verschleiert , wie sie war , von Niemand sogleich erkannt wurde . Gerührt warf sie sich Albertinen in die Arme , die sogleich am holden Lispeln , an dem warmen poetischen Ausruf , Tante Elisen erkannte . Die Gute weinte Albertinens Unglück die heißesten Thränen , und dann ging ihre Bewunderung wieder bis zur Anbetung , als sie Albertinens himmlische Resignation sahe . Durch Henrietten erfuhr sie Adelaidens Geschichte , und auch diese umfaßte sie mit einer hohen Begeisterung , die der Vergötterung nahe kam . Ihre eigne Geschichte machte alle traurig ; nur ein Gesicht verzog sich zum Hohn . Wer in dem Kreis der Guten das seyn konnte , errathen wir nur zu leicht . » Waren Sie denn nicht mit ihm verheirathet , liebe Tante ? « fragte Albertine . - » Was man so recht eigentlich verheirathet nennen möchte , « antwortete Elise , » waren wir nie . Wie möchte die Liebe dies erdrückende Joch tragen ! - Kein Priester sprach den Seegen , kein Ringewechseln bestätigte den Bund der Liebe . Lasen Sie nie das Paradies der Liebe , mon Neveu ? « fragte sie Lindenhain . - » O ja doch , ja ! « antwortete dieser lachend , » ich fange an zu merken . « - » Nun « - fuhr Elise fort - » muß die Liebe , wie sie im Menschen das Höchste und Lieblichste , die schönste Blüthe des Lebens ist , so auch das Freieste unter der Sonne seyn . Keine Liebe gedeiht im Treibhause der Ehe . Warum trüge der Gott der Liebe Flügel , als zum Flattern ? Daß er sich im Flattern übe , Darum , darum trägt er sie ! Wer mag ihn festhalten ? Und wie wohlthätig ist die Trennung , wo er nicht mehr weilt ! « Nach einigem Weigern und mit sehr milderndem Ausdrucke kam es heraus , daß die gute , gar zu majorenne Elise über ihr Vermögen zu Gunsten ihres flatterhaften Amors Wassermann disponirt habe . Seine Sinnlichkeit , das Streben nach heimlichen Genüssen , und eine affectirte Geringschätzung jeder ökonomischen Rücksicht bei großer Geldgier , hatte ihn in Verlegenheiten gesetzt , aus welchen er sich durch Elisens Gutmüthigkeit zu ziehen hoffte , als Antonie ihn abwies . Elise gab , bis es an die letzte Obligation und ihre ziemlich kostbaren Juwelen kam ; mit diesen im Koffer , hatte er sich von ihr entfernt , sie wußte nicht , ob zur großen Nation hin , oder nach dem andern Freihafen für Leute seiner Art , nach Amerika ; sie wußte nicht , wo er nun eigentlich die helle Leuchte seines Geistes werde aufgehen lassen . So viel wußte sie , daß sie arm , verachtet und ausgelacht zu den ihrigen zurück geflüchtet sei , aber reich beladen mit den Erzeugnissen Wassermannischen Geistes , womit sie nun einen Buchhändler zu beglücken und sich ein reichliches Auskommen zu verschaffen gedachte . Dämmrig accompagnirte ihre Erzählung mit einem leisen Gemurmel zwischen Gesang und Rede , welches ihr höchst anstößig war . » Und sein Drama von Schafen und Böcken ? « fragte Dämmrig . - » Erscheint ! « - » Und dein übermenschlicher Roman , worin nichts natürlich zugeht , wo eine Komode die prima Donna ist ? « - » Erscheint ! « - » Spotte nur , spotte ! Einen Schrank , einen Klotz kann man immer noch vernünftiger , als einen alten Ritter , worein ihr so verliebt seid , redend einführen . Im weiten Reiche der Phantasie , in ihren Schöpfungen ist alles Leben . Das heilige Dichterfeuer belebt Steine und versetzt , wie der Glaube , Berge . « Dreißigstes Kapitel Lindenhains Vermögenszustand reichte für den Aufwand eines noch so vergrößerten Familienzirkels zu ; und großmüthig , wie er war , kümmerte es ihn wenig , ob das Kapital durch zurückgelegte Zinsen vergrößert wurde . Elise war überdem allen von Herzen willkommen ; sie war eine so gute Art von einer Närrin , daß so leicht kein Spott über sie laut wurde . Albertine hatte nun eine neue liebevolle Seele mehr um sich , die das Vorleseramt ausschließend übernahm . Sie fühlte , was sie vortrug , und ihr angenehmes Organ fügte sich in alle Modulationen des Ausdrucks leicht ein . So gestaltete sich eine Form der Geselligkeit für den liebenden Kreis , der immer mehr an Festigkeit gewann . Obgleich für jeden besondere Wohnungen bestimmt waren , schloß sich doch der Kreis immer um Albertinen , der in ihrer Dunkelheit jeder gern die hülfreiche Hand reichen wollte . Henriette hatte sich eine Zeit her auf die Porträtmalerei , worin sie sehr glücklich war , gelegt ; aber auf die Länge verdroß es sie , ein glückliches Talent blos im Dienst der Eitelkeit zu verwenden , und die Vorwürfe derer , die ihres Lebens Frühling in verschönter Gestalt hingezaubert haben wollten , wenn der Herbstwind schon über die kahlen Scheitel wehte , wurden ihr zum Ekel . Sie gab also das Porträtmalen wieder auf ; und da sie überdem schon ein hübsches Kapital erworben hatte , so schränkte sie sich blos auf einzelne größere Sachen ein , die sie den Kabinetten der Freunde zum Andenken bestimmte . Albertine wurde ihres Zustandes immer gewohnter und vergaß beinahe des bessern . Lindenhains Launen sahe sie als natürliche Folge ihrer Lage an , und ertrug sie still , ohne Widerrede . Denn selten sprach er mit ihr , daß er nicht , ohne es selbst zu wollen , ihr etwas Unangenehmes sagte . Er verfiel oft in einen wirklichen Sergeanten-Ton , der beim Befehlen zugleich drohend den Stock aufhebt . Dann seufzte sie still und dachte : er liebt mich nicht mehr ! Wer weiß , wie entsetzlich ich auch aussehe ! Sie waren es insgesammt nun schon gewohnt , daß er in ihrer Mitte fehlte ; und Albertine war froh , wenn sie nur , wenn auch spät , seine Stimme wieder hörte . An einem