in der Regel pflegte das Hofgesinde um sieben Uhr Abends sein frugales Essen zu halten . Weil aber die Marterwoche so nahe war und in dieser Zeit jede Lustbarkeit und Zerstreuung an den Sonntagen streng gemieden wurde , hatte der Voigt dem größern Theile sämmtlicher Dienstboten erlaubt , dem letzten Tanz im Kretscham mit beiwohnen zu dürfen . In Folge dieser Vergünstigung war das beurlaubte Hofgesinde kurz vor der Ankunft des Maulwurffängers aus dem Kretscham zurückgekommen und wollte nun das Versäumte einige Stunden später , als Sitte und Ordnung erheischten , nachholen . Die große Gesindestube befand sich abgeschieden vom Herrenhause in der Wohnung des Voigtes , die einen abgesonderten Bestandtheil des Edelhofes ausmachte . Sie erstreckte sich zu ebener Erde fast durch die ganze Länge des Voigtgebäudes und hing mittelst eines kurzen bedeckten Ganges mit den weitläufigen Stallungen zusammen , in denen zugleich auch die Schlafstätten für Knechte und Mägde angebracht waren . Das Möblement in der Gesindestube bestand nur aus einer langen Tafel von fichtenem Holz , einer Anzahl Schemel und einer rund um die Holzwände laufenden Bank , die hinter dem sehr großen und bis fast an die Decke hinauf reichenden Ofen die Breite eines gewöhnlichen Bettes annahm und der jüngsten unter den Mägden als Lagerort diente . Zu diesem Behufe lagen einige vielgebrauchte Schaaffelle , jetzt zusammengerollt und gegen die Wand gelehnt , hinter dem stets erwärmten Ofen . Denn da dieser vorzugsweise zur Erhitzung des nöthigen Wasserbedarfs in der großen Wirthschaft gebraucht wurde , ging das Feuer in seinem geräumigen Bauche selten aus . Dies ländliche Wohnzimmer ward von vier starken brennenden Kienspänen , die je zwei in eisernen Spanhaltern an jedem Ende des langen Speisetisches staken , düster erleuchtet . Wenn man von der Hausflur durch die starke , aus Holzpfählen mit Lehm und Stroh fest durchflochtene Zuschlagthür , die weder Schloß noch Riegel hatte , in die Stube trat , vernahm man sogleich das schrillende , zuweilen fast wimmernd klingende Gezirp zahlloser Heimchen , vom Landmanne » Heimliche « genannt , die in allen Ritzen und Spalten der Wände wie des Ofens unsichtbar nisteten . Gewöhnlich verstecken sich diese Thiere immer vor den Menschen , hier aber gab es deren eine so ungeheure Menge , daß sie schaarenweise an den Wänden hingen , daran auf und ab liefen und häufig selbst von der Decke herab auf Tische und Bänke fielen . Ihre dünnen graugrünen Flügeldecken verursachten ein seltsames Schimmern in der trüben Kienbeleuchtung und konnten nicht daran Gewöhnten wohl ein leises Grauen einflößen . In etwa ellenweiter Entfernung von einander waren rings an der Holzwand runde blecherne Löffel zwischen lederne Riemchen gesteckt , von denen jeder seinen bestimmten Herrn hatte . Denn nach der Hofgesindeordnung nahmen alle Knechte und Mägde beim Essen immer denselben ihnen zugewiesenen Platz ein , je nach dem Range , welchen sie als Dienstboten bekleideten . Und damit nie eine Verwechselung derselben stattfinden konnte , pflegten wenigstens alle männlichen Dienstboten ihre Löffel nach gehaltener Mahlzeit sogleich eigenhändig auf die einfachste Art von der Welt , indem sie dieselben mit der Hand oder an ihren Jacken abwischten , zu reinigen und sogleich wieder in die ledernen Haltriemchen zu stecken . Die Mägde waren weniger accurat und wählig und ließen diesem Instrument die Wohlthat einer Abscheuerung durch Wasser zu Theil werden . In Folge der schon erwähnten Aushebung neuer Dienstmägde waren vor Kurzem einige junge Mädchen auf den Hof gekommen . Solche Neulinge dienten den Aelteren meistens zum Stichblatt und mußten , wenn sie sich in ihre neuen Verhältnisse nicht leicht zu finden verstanden , von den rohen Witzen und Gewohnheiten der Knechte viel Ungemach ertragen . Wie überall gab es auch unter diesen fast aller Bildung baren Menschen Einzelne , die sich eine gewisse Oberherrschaft über die Andern anmaßten und ihnen diese auf die empfindlichste , ihnen verhaßteste Weise fühlen ließen . Geschah dies auch nicht gerade aus Bosheit , so nahm doch nicht selten die Art , wie man mit Neulingen scherzte , den Schein derselben an . Denn im Grunde wollten und suchten Knechte und Mägde am Feierabend nur Unterhaltung , wobei freilich auf zarte Natur , auf angeborene Sinnigkeit , auf tiefes und leicht verletzbares Gemüth keine Rücksicht genommen wurde . Unter den neu angezogenen Mädchen befand sich namentlich eins , das einen unüberwindlichen Abscheu vor den an sich unschädlichen und völlig harmlosen Heimchen hatte . Es kam wohl vor , daß einige dieser Thierchen während der Mahlzeit in die riesengroße Schüssel fielen , in welcher die Suppe aus Roggenmehl dampfte . Die Knechte fischten dann die zappelnden Geschöpfchen , ohne sich den Appetit dadurch im Geringsten verderben zu lassen , mit ihren Löffeln heraus und warfen sie unter den Tisch . Marie aber kreischte laut auf , wurde blaß vor Ekel und legte den Löffel aus der Hand . Dies reichte hin , um das arme Kind zum Sündenbock für alles Gesinde zu machen . Stillschweigend kam man überein , sich gemeinschaftlich an dem Schreck des Mädchens zu ergetzen und ihr regelmäßig die ärmliche Mahlzeit zu verderben . Kaum war nämlich das Gebet gesprochen , das man niemals vergaß , so strich der oberste Knecht , der als solcher den Ehrennamen Großknecht führte , mit halb zugebogener Hand flach über die Wand , raffte damit eine Menge Heimchen zusammen und warf sie lachend auf die Stelle der Schüssel , wo Marie ihren Löffel eintauchen mußte . Dadurch ward das bedauernswerthe Mädchen regelmäßig um ihre Mahlzeit betrogen , da sie durchaus den Ekel vor den geflügelten Thieren nicht überwinden konnte . Sie mußte wider Willen fasten und magerte zusehends ab . Die übrigen Knechte aber fanden den Spaß unübertrefflich , aßen nur mit desto größerem Appetit und wollten sich über die Gebehrden des entsetzten Mädchens zu Tode lachen . Wenn jedoch ein jüngerer Knecht dem Vorsitzenden in ' s Handwerk pfuschen und dasselbe Manöver auf seine eigene Faust machen wollte , gebrauchte der Großknecht sein Recht , indem er gelassen die Heimchen zählte und dem Vorwitzigen eine