zu Rodrich , es ist etwas so Eigenthümliches , Fremdes , ja Veraltetes in ihm , daß ich bald ein Kind , bald einen Heiligen zu hören glaube , so unschuldig und doch so besonnen , so klar und tief sieht er die Welt an . Ich möchte zuweilen über ihn lachen , und doch muß ich ihn unwillkührlich verehren . Er sagte nur wenige Worte , aber das liegt so rücksichtslos auf gesellschaftliche Formen , so offen da , daß es überall anerkannt werden muß . Ich glaube , sie sollten alles von sich werfen , und mit ihm in ihre Berge flüchten . Aber das Paradies ist nun wohl für sie verschlossen , sie können nicht mehr von der Welt lassen , und doch sind sie weder heiter genug , um unbefangen , noch fest genug , um ruhig in ihr zu leben . Sie wissen , es ist nicht meine Art , Gemüther zu sichten und zu zerlegen , um einen Beitrag meiner Seelenkunde herauszuheben , wobei die Eitelkeit gewöhnlich alle Liebe und Theilnahme niedertritt , und die natürlichsten Gefühle in Kunstworte zwängt ; aber sie geben sich dem blödesten Auge preis . Ich kann sagen , es stört mich oft recht wehmüthig , wie bei einem leisen Ruf von außen , ihr wilder Sinn so flammend losbricht , und auch , wenn sie nichts sagen , so schwer und trübe in ihnen arbeitet , daß sie mir wie ein feuriger Berg erscheinen , dessen frische grüne Decke die Menschen vertrauend lockt , sich an ihn zu lehnen , bis er dann unversehens alles in Asche und Glut verschüttet . Ach , und der Augenblick wird kommen , und sie werden mit verloren gehen ! Wenn ich denke , fuhr sie nach einer Weile fort , in welcher beide schwiegen , wie es sie und mich treffen kann , wenn ich den geliebten Mann niemals , niemals wiedersehe ! Mein Gott , was würde dann auch aus ihnen werden ! Sie ständen ganz allein , ach und ich könnte nicht mehr in einer Welt leben , die ohnehin immer trüber wird , und die nur die sanfte Heiterkeit des reinsten Gemüthes erhellt . Sie bog sich zurück , und ließ ihre Thränen still fließen , während Rodrich halb erweicht , halb erbittert , über die eigne feindselige Natur schweigend vor sich hinsah . Die Stunden waren indeß unbemerkt entflohen . Der letzte Augenblick nahete , ohne daß es Jemand unter ihnen einfiel , den vertraulichen Kreis zu eröffnen . Stephano hörte zuerst das langsame Rollen der schwer bepackten Wagen , die immer häufiger durch die Straßen fuhren . Bald ward nun alles lebendiger . Niemand konnte das verworrene Rufen , das Klirren der Waffen länger überhören . Die Artillerie zog mit klingendem Spiele vorüber , das Geschütz dröhnte dumpf auf dem Steinpflaster . Alle fühlten mit Angst und Freude , daß auch ihre Zeit bald kommen mußte , indeß wagte Niemand die augenblickliche Stille zu unterbrechen , die recht ängstigend fast jede Bewegung gefangen hielt . Endlich stellten sich die Regimenter auf den Straßen . Marketenderinnen und anderes Gesindel lärmte frech vorüber , ihre derben Späße fuhren schneidend durch Seraphinens heilige Wehmuth . Sie verhüllte das Gesicht , und kämpfte sichtlich , die schickliche Haltung zu gewinnen ; auch gelang es ihr bald , sich ruhig zu erheben und mit erheiterten Mienen an das Fenster zu treten . Der dämmernde Morgen stritt noch mit dem Mondenlichte . Die Gestalten traten wunderbar aus dem magischen Scheine hervor . Seraphine ward von dem Anblick der rüstigen Schaaren überrascht , die mit ihren glänzenden Waffen so kampflustig da standen , und jeder Trauer zu spotten schienen . Handwerker und Bürger , Männer und Frauen hatten sich herzugedrängt , jeder brachte das Seinige sogleich herbei ; manche stille Thräne , mancher laute Zuruf ward gefühlt und erwiedert . Die Offiziere flogen die Reihen herauf , während Blick und Gruß der gläubigen Geliebten Trost verhieß . Alles sah schön aus in dem Augenblick , wo Thorheiten und Fehler vor der beginnenden kräftigen That verschwinden . Solchen Reiz giebt der edle Wille , und so tief lebt Freiheit und Recht in der Menschen Brust . Und als nun die Trommeln gerührt wurden , und ein langes : lebt wohl , lebt tausendmal wohl , nebst dem lauten Hurrah der jubelnden Knaben nachhallte , als die betagten Mütter betend zu dem klaren Himmel aufsahen , und behagliche Krämer und Meister schon in Gedanken den ersten Bericht von der Armee lasen , sagte der Graf fest : Laßt uns thun was seyn muß , die Reihe ist nun an uns . Seraphine wollte den letzten Moment durch keine Schwäche trüben , der Anblick so vieler Tapfern , die heiter und vertrauend dem dunklen Ausgang entgegen sahen , hatte ihr Muth gegeben . Sie wandte sich beherzt zu dem Gemahl , der sie still bewegt an sein Herz drückte ; ihre Thränen stockten , sie hatte keine Worte , Alle schwiegen gerührt ; da schmetterten die Trompeten , die Pferde stampften wiehernd vor dem Hause , Weiber und Kinder schrien in unvernehmlichen , herzzerreissenden Tönen . Der Graf drückte noch einen Kuß auf Seraphinens bleiche Wange , und eilte , ohne sich umzusehen , aus dem Zimmer . Stephano und der Gelehrte reichten einander die Hände , indem der erstere sagte : es hat Punkte gegeben , wo wir von einander abwichen , allein was mich jetzt durchdringt und fortreißt , das fühlen sie , und das wollen wir in der Erinnerung festhalten und Freunde bleiben . Florio ging schweigend neben Rodrich ; nur einmal sagte er mit gefaltnen Händen : Ach ! nun fühle ich auf ' s neue , wie sich Herz vom Herzen reißt , und die Wunde so still ausbluten muß , bis sie in sich selbst heilt . Lebe wohl ! sagte Rodrich stockend , schwang sich auf ' s Pferd , und war bald mit Stephano den Zurückbleibenden aus den