auf die linke Hand , als vermöchte er den Schmerz um den Verlust der Freiheit - des einzigen und daher kostbarsten Gutes des Arbeiters - nicht mehr zu ertragen . Dennoch klagte er nicht , er seufzte nicht einmal - im Gegentheil , er war glücklich in diesem Augenblicke - denn er träumte . Er träumte von seiner Schwester , von seinem Vater , von seinen kleinen Brüdern und - - - - Da wurde er plötzlich durch ein verworrenes Geräusch , das vom Hausvoigteiplatz her über die Dächer hinüberschallte , aus seinem schönsten Traume gerissen . Er blickte verstört empor . Aber er sah nichts , als das carrirte Stück Himmel , und selbst dies nicht einmal , da dieser von düstern Wolken bedeckt war . Er lächelte trübe vor sich hin , denn er glaubte , jenes Getöse sei auch nur in seinem Traume vorhanden gewesen , und wollte seine Stirn herabsenkend wieder fortträumen , da - ha , das war kein Traum mehr - ein Schuß war gefallen . - Horch ! ein zweiter , dritter folgte - - eine volle Gewehrsalve . Mit einem Satz stand er mitten in seiner Zelle , ein zweiter schnellte ihn zu dem kleinen Gitterfenster empor . Aber er sah nur in den Gefangenhof hinab . Der Wachtposten bemerkte ihn und legte sein Gewehr auf ihn an . Er ließ sich wieder auf den Boden seiner Zelle nieder und horchte . Angst und Hoffnung führten einen verzweiflungsvollen Kampf in seiner Brust . - Aber er hörte nichts mehr . Kein Laut drang mehr zu ihm , als der eintönige Schritt des Postens auf dem Pflaster des Hofes . - Da däuchte es ihm , als ob ein leiser aber schneller Schritt den Corridor , an dem seine Zelle lag , herabeilte . Das war nicht des Gefangenwärters schwerer und schleppender Gang . Wer mochte es also sein ? Immer näher und näher kamen die Schritte , jetzt waren sie an seiner Zelle . - Der Nahende stand still . Gleich darauf hörte Ralph , wie leise ein Schlüssel in das Schloß seiner Zellenthür geschoben wurde . - Eine ungewohnte Bewegung , von der er selbst nicht wußte , ob er sie der Furcht oder der Hoffnung zuschreiben sollte , bemeisterte sich seiner ; es war ihm , als werde ihm irgend etwas Unerwartetes , Gewaltiges , Ungeheueres entgegentreten , sobald die Thüre sich öffne . Die Thüre öffnete sich , das Ungeheuere aber , welches die aufgeregte Phantasie Ralphs vermuthete , war die Vollendung seines vorhin unterbrochenen Traumes : Alice . Ralph konnte einen Ausruf des freudigsten Erstaunens nicht zurückhalten . Alice legte den Finger auf den Mund . Seine Knie schlotterten , während er , die Hände über die Brust gefaltet , Alicen anschaute . Auch diese konnte ihre Bewegung nicht zurückhalten , als sie ihn abgezehrt vor Schmerz und Entbehrung vor sich erblickte . - So sehen wir uns wieder , guter Ralph ! - sagte sie nach einer Pause . - Nur getrost , die Stunde der Erlösung wird bald schlagen . Ralph drückte ihre Hand an die Lippen und sagte : O , das ist ' s nicht , was mich quält , daß ich hier bin . Aber man hat gesagt , ich hätte gestohlen ; - - sehen Sie , das ertrage ich nicht . Und mein Vater ? - Sie wissen es schon ? - Was ? - Daß auch er im Gefängniß ist . Ralph lachte bitter . - Nur immer zu , es wird ja wohl auch für uns die Stunde kommen , wo wir mit Euch rechnen können , ihr Blutsauger . - - Er streckte drohend die Hand empor . - Und wo ist Anna ? Ist sie auch eingesteckt , nicht ? - - Nein , sie ist bei mir . - Gott sei Dank . - Sagen Sie , Ralph , halten Sie den Gilbert für einen ehrlichen Menschen ? - Ein Schuft ist er , ich hab ' s immer gesagt . - Haben Sie Beweise ? - Nein , aber bin ich erst frei , so kann ich welche schaffen . - Gut , Sie sollen morgen frei sein . Haben Sie das Schießen gehört ? Das dauert nun so bereits die ganze Woche hindurch . Am vorigen Sonnabend , nach der Volksversammlung , da fing es an . Die Soldaten haben eingehauen , das Volk ist furchtbar erbittert . Montag ist der erste Schuß gefallen und der erste aus dem Volke Gemordete begraben worden . Vorgestern und gestern hat ' s auf dem Opernplatz wieder Todte gesetzt . Wie es heute werden wird , weiß ich noch nicht . - Morgen aber wird das Maaß voll sein . Ralph , - Morgen ist der 18. März , vergessen Sie , wenn Sie frei sind , nicht , daß Sie ein » Achtzehner « sind . Hier haben Sie ein gutes Messer , Sie werden ' s brauchen können , und hier ein paar Doppelterzerole ; sie sind geladen ; gebrauchen Sie die Waffen nicht zu früh ; nicht eher , als bis Sie kein Schloß mehr vor sich haben . Und nun leben Sie wohl - bis man kommen wird , Sie hier heraus zu holen . Sie reichte ihm die Hand - und war im nächsten Augenblicke verschwunden . Ralph war ' s , als ob er diesmal wirklich geträumt . Als er aber den schleppenden Gang des Wärters hörte - es war die Stunde , wo er sein Abendbrod erhielt , steckte er schnell die Sachen in das Bettstroh , legte sich auf ' s Bett und erwartete den Kerkermeister . Dieser , ein alter , schon gebrechlicher Mann , trat , in der einen Hand einen Topf und in der andern ein Stück Brod haltend , ein , setzte beides auf den neben dem Bette stehenden Stuhl und entfernte sich wieder , ohne , wie es schien , von dem geheimnißvollen Besuche