enger an uns anzuschließen begann . Hätte sie es mit mir allein zu thun gehabt , so würde ihr die Lust dazu nach den ersten Versuchen vergangen seyn ; denn meine physiognomische Formel sagte mir gleich bei der ersten Bekanntschaft , daß diese Frau , obgleich , vermöge ihres sehr gebildeten Verstandes , für den Umgang wie geschaffen , zu denjenigen gehöre , mit welchen man sich in kein bleibendes Verhältniß einlassen muß , weil sie seiner unwürdig sind . Da Eugenia aber zwischen uns beiden stand , so war von ihrer Seite der Versuch zu wagen , von der meinigen zu erdulden . Ich war höchst begierig , die Triebfedern kennen zu lernen , welche sie in Bewegung gesetzt hatten ; allein wie gespannt auch meine Aufmerksamkeit auf alle ihre Reden seyn mochte , so konnte ich doch eine längere Zeit hindurch nichts Unedles entdecken ; und da meine Freundin mir den Vorwurf machte , daß ich in meinem Mißtrauen zu weit ginge , so wurde ich nach und nach sogar geneigt , an der Wahrheit meiner Regel wenigstens in sofern zu zweifeln , als ich einzelne Ausnahmen gestattete . Die Gräfin war weit häufiger bei uns , als wir bei ihr ; die Ursache lag in ihrer gegenwärtigen Lage , welche eine strenge Ökonomie nothwendig machte . Wie selten wir uns aber auch bei ihr zeigen mochten , so hatten wir doch nie das Vergnügen , irgend eine Spur von Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zu finden . Eugenia verzieh auch dies , wiewohl sie eingestand , daß alles anders seyn würde , wenn die Gräfin aus Einem Stücke wäre . Ich mochte also noch so deutlich zu erkennen geben , daß wir durch eine engere Verbindung mit dieser Frau unserem Wesen entsagten ; meine Winke waren verloren , und Eugenia schien sogar ein gewisses Ergötzen daran zu finden , daß sie eine Frau kennen gelernt hatte , welche alle Weiblichkeit in den Wind schlug und das Gemüth unter die Füße trat . Wir mochten unsere Besuche drei bis viermal wiederholt haben , als wir bei der Gräfin eine gewisse Aurora kennen lernten , welche , um alles mit einem Worte zu sagen , die Gräfin in Ungebundenheit des Geistes noch übertraf , wiewohl es mir nicht entgehen konnte , daß sie sich , uns gegenüber , nicht wenig Gewalt anthat . Talentvoller und einschmeichelnder kann übrigens kein Weib seyn , als diese Aurora es war . Zu einer Tassonischen Armida fehlte ihr die Schönheit ; allein wer hätte diesen Mangel nicht verziehen , wenn er nur ein einzigesmal ein Zeuge ihrer heitern Laune , ihres sprudelnden Witzes , ihrer Sarkasmen auf sich selbst und der Kindlichkeit war , womit sie gelobte sich zu bessern ? Alle Männer waren von Auroren wie bezaubert , und die Weiber trösteten sich mit dem Besitz soliderer Eigenschaften , welche Aurora keiner von ihnen streitig machte . Wir wurden auf die Bekanntschaft des Chevalier de B ... vorbereitet , und nicht lange darauf führte die Gräfin ihn bei uns ein . Ein schöner Mann , wenn von bloßem Wuchse die Rede ist ! In seinen Mienen lag etwas Hartes , das er vergeblich durch Geschliffenheit und gut gewandte Phrasen zu mildern suchte . Er behauptete - und seine Manieren bewiesen es unwidersprechlich - daß er bis zum Ausbruche der Revolution in den besten Cirkeln der Hauptstadt gelebt und mit dem Hofe durch die Prinzessin Lamballe in der engsten Verbindung gestanden habe ; aber seine Auswanderung motivirte er so schlecht , daß er dem Titel eines Chevaliers die größte Schande machte . Übrigens war seine Parthie gleich nach der ersten Bekanntschaft genommen . Um nämlich Eugenien mit Erfolg den Hof machen zu können , glaubte er mich mit tausend Artigkeiten überschütten zu müssen . Was ihm durchaus nicht klar werden wollte , war das Verhältniß , worin wir standen . Denn anstatt Eugeniens Freundin in mir zu sehen , betrachtete er mich fortgesetzt in dem Lichte einer Duenna , und indem er mich als eine solche behandelte , konnte er nicht verfehlen , mir alle Vorsichtigkeit einer Duenna einzuflößen und sich dadurch selbst zu schaden . Nur allzuoft ist es im Leben der Fall , daß die Combinationen der Listigen in sich selbst zusammenstürzen , weil sie nicht umfaßt haben , was sie zu ihrem eigenen Gedeihen umfassen sollten ; und es ist mehr als merkwürdig , daß es , um solche Menschen mit Erfolg zu beherrschen und zu seinen Zwecken zu leiten , nur einer Ehrlichkeit bedarf , die alle List überflüssig macht . Für einen unbefangenen Einsichtsvollen hätte es ein Schauspiel ganz eigener Art seyn müssen , zwei deutsche Frauen ihre Eigenthümlichkeit gegen die Angriffe vertheidigen zu sehen , welche von zwei sehr gewiegten Französinnen , die von einem eben so gewiegten Franzosen unterstützt waren , darauf gemacht wurden . Ich will unsere Gegner nicht beschuldigen , daß sie es darauf anlegten , uns zu demoralisiren ; eine solche Absicht zu haben , hätten sie sich in ihrer wahren Gestalt erkennen müssen , welches durchaus nicht der Fall war . Allein die Demoralisation mußte ganz von selbst erfolgen , sobald wir nachgiebig genug waren , uns von ihnen gebieten zu lassen . Und wie dies vermeiden ? Die Unwiderstehlichkeit der Franzosen besteht gerade darin , daß sie es in der Kunst des Ausweichens so weit gebracht haben ; sie respektiren , dem Scheine nach , jede ihnen gegenüberstehende Individualität , weil sie wissen , daß man sich ihrer durch nichts so leicht bemächtigt , als durch diesen scheinbaren Respekt . Am allergefährlichsten war Aurora . Nach einem gewissen Maaßstab genommen , gab es für sie gar keine Tugend ; allein sie beschönigte alle ihre Laster oder Schwächen dadurch , daß sie kein Geheimniß daraus machte , und so oft die Sache ernsthaft zu werden begann , über sich selbst plaisantirte . Zwischen der Gräfin und dem Chevalier in der Mitte stehend , war sie ein ausgesuchtes Werkzeug zur Erreichung jedes egoistischen