als eine Schmach in des Freiherrn Seele , und es hatte ihn eine große Ueberwindung gekostet , sich heute zur Parade zu begeben . Allerdings hatte Niemand mit ihm von dem Vorgange gesprochen , aber der Major zweifelte nicht daran , daß er vielen seiner Nebenoffiziere bereits bekannt gewesen sei . Es war gestern ein Sonntag gewesen ; die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt , in Hunderten von Familien hatte man das Ereigniß gestern fraglos mitgetheilt , und Renatus hatte es auf der Parade in den Mienen seiner Kameraden zu lesen gemeint , daß sie sich Gewalt anthäten , der Angelegenheit nicht zu erwähnen . Der Freiherr brachte am Mittage keinen Bissen über seine Lippen . Er stand vom Tische auf , weil er es nicht ertragen konnte , Vittoria ' s Gleichmuth und die unverminderte Eßlust anzusehen , mit der Valerio sich Genüge that . Als man sich von der Mahlzeit erhob , folgte Cäcilie ihrem Gatten in sein Zimmer . Er bemerkte sie kaum . Gesenkten Hauptes , die Hände auf den Rücken gelegt , ging er auf und nieder . So pflegte sein Vater umherzuwandern , wenn ihn Sorgen drückten , wenn er etwas mit sich abzumachen hatte ; aber Renatus war nicht mehr , wie einst der Freiherr , in den großen Gemächern des Richtener Schlosses , in denen man seiner Aufregung weit ausschreitend Luft machen konnte , und die Bewegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit , statt sie zu mäßigen . Er kam sich wie ein Gefangener vor , er meinte , die Wände immer näher zusammenrücken zu sehen , es versetzte ihm den Athem , und sich rasch umwendend , wie Einer , der sich zur Wehre setzen muß , schellte er dem Diener . Cäcilie fragte , was er wünsche . Ich muß mit dem Burschen zu Ende kommen ! gab er ihr zur Antwort und befahl dem Diener , ihm Valerio zu rufen , der auf dem andern Flügel bei der Mutter wohnte . Ohne eine Bewegung zu verrathen , trat derselbe bei ihm ein . Er war zu einem vollendet schönen Jünglinge erwachsen . Seine Gestalt war hoch und tadellos , der Italiener war in jedem seiner Züge , in seiner ganzen Haltung , vor Allem in seinem Mienenspiele und in seiner Geberdensprache unverkennbar , und selbst die steif machende militärische Schulung hatte den freien Adel seiner Bewegungen nicht zu unterdrücken vermocht . Du hast mich rufen lassen , Bruder ? fragte er , als er bei Renatus eintrat . Dieser hatte sich niedergesetzt , als wolle er sich damit zur Ruhe zwingen , und langsamer sprechend , als er sonst pflegte , sagte er : Ich habe Dich kommen lassen , um von Dir selber zu erfahren , welche Vorstellung Du Dir von Deiner Zukunft machst . Daß Du fort mußt , weißt Du , daß Du kein Vermögen hast , auf welches Du Dich irgend stützen dürftest , habe ich Dir gesagt , als ich Dir den Rath ertheilte , in das Heer einzutreten , und als die Gnade unseres Königs Dir die Aufnahme in das Kadettenhaus bewilligte . Er hielt inne . Valerio regte sich nicht . Er hatte den Arm auf einen kleinen Schrank gestützt , der dem Spiegel gegenüberstand , und Cäcilie , die besorgt der Unterredung folgte , konnte sich des Gedankens nicht erwehren , daß Valerio auch in diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Stellung , als mit den Worten seines Bruders beschäftigt sei . Ich spreche nicht davon , hob der Freiherr , da Valerio schwieg , auf ' s Neue an , ich spreche nicht davon , wie Du Sr. Majestät dem Könige die Gnade gedankt hast , die er Dir angedeihen lassen ; das würde , wie Du Dich erwiesen hast , eine vergebene Mühe sein . Laß uns also kurz zur Sache kommen ! Was soll aus Dir werden ? Was denkst Du mit Dir anzufangen ? Valerio änderte seine Stellung nicht ; aber er hob den Kopf , den er bis dahin gesenkt gehalten hatte , in die Höhe und sagte : Fragst Du mich das im Ernste , Bruder ? Mich dünkt , entgegnete der Freiherr bitter , Deine Lage ist nicht dazu angethan , mir Lust zum Scherzen einzuflößen ! Nun denn , rief Valerio , wenn es Dein Ernst ist , wenn Du mir jetzt wirklich endlich die Freiheit geben willst , über mich selber eine Meinung zu haben und über mich zu verfügen , so will ich Dir sagen , was ich wünsche ! - Er zögerte , als habe er ein Bedenken , es auszusprechen ; dann aber faßte er sich ein Herz , zog mit rascher Bewegung einen Sessel heran , und sich seinem Bruder gegenüber niederlassend , sagte er : Du bist immer gut gegen mich gewesen , und ich habe Dich immer lieb gehabt , Renatus ; aber Du hast meine Natur nicht verstanden , hast mich nie aufkommen lassen .... Du machst Vorwürfe , wo Du Dich entschuldigen solltest , fiel der Freiherr ihm in die Rede ; die Taktik ist nicht neu , aber sie ist hier nicht angebracht . Ich habe es heute nicht mit Deinen Bekenntnissen , nicht mit Betrachtungen über die Vergangenheit zu thun , die jetzt zu nichts mehr führen . Beantworte mir rund und nackt die Frage : Was soll aus Dir werden ? Da hob der junge Mann seinen vollen Blick auf den Freiherrn und meinte : Wenn Du auf mich geachtet hättest , brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen ! Ich werde zur Bühne gehen ! Valerio ! rief der Freiherr , als traue er seinen Ohren nicht , und plötzlich die stolze Oberlippe aufwerfend , daß seine Miene , so wenig seine Züge dem Vater glichen , dem Ausdrucke des verstorbenen Freiherrn von Arten äußerst ähnlich wurde , sprach er mit schneidender Kälte : Aber freilich , Du bist kein Arten ! Er wurde