Frieden , meiner Ruhe stören ? Erkennen Sie nicht die Bosheit Helenen ' s aus diesen Zeilen ? Von wem können sie anders kommen ? Mein gutes Kind , sagte Rudhard , der die alten eingeräumten Rechte seiner Vormundschaft nicht aufgab ; mein gutes Kind , es ist eine Eigenheit des menschlichen Charakters , daß wir Alles , was uns zu thun oder zu lassen unangenehm ist , dadurch in seiner mahnenden Nothwendigkeit herabstimmen wollen , daß wir die Motive Derer , die uns zum Guten auffordern , verdächtigen . Lassen Sie , liebe Adele , die Worte kommen , von wem sie wollen . Lassen Sie einen Teufel oder einen Engel diesen Brief geschrieben haben , er soll uns mahnen an die Wahrheit . Die Wahrheit ist darum nicht verschleiert , wenn es hier auch ihr Verkündiger ist . Handeln wir nun so , daß wir uns selbst überwinden und eine besonnene , uns ehrende Entschließung fassen . Wahrheit , sagen Sie ? rief Adele . Warum sagen Sie mir Dinge , Rudhard , die mich empören müssen ? Wahrheit wäre dieses abscheuliche Wort von der Mutter und Tochter ? Wie könnte Olga wagen - Olga ? Auf keine andere Thatsache werd ' ich Rede stehen . Wird Wildungen von Olga geliebt ? Haben Sie dafür Beweise ? Ich rede von Olga nicht .... Nicht von Olga ? Sie könnten kommen , nur mich zu quälen ? Sie könnten sagen , wir müssen reisen , und denken nicht an die Gefahren , denen höchstens meine Kinder ausgesetzt sind ? Rudhard schwieg . Das war eine so kühne Parade der gereizten jungen Frau , daß ihm seine Waffe fast aus der Hand flog und er anfangs nichts erwidern konnte , als ein kopfschüttelndes : Hm ! hm ! hm ! Machen Sie Vorschläge , Olga in ein Institut , in eine Pension zu geben ! sagte Adele , ohne ihre gewaltigen , fast hörbaren Herzschläge bekämpfen zu können . Rudhard stand auf . Sein ganzer innerer Mensch war ergriffen , erschüttert . Er sah eine Mutter , so beherrscht von Leidenschaft , daß sie ihr eigenes Kind aus Eifersucht von sich entfernen wollte . Heftig schritt er auf das Fenster zu , als fürchtete er , daß es offen stünde . Er lüftete die Portière und sagte : Adele , hier die Eingangsthür Ihres Schlafkabinets ist wol nicht verschlossen ? Es ist Alles verschlossen , lassen Sie , lassen Sie ! antwortete Adele ungeduldig . Wenn man uns hörte , belauschte , wenn Olga - Welche Schonung ? fuhr Adele mit gesteigerter Ungeduld fort . Ich werd ' es ihr in ' s Gesicht sagen , daß sie die schlechteste französische Aussprache von der Welt hat , daß man englisch lernen muß , daß es in Brüssel Institute gibt , in denen die Töchter eines Reichskanzlers noch Fortschritte machen können ... Adele ! Adele ! rief Rudhard und hielt ihr den andern Brief entgegen . Olga ist sechszehn Jahre , reif für das Leben , reif für jede Zukunft , die Frauen nur erwarten können , und hier ist ein Brief des Barons Otto von Dystra ! Verheirathen Sie Ihr Kind , aber verpflanzen Sie einen Baum nicht mehr unter die kleinen Gesträuche . Adele nahm den Brief jenes Otto von Dystra , den Rudhard erwähnt hatte , und durchflog ihn . Wenn Rudhard nicht in unruhigster Bewegung auf- und abgeschritten wäre , hätte er ein Geräusch hinter dem Vorhange hören müssen . Es war Olga , die in einem Drange , den sie früher nie gekannt hatte , heute , wo ihr das unaussprechlichste Glück vom Himmel gespendet war , nicht ohne einen Nachtgruß von der Mutter scheiden wollte . Sie wußte selbst nicht , war es Neckerei , Übermuth oder Großmuth , was sie trieb , an das auf den Corridor gehende Pförtchen des Schlafkabinets zu klopfen . Sie hatte den Drücker erfaßt und die Thür offen gefunden . Da sie Gespräch hörte , wollte sie sich zurückziehen . Wie sie aber ihren Namen nennen hörte , den ihr oft genannten und von Odessa her noch in ihr Ohr tönenden Namen Otto von Dystra vernahm , hielt sie den Athem an und blieb stehen . Da es , während die Mutter den Brief las , wieder ruhig wurde , wäre sie fast durch den Vorhang geradezu eingetreten . Nur Rudhard ' s heftiges Auf- und Abgehen sagte ihr , daß sie doch wol stören würde . Die Mutter begann jetzt : Nun gut ! Nun gut ! So ist es ja in der Ordnung ! Der Plan ist ja alt und hat immer meine vollste Billigung gehabt . Der Fürst hatte nur unser Bestes im Auge . Die merkwürdigsten Umstände vereinigten sich , Olga ' s Hand einst für den Baron von Dystra zu bestimmen . Er wird von Amerika kommen . Sie ist entwickelt genug , um sich ihm zu verloben . Ich war wenig älter , als ich dem Fürsten nach Odessa folgte . Rudhard blieb stehen . Olga lauschte mit Herzschlägen , die ihr eigenes Ohr vernahm . Finden Sie diese Partie so unangenehm ? fragte Adele , als Rudhard unentschlossen blieb . Otto von Dystra ist ein merkwürdiger seltener Mensch , aber den Funfzigen nahe ; verwachsen , ein Sonderling ... sagte Rudhard . Sie kennen ihn nicht persönlich , antwortete die Mutter . Es ist der Mann der ewigen Jugend . Reich , ein Jugendfreund des Fürsten , treu , ausharrend , edel . Die Verbindung mit unserer Familie war ein Lieblingswunsch meines Mannes . Wäsämskoi starb beruhigt , als in seinen letzten Augenblicken ein Brief aus Washington kam und ihm Dystra schrieb : Freund , meine Fahrten zur See und zu Lande sind zu Ende , ich lege meine Stelle als Botschafter des Kaisers bei den Vereinigten Staaten nieder , ich komme nach Europa und biete den Deinen an , was ich besitze . Ist deine Schwester oder irgend eine alte Tante