was noch im Dunkeln liegt . Das Ende dieser Verkettungen , alle geboren aus der Unnatur europäischen , religiösen , socialen und politischen Lebens , kann kein friedliches sein . Ich beklage mich oft selbst , daß ich ein Kind heiße dieser Zeit und dieses Erdtheils ! - Aber wohin fliehen , um dem Gift misverstandener Civilisation , verkannter Glaubenslehren und boshaft verdrehter Menschenrechte zu entgehen ? Kein Land ist so rein und heilig , daß die Gemeinheit sich nicht anranken könnte mit dem kletternden Finger ihrer reizenden Frivolität . Wie die Einfachheit das Bezaubernde der Tugend , so ist die Grazie das Verführerische des Lasters . Unschuld besticht durch Natürlichkeit , Sünde und Verderben durch den Glanz einer erheuchelten Natur , der Koketterie ! Dieser Verführerin entgeht kein Land und kein Volk , nur der sittliche Gedanke , dieser Augenstern der wahren Gottheit , mag sie verscheuchen , so lange er nicht ganz verdunkelt wird von der Trunkenheit des Augenblicks . - Da erhalte ich einen Brief - er ist von Auguste ! - Alles Elend wird mir entrückt , in weite , weite Ferne . Wie ein Wüstenbild nur steht es drohend am Horizont der umwälzenden Zeit , und wieder als leitender Magnet , zitternd bewegt und doch friedlich still , glänzt die Liebe mir entgegen und hüllt mit tausend süßen Träumen mich ein in das beseligende Sterbekissen aller Welt ! - Ja , es ist und bleibt wahr - die Geliebte ist mein Erretter ! - 7. An Ferdinand . Köln , den 23. August . Sind die Weiber doch wunderliche Geschöpfe ! Wenn sich alle Gefühle in ihnen nach Hingebung an den Geliebten sehnen , springt die Laune , dieser unablässige Begleiter aller Weiblichkeit , herbei und dictirt Bedingungen , Vorschriften , Verhaltungsregeln , als gälte es die Erhaltung eines künstlich regierten Staates . Glaube aber Niemand , daß in solchem Thun Enthaltsamkeit liege ; es ist nur Steigerung des Reizes , Vorgenuß der heiligsten Lust . Die Weiber sind die Götter der Erde , die lebendig gewordenen Gesetze jener schönen Religion , die allein unangefochten bleiben wird für immer . Unsere Religion nennt sich die Religion der Liebe . Seltsam ! » Die Religion der Kälte « würde zuweilen bezeichnender sein . Liebe ist nicht denkbar ohne Hingebung , und wo diese möglich sein soll , muß Gluth , Begeisterung und Auflösung in heilige Lohe als erstes und letztes Gesetz anerkannt werden . Gibt es eine Religion , die uns dies gewährt , die sich die Schönheit der Form zum Muster genommen für innere und äußere Ausbildung ? Mir scheint , dem Gesetz der Liebe fehle zuweilen das Ueberzeugende . Die Sucht , recht ätherisch und erhaben zu werden , hat die Flachheit geboren ; es ist Alles kahl , glatt , sogar solid langweilig geworden ! Nur die pulsirende Wärme des Fleisches kann Leben und Seele diesem zu geistigen , idealistisch-todten Wunderbau wieder einhauchen . - Aber höre , was mir Auguste schreibt , das seltsame Mädchen , voll unschuldiger Koketterie , ein Weib in jedem Gedanken ! Auguste an Sigismund . » Wir werden uns nicht wiedersehen , trauter Freund , bevor Du nicht Buße gethan hast . Du sollst zwar immer wissen wo ich bin , meine Thür aber wird für Dich verschlossen sein . Bist Du böse , mein Geliebter ? Ich küsse das Wort , um Dich zu versöhnen . Aber was denkst Du von mir , daß es Dir in den Sinn kommen konnte , unter heidnischem Jubel und Wahn so mir nichts Dir nichts meinen vollen Besitz erstürmen zu wollen ? Jedes Mädchen ist ein verschleiertes Bild zu Sais . Kein Ungeweihter darf mit roher Gewalt den Schleier lüften , er sinkt sonst ohnmächtig zu Boden und seine Ruhe ist dahin für immer . - Es ist unglaublich , Sigismund , was ich mir Alles einbilde . Was glaubst , was denkst , was räthst Du wol ? - Ich will Dir helfen . Da halte ich mich zum Beispiel für recht hübsch und stütze mich dabei auf Dein eignes Urtheil ; auch klug bin ich zuweilen , schlau immer und boshaft nicht selten . Am meisten übe ich diese letzte süße Tugend meines Geschlechts Dir gegenüber , trauter Freund ! Ich muß necken , stacheln und reizen können , was ich lieben soll . Ihr Männer ärgert Euch freilich darüber , und das ist mir gerade recht . Dir , Geliebter , mache ich gewiß das unbedeutenste , ungraziöseste Compliment in Gesellschaft , weil mich ' s ergötzt , ein eifersüchtiges Grübeln über Deine Mienen hinwegklettern zu sehen . Ein Fegefeuer vor dem Eintritt in den ganzen Himmel unserer Gunst ist Euch harten Seelen sehr zuträglich . Eure Küsse sind dann wärmer , dauernder , beseligender . Es sind Sterbekissen unserer Seelen mit Goldfunken umsäumt . Auch die meine hofft sich darauf einzuwiegen in den wonnedurchflüsterten Traum des reinsten , glückseligsten Lebens ! - Nun , wirfst Du mir jetzt noch Zurückhaltung vor , Du böser Verführer ? - Sieh , wenn ich des vorgestrigen Abends gedenke , so schlägt die Gluth meines brennenden Herzens hell leuchtend an den bleichen Himmel meiner Stirn , und die Jungfräulichkeit meiner Empfindungen versteckt sich in die tiefsten Falten des Mieders , wie ein Kind , das sich vor der Strafe fürchtet . Es war sehr , sehr bös von Dir , Sigismund , daß Du Deinen Mund so misbrauchen konntest und bald eine neue Firmelung für Dich nöthig gemacht hättest ! - Aber ich kann Dir nicht lange zürnen , schmollen ist langweilig und mein ehrenwerther Cerberus , Klapperbein , hat einen so richtigen Blick , daß er sogleich weiß , ob ich auf der rechten oder linken Brust Schmerzen empfinde . « » Willst Du mich besuchen , Sigismund ? - Bitte , komm , aber nur bis an die Thürschwelle . Wart ' , ich will nachsehen im Kalender , wie lange Deine Buße dauern soll . Nicht