ist der geheime Reitz , den die Begehung der Erdfläche für mich hat , indem mir jede Gegend andre Räthsel löst , und mich immer mehr errathen läßt , woher der Weg komme und wohin er gehe . Ja , sagte Heinrich , wir haben von Kinderjahren angefangen zu reden , und von der Erziehung , weil wir in euren Garten waren und die eigentliche Offenbarung der Kindheit , die unschuldige Blumenwelt , unmercklich in unser Gedächtniß und auf unsre Lippen die Errinnerung der alten Blumenschaft brachte . Mein Vater ist auch ein großer Freund des Gartenlebens und die glücklichsten Stunden seines Lebens bringt er unter den Blumen zu . Dies hat auch gewiß seinen Sinn für die Kinder so offen erhalten , da Blumen die Ebenbilder der Kinder sind . Den vollen Reichthum des unendlichen Lebens , die gewaltigen Mächte der spätern Zeit , die Herrlichkeit des Weltendes und die goldne Zukunft aller Dinge sehn wir hier noch innig in einander geschlungen , aber doch auf das deutlichste und klarste in zarter Verjüngung . Schon treibt die allmächtige Liebe , aber sie zündet noch nicht . Es ist keine verzehrende Flamme ; es ist ein zerrinnender Duft und so innig die Vereinigung der zärtlichen Seelen auch ist , so ist sie doch von keiner Heftigen Bewegung und [ k ] einer fressenden Wuth begleitet , wie bey den Thieren . So ist die Kindheit in der Tiefe zunächst an der Erde , da hingegen die Wolken vielleicht die Erscheinungen der zweyten , höhern Kindheit , des wiedergefundnen Paradieses sind , und darum so wolthätig auf die Erstere herunterthauen . Es ist gewiß etwas sehr geheimnißvolles in den Wolken , sagte Sylvester und eine gewisse Bewölkung hat oft einen ganz wunderbaren Einfluß auf uns . Sie ziehn und wollen uns mit ihrem kühlen Schatten auf und davon nehmen und wenn ihre Bildung lieblich und bunt , wie ein ausgehauchter Wunsch unsers Innern ist , so ist auch ihre Klarheit , das herrliche Licht , was dann auf Erden herrscht , wie die Vorbedeutung einer unbekannten , unsäglichen Herrlichkeit . Aber es giebt auch düstre und ernste und entsezliche Umwölkungen , in denen alle Schreken der alten Nacht zu drohen scheinen . Nie scheint sich der Himmel wieder aufheitern zu wollen , das heitre Blau ist vertilgt und ein fahles Kupferroth auf schwarzgrauen Grunde weckt Grauen und Angst in jeder Brust . Wenn dann die verderblichen Strahlen herunterzucken und mit höhnischen Gelächter die schmetternden Donnerschläge hinterdrein fallen , so werden wir bis ins Innerste beängstigt , und wenn in uns dann nicht das erhabene Gefühl unsrer sittlichen Obermacht entsteht , so glauben wir den Schrecknissen der Hölle , der Gewalt böser Geister überliefert zu seyn . Es sind Nachhalle der alten unmenschlichen Natur , aber auch weckende Stimmen der höhern Natur , des himmlischen Gewissens in uns . Das Sterbliche dröhnt in seinen Grundvesten , aber das Unsterbliche fängt heller zu leuchten an und erkennt sich selbst . Wann wird es doch , sagte Heinrich , gar keiner Schrecken , keiner Schmerzen , keiner Noth und keines Übels mehr im Weltall bedürfen ? Wenn es nur Eine Kraft giebt - die Kraft des Gewissens - Wenn die Natur züchtig und sittlich geworden ist . Es giebt nur Eine Ursache des Übels - die allgemeine Schwäche , und diese Schwäche ist nichts , als geringe sittliche Empfänglichkeit , und Mangel an Reitz der Freyheit . Macht mir doch die Natur des Gewissens begreiflich . Wenn ich das könnte , so wär ich Gott , denn indem man das Gewissen begreift , entsteht es . Könnt ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen ? Etwas Persönliches läßt sich nicht bestimmt abfragen . Wie viel weniger also das Geheimniß der höchsten Untheilbarkeit . Läßt sich Musik dem Tauben erklären ? Also wäre der Sinn ein Antheil an der neuen durch ihn eröffneten Welt selbst ? Man verstünde die Sache nur , wenn man sie hätte ? Das Weltall zerfällt in unendliche , immer von größern Welten wieder befaßte Welten . Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn . Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich zu allen Welten . Aber alles hat seine Zeit , und seine Weise . Nur die Person des Weltalls vermag das Verhältniß unsrer Welt einzusehn . Es ist schwer zu sagen , ob wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Körpers wircklich unsre Welt mit neuen Welten , unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren können , oder ob jeder Zuwachs unsrer Erkenntniß , jede neu erworbene Fähigkeit nur zur Ausbildung unsers gegenwärtigen Weltsinns zu rechnen ist . Vielleicht ist beydes Eins , sagte Heinrich . Ich weiß nur so viel , daß für mich die Fabel Gesamtwerckzeug meiner gegenwärtigen Welt ist . Selbst das Gewissen , diese Sinn und Weltenerzeugende Macht , dieser Keim aller Persönlichkeit , erscheint mir , wie der Geist des Weltgedichts , wie der Zufall der ewigen romantischen Zusammenkunft , des unendlich veränderlichen Gesamtlebens . Werther Pilger , versezte Sylvester , das Gewissen erscheint in jeder ernsten Vollendung , in jeder gebildeten Wahrheit . Jede durch Nachdenken zu einem Weltbild ausgearbeitete Neigung und Fertigkeit wird zu einer Erscheinung , zu einer Verwandlung des Gewissens . Alle Bildung führt zu dem , was man nicht anders , wie Freyheit nennen kann , ohnerachtet damit nicht ein bloßer Begrif , sondern der schaffende Grund alles Daseyns bezeichnet werden soll . Diese Freyheit ist Meisterschaft . Der Meister übt freye Gewalt nach Absicht und in bestimmter und überdachter Folge aus . Die Gegenstände seiner Kunst sind sein , und stehn in seinem Belieben und er wird von ihnen nicht gefesselt oder gehemmt . Und gerade diese allumfassende Freyheit , Meisterschaft oder Herrschaft ist das Wesen , der Trieb des Gewissens . In ihm offenbart sich die heilige Eigenthümlichkeit , das unmittelbare Schaffen der Persönlichkeit , und jede Handlung des Meisters ist zugleich Kundwerdung der hohen , einfachen , unverwickelten Welt - Gottes Wort . Also ist auch das