaterialien zurecht legen müssen , der beste und fertigste Kopist in Bereitschaft stehen . Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereit gestanden , es standen aber erst zwei und eine halbe Zeile auf dem Konzeptbogen . Der Minister saß auch gar nicht mehr am Schreibtisch , er saß zurückgelehnt auf dem Sopha . » Entweder es ist , oder es ist nicht , « dachte Seine Excellenz . » Wenn es nicht so ist , so ist es gut , wenn es ist , so ist es vielleicht auch gut , « - gähnte er , von der Hitze im Zimmer übermannt - » dann ist doch das Ende vom Liede , daß wir unsere Entlassung nehmen müssen . « Weshalb sich für diese Eventualität noch mit einem schwierigen und kitzlichen Memoire befassen , es kann der Griff in ein Wespennest werden , und an stechenden Insekten fehlte es ohnedies nicht . Eine unverschämte Bremse schwirrte unermüdlich um seine heiße Stirn . Der Sekretär hatte sich lächelnd von der Thür , an der er gelauscht , an sein Pult begeben , und der Kopist auch lächelnd seine Feder ausgewischt , als man den Minister endlich sah , mit dem Battisttuch sich Luft wedelnd , sich ins Freie zu begeben . Beim Durchgehen hatte er verordnet , die Akten ihm in die Laube zu tragen . Die stille Scene glücklicher Häuslichkeit , in welcher die Sorgen von vorhin schon verschwunden schienen , hatte aber noch einen Beobachter . Der Geheimrath Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube , den Hut im Arm und die Arme gekreuzt . Eine Pause benutzend , trat er mit einigem Geräusch vor . » Sie haben uns wohl belauscht , lieber Bovillard , « sagte die Ministerin . » Das ist nicht recht ; wer zur Familie gehört , der muß nie zu stören fürchten . « Er wollte ihre Hand an die Lippen führen , sie zog sie unwillig zurück : » Wir sind Deutsche . Einen ehrlichen Handschlag . « » Ich bewundere Ihren Fleiß , Excellenz . « » Häusliche Angelegenheiten , « sagte die Excellenz , » gehen der Freundschaft vor . Halte mir mal Deinen Fuß her , lieber Christian . « Sie probirte den Strumpf am Fuße des Ministers . » Sie lächeln wohl über mich , Bovillard ? Das genirt mich aber gar nicht . Ehe wir ' s uns versehen , kommt der Winter ins Haus , und da muß eine gute Hausfrau bei Zeiten gesorgt haben . Setzen Sie sich , und plaudern mit meinem Mann von Staats- und gelehrten Dingen , ich werde Sie nicht stören . « » Und keinen Handschlag für mich ? « sagte der Minister , seine Hand über den Tisch ihm entgegenhaltend . » Frauendienst geht vor Herrendienst . « Der Geheimrath nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem Gartenschemel . Lieber hätte er in einem