über alle diese Fragen keine Antwort geben zu können , ist mehr als man einem so lebhaften und wißbegierigen Volke zumuthen kann . Ueber den letzten Punkt erhalten sie zwar bei jeder Gelegenheit die verbindlichsten Erklärungen ; aber über alles Uebrige mußten sie sich einige Tage mit der allgemeinen Nachricht , die sie von meinen Leuten in größtem Vertrauen erhielten , behelfen : daß wir sehr weit herkämen , daß ich mich eines Gelübdes gegen die große Göttermutter von Berecynth99 zu entledigen hätte , und daß ich nach Athen gekommen sey , weil ja niemand sagen könnte , er habe etwas Sehenswürdiges in seinem Leben gesehen , wenn er Athen nicht gesehen hätte . Damit kamen wir nun etliche Tage so ziemlich aus : aber wie das Aufsehen , das ich gegen meine Absicht erregte , immer auffallender wurde ; wie man überall von nichts als der schönen Unbekannten sprach , und tausenderlei lächerliche Sagen , Vermuthungen und Hypothesen über sie herumliefen , fanden endlich die Gynäkonomen100 für nöthig , ihr Amt zu verrichten , und sich etwas näher , wiewohl sehr manierlich , nach meinem Namen und Stande zu erkundigen . Um ihrer recht bald und mit eben so guter Manier los zu werden , fiel mir in der Eile nichts Besser ' s ein , als mich ( mit deiner vorausgesetzten Erlaubniß ) für eine Cyrenerin , Namens Anaximandra , eine Verwandte von Aristipp , Aritadessohn , auszugeben , die , wegen der neulich zu Cyrene ausgebrochnen Unruhen , für gut gefunden hätte , auszuwandern , und sich bis zur Wiederherstellung der Ordnung in ihrer Vaterstadt in Griechenland aufzuhalten . Die Herren zogen sich nach Empfang dieser Auskunft mit allem möglichen Atticism wieder zurück , und seitdem begegnet mir , wie mich dünkt , jedermann mit verdoppelter Aufmerksamkeit und Achtung ; so groß ist der Credit , in welchen mein neuer Vetter die Stadt Cyrene bei den guten Kechenäern gesetzt hat . Du kannst dir leicht vorstellen , daß ich mich , um meinen neuen Namen und Stand gehörig zu behaupten , bei meinem Verehrer Sokrates nach dir erkundigen mußte . Um dich weder zu stolz noch zu demüthig zu machen , will ich dir nicht wieder sagen , was er von dir urtheilt . Genug , ich sagte ihm : da du , bei vielen Fähigkeiten und guten Eigenschaften , von etwas leichtem Sinne wärest , und das Vergnügen vielleicht etwas mehr liebtest , als einem edeln emporstrebenden Jünglinge zuträglich sey , so hätte die Familie geglaubt nicht besser thun zu können , als wenn sie dir auf einige Zeit das Glück um Sokrates zu seyn verschaffte ; - und er versicherte mich dagegen , die Schuld werde nicht an ihm liegen , wenn die gute Absicht deiner edeln Familie verfehlt werden sollte . Das lass ' dir gesagt seyn , Vetter Aristipp ! Wenn ich Lust hätte , dem guten Willen der Attischen Jugend von der ersten Classe , und den übel verhehlten kleinen Entwürfen ihrer Väter , einige Aufmunterung zu geben , so würde mein Aufenthalt zu Athen eine Kette von Lustpartien , Gastmählern und Vergnügungen aller Gattung seyn . Die allgemeine Schwärmerei , die meine Erscheinung erregte , ging anfangs so weit , daß ich sogar einem Freunde nicht ohne Unbescheidenheit davon sprechen kann . Ich glaube , wenn ich mit meinen drei Grazien gerades Weges vom Tempel der Aphrodite Besitz genommen hätte , niemand würde mir das Recht dazu streitig gemacht haben . Dieser Grad von Berauschung konnte natürlicher Weise von keiner langen Dauer seyn : dagegen hat der Wetteifer sich um mich verdient zu machen , bei allen , die sich durch persönliche oder angeerbte Vorzüge dazu berechtigt halten , eher zu als abgenommen . Aber ich entziehe mich den Wirkungen desselben so viel möglich , und bleibe meinem Plan getreu . Des Sokrates wegen bin ich nach Athen gekommen , und ihm vorzüglich soll die Zeit meines Hierbleibens gewidmet seyn . Ich habe mir alle Einladungen in die Häuser meiner Verehrer verbeten , und sehe , außer an öffentlichen Orten , keine Gesellschaft als in meiner eigenen Wohnung . Denn ich habe durch Vermittlung deines Freundes Eurybates ( der mir die strengste Verschwiegenheit versprochen hat ) ein ganz artiges kleines Haus mit einem geräumigen Saale gemiethet , wo sich alle Abende eine auserlesene Gesellschaft von ältern Freunden des Sokrates einfindet , unter welchen er selbst nur selten fehlt . Die jüngern sind ( zu großer Unlust des schönen Phädrus , meines erklärten Anbeters ) ohne Barmherzigkeit ausgeschlossen . Ich wollte , du könntest sehen , wie hübsch ich mich als Wirthin mitten unter einer Gesellschaft von sechs oder acht weisen Männern ausnehme , von denen der jüngste seine funfzig Jahre auf dem Rücken hat ; und wie stolz würdest du erst auf deine neue Base seyn , wenn du sie mit solchen Antagonisten über das selbstständige Schöne und Gute , über den Grund des Rechten , über das höchste Gut und über die vollkommenste Republik ganze Abende lang disputiren hörtest , und bemerktest , mit welcher Natur oder Kunst ( wie du willst ) sie diesen spröden Materien ihre Trockenheit zu benehmen , und die graubärtigen Streithähne selbst in gebührender Zucht und Ordnung zu erhalten weiß . Aber freilich darf uns dann die Hauptperson nicht fehlen ; er , dessen scharfer Blick , treffender Witz und muntre Laune ihn zur Seele unsrer Gesellschaft macht . Der undankbarste Stoff wird unter seinen Händen reichhaltig , und die scherzhafte sympotische Manier101 , womit er die subtilsten Probleme der Moral und Menschenkunde zu unterhaltenden Tischgesprächen zuzurichten weiß , scheint die verwickeltsten Knoten oft feiner , wenigstens immer zu größerm Vergnügen der Zuhörer , zu lösen , als durch eine ernsthaftere und schulgerechtere Analyse geschehen würde . Aber Ehre dem Ehre gebührt ! Die schöne Anaximandra thut natürlicherweise ihre Wirkung , und seine ältesten Freunde versichern mich , daß sie ihn in seinem ganzen Leben nie so aufgeräumt und jovialisch gesehen haben , als -