sahen . Was bedeutet dieß ? fragte die Gräfin nach kurzem , von Staunen erzeugtem Schweigen . Das bedeutet , antwortete der Graf nachdenklich , daß Franzosen in der Nähe sind , die uns vermuthlich in größerer Anzahl ihren Besuch zudenken . XII Der Auftritt , der eben statt gefunden hatte , war schnell vorüber geflogen und hatte alle Anwesenden , jeden auf verschiedene Weise , so sehr aufgeregt , daß Niemand Worte gefunden hatte , um eine Ansicht zu äußern . Der Arzt stand noch in der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle , wo ihn der Graf im Zorn hingeschoben hatte ; man sah , daß er mit dem Entschlusse kämpfte , etwas Bedeutendes zu sagen ; endlich näherte er sich dem Grafen , der in Nachdenken versunken war , und sagte mit Haltung und unterdrücktem Gefühl : Ich muß meinem Herzen Luft machen ; ich muß meiner Empfindung Worte geben ; edler Mann , verehrter Herr Graf , Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet , denn wäre ich diese Höhe hinunter geflogen , wie der Barbar drohte , auf den gepflasterten Theil des Hofes hier unter dem Fenster , so war es um mich geschehen , denn mit solcher Gewalt hätte er mich nicht werfen können , daß ich dort den Rasen im Fallen erreicht hätte . Es war meine Pflicht , Sie gegen die Verläumdung zu vertheidigen ; ich habe auch immer geglaubt , daß Sie meinen männlichen Charakter gehörig würdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der Gefahr zutrauen würden , eine Verläugnung , ähnlich der des Apostel Petrus , fügte er mit einem Seitenblicke auf die Gräfin hinzu ; aber ich habe nicht geglaubt , daß ich Ihrem Herzen theuer wäre , daß Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen , Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen würden . Die letzten Worte sprach er mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rührung . Diese Handlung , schloß er endlich mit Pathos , bindet mein Geschick an das Ihrige für jetzt und immer . Der Graf verstand erst nicht recht , was der Arzt wollte , denn er war zu jener Aeußerung am Wenigsten durch ein wärmeres Gefühl für denselben bestimmt worden , er hatte bloß sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefühlt ; als er aber endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff , sagte er , über den gutmüthigen Dünkel des Arztes lächelnd : Wir sind oft nicht so böse , mein lieber Doktor , wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben , aber oft auch bei Weitem nicht so gut , wie Sie sich uns vorstellen ; deßhalb verdiene ich auch heut Ihren Dank nicht . Bescheidenheit ist die Krone der Tugend , rief der Arzt begeistert und verließ den Saal , um seine Kranken zu besuchen . Die gutmüthige Einbildung des Arztes hatte dazu beigetragen , die Spannung aufzulösen , in die alle durch die eben erlebte Begebenheit versetzt waren . Lächelnd blickten sich die Zurückgebliebenen an , und Ruhe schien wieder im Schlosse herrschen zu wollen . Dübois glaubte , da die Truppen den Hof verlassen hatten , daß auch St. Julien nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte ; doch fragte er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung , der natürlich seine Ansicht theilte , und bald erschien St. Julien und erschöpfte sich mit dem Grafen in Vermuthungen , um es sich zu erklären , weßhalb das Schloß so eilig von den Truppen geräumt worden sei . Des Grafen Ansicht , daß Franzosen in der Nähe sein müßten , wurde bald bestätigt , denn ein Reiter sprengte in den Hof , den Niemand sogleich für den Prediger erkannte , weil er ganz die gemächliche Art zu reiten aufgegeben hatte und sein Thier zu völlig ungewohnten Kraftäußerungen zwang . Roß und Reiter waren ganz aus der gewöhnlichen Fassung , denn da sich der Geistliche eilig herab warf , ohne , wie sonst , für sein Pferd zu sorgen , so fing dieß ohne Umstände an , auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten Blumenstücke zu zertreten . Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein , und jetzt , in der Unruhe seines Gemüths , achtete er noch weniger , als sonst auf die höflichen Formen des Umgangs ; daher grüßte er kaum die im Saale versammelten Personen und rief dem Grafen zu : Meine Frau und Kinder folgen mir nach , Sie werden hier im Schlosse doch besser aufgehoben sein , als bei mir , die Franzosen sind mir auf den Fersen . Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf , ob ihn gleich selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte ; die große Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Thor des Hofes , von einigen kleineren Equipagen begleitet , die die zahlreiche Familie desselben enthielten . Man hatte kaum für das Unterkommen Aller sorgen können , und der Prediger hatte eben seinen Entschluß ausgesprochen , für seine Person zurück zu reiten , um auf Ordnung zu sehen und so viel als möglich zur Erleichterung der Bauern zu thun , als Emilie ausrief : Ach Gott ! dort kommen die Feinde . Alle Anwesenden eilten dem Fenster zu , an welchem Emilie stand , und Alle bemerkten , daß in derselben Schlucht , durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen war , als er den verwundeten St. Julien nach dem Schlosse tragen ließ , ein Funkeln von Waffen sichtbar wurde . In ängstlicher Erwartung waren Aller Blicke dorthin gerichtet ; der Geistliche bemächtigte sich eines vorhandenen Fernrohres und theilte laut seine Bemerkung mit : Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus ; Wer kann sie diesen Weg geführt haben ? Das muß ein Einheimischer sein , ein Fremder hätte ihn nie gefunden . Es sind Reiter , fuhr er fort , im Sonnenschein sehe ich es deutlich ; jetzt biegen sie hier