maß und erwog , überflog augenblicklich die scharfgezognen Linien weiblicher Beschränktheit , träumte sich in ferne Länder , unter fremde Menschen , die ein helleres , freudigeres , Dasein an das ihre anknüpften und so eine neue Welt um sie her schufen . Nach Italien wandte sich am liebsten ihr Blick . Dort , dachte sie , wehen laue Lüfte , dort müssen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel fliehen . Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zurück . Und dennoch säuselten die lauen Lüfte so schmeichelnd und lockten sie hinüber in wunderliche , verworrne Träume , in denen Wille und Verlangen seltsam kämpften . So in Widersprüchen verstrickt , fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne Kästchen , welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere enthielt . Luise öffnete es , als einzige Besitzerin von allem , was Julius zugehörte , und als Theilhaberin eines Geheimnisses , das hier nur näher bestätigt sein konnte . Wie sie die Haarflechte löste und die Blätter einzeln in ihre Hand fielen , zeigten ihr sogleich die ersten Worte , daß es Briefe der Markise an Viola waren , in welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte . Mehrere durchlesend , fand sie einen , der sie mehr als alle andre ergriff , und folgendermaßen lautete : » Wie dauerst Du mich , arme Viola ! in Deinem strengen , farblosen Norden , wenn ich den reichen Schmuck und die Fülle und die Gluth unsrer blumigen Heimath betrachte ! Kenne ich doch den lieben , beweglichen Sinn , der Dich wohl abwärts trieb , weil man ihn binden wollte , einst aber kosend , wie unsre erfrischende Seelüfte , über den bunten Schmelz des Lebens hinzog . Armes Herz ! und Du sollst nun welken und vergehn unter den schweren Wolken eines fremden Himmels ! Ich schreibe Dir aus meiner Villa , von dem wohlbekannten , niedren Balkon , nach der Wasserseite . Ach Viola ! wie muß ich hier unsrer Jugend gedenken , und wie nun alles , alles so anders kam , als wir damals träumten ! Erinnerst Du Dich der stillen Nächte , wenn wir von hier , über den Golf hinaus , nach den fernen Küsten schauten , und Dein Gesang Dich , halb sehnsüchtig , halb in frohem Uebermuth , zu den ungekannten Ländern trug , und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesglück heraufbeschworst . Es nahete Dir , aber von einer andern Seite , als Dir es ahndete . Noch sehe ich , unter den Pinien dort , den schlanken , blondlockigen , Nordländer hervortreten , und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem Zauber Deiner Töne entschuldigen , die ihn unwillkührlich angelockt . Lieber , unglücklicher Eduard ! wo irrst Du jetzt umher , jene Nächte verwünschend , wie Du sie einst segnetest ! Viola , das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen , was damals brach , als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang . Dein schöner Knabe tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf , um mich zum Spielen zu zwingen . Er wendet sich unwillig ab , da er mich schreiben sieht , was er in den Tod haßt , geht nach dem Ufer , sich zu baden , und ich Thörin überwinde mich kaum , ihn gehn zu lassen . Du tadelst es , daß er uns alle beherrscht . Aber sieh nur den süßen Trotz in Aug ' und Mienen , das schmeichelnde und gebietende Lächeln ; Du widerständest auch nicht . Und laß es doch ! Wem die Natur das Herrscherstegel so aufgedrückt , der herrscht , wie man ihn auch demüthige . Vor so einem beugt sich die Welt , und wo ihm das Geschick entgegensteht , da zertritt oder überspringt er es , und wird dennoch nicht unglücklich . Du willst ihn also nicht sehn ? Er soll nie Curen deutschen Boden betreten ? Du selbst wagst Dich nicht in Dein Vaterland zurück ? Und dies alles um eines Traumes willen ? Wie bist Du so anders geworden . Wehet dieser Geist in Euren Wäldern ? Du quälst und arbeitest Dich ab , eine Zukunft zu berechnen , die Dir so furchtbar in ihrer Dunkelheit ist . Liebe Viola , der Wurf ist gethan , Du setzest ihm kein Ziel . Stelle und sträube Dich , umbaue und verbirg Dich , thue was Du willst , das Unvermeidliche ereilt Dich dennoch ! Und Zeit und Ordnung überfliegend , wagst Du , das tief verborgne Geheimniß zweier kindlichen Herzen auszusprechen ? Im Saamen bestimmst Du die Frucht ; vor der Entwicklung die Reife ? Viola , erinnre Dich , daß das Glück solche flieht , die es mit Gewalt erfassen wollen . Weißst Du , ob , was Du bindest , sich nicht ewig meiden wird ? Was soll Dein trübsehender , in Schmerz und Reue erzeugter Julius mit der reizenden kleinen Luise , die Dir , wie Du selbst sagst , so ähnlich ist , bei deren heitrem Lächeln Du Dein eignes freudigeres Dasein noch einmal aufgehn siebst . Laß den armen Knaben Deine Schuld allein abbüßen und schicke mir das muntre Kind , damit ihr an Fernandos Seite ein blühenderes Loos werde . Aber ich tadle Dich und möchte eben jetzt dem Schicksal vorgreifen ! Was kommen soll , wird geschehn ! Niemand weiß , wie er endet ! O könntest Du nur , wie ich , unsern holden Liebling sehn , wie er hier vor mir die schönen Glieder auf dem weißen Schnee der bläulichen Wellen wiegt , wie alles , Licht und Luft und die kleinen kreisenden Fluthen , mit ihm zu spielen scheint , und er dann von Zeit zu Zeit das Köpfchen hebt , die dunklen Locken schüttelt und unter den hohen Brauen zu mir hinsteht , als wolle er das ernstre Geschäft bannen und mich unwiderstehlich zu sich herabziehn . Armer Eduard ! Arme Viola !