gehen ließ , wo die Wachsamkeit lullte , da geschah ' s. Eines Tages , wie aus dem Boden aufgestiegen , waren zwei Konkurrenzmächte da : die Grünthaler und die Jostysche . Jetzt , wo sich ein freierer Überblick über ein halbes Jahrhundert ermöglicht , ist die Gelegenheit gegeben , auch ihnen gerecht zu werden . Es ist jetzt die Möglichkeit da , die Dinge aus dem Zusammenhange zu erklären , das Zurückliegende aus dem Gegenwärtigen zu verstehen . Beide Neugetränke hatten einen ausgesprochenen Heroldscharakter , sie waren Vorläufer , sie kündigten an . Man kann sagen : Berlin war für die Bayersche noch nicht reif , aber das Seidel wurde bereits geahnt . Die Grünthaler , die Jostysche , sie waren eine Kulmbacher von der milderen Observanz ; die Jostysche , in ihrem Hange nach Milde , bis zum Coriander niedersteigend . Beide waren , was sie sein konnten . Darin lag ihr Verdienst , aber doch auch ihre Schwäche . Ihr Wesen war und blieb – die Halbheit . Und die Halbheit hat noch nie die Welt erobert , am wenigsten Berlin . So herrschten denn die alten Mächte vorläufig weiter . Aber nicht auf lange . Die Notwendigkeit einer Wandlung hatte sich zu fühlbar herausgestellt , als daß es hätte bleiben können wie es war . Die Welt , wenn auch nach weiter nichts , sehnte sich wenigstens nach Durchbrechung des Monopols , und siehe da , was den beiden Vorläufern des Seidels nicht hatte glücken wollen , das glückte nunmehr , in eben diesen Interregnumstagen , einer dritten Macht , die , an das Alte sich klug und weise anlehnend , ziemlich gleichzeitig mit jenen beiden ins Dasein sprang . Diese dritte Macht ( der Leser ahnt bereits , welche ) hatte von vornherein den Vorzug , alles Fremdartigen entkleidet , auf unserem Boden aufzutreten ; – märkisch national , ein Ding für sich , so erschien die Werdersche . Sie war dem Landesgeschmack geschickt adaptiert , sie stellte sich einerseits in Gegensatz gegen die Weiße und hatte doch wiederum so viel von ihr an sich , daß sie wie zwei Schwestern waren , dasselbe Temperament , dasselbe prickelnde Wesen , im übrigen reine Geschmackssache : blond oder braun . In Kruken auftretend , und über dreimal gebrauchten Korken eine blasse , längst ausgelaugte Strippe zu leichtem Knoten schürzend , war sie , die Werdersche , in ihrer äußerlichen Erscheinung schon , der ausgesprochene und bald auch der glückliche Konkurrent der älteren Schwester , und die bekannten Kellerschilder , diese glücklich realistische Mischung von Stilleben und Genre , bequemten sich mehr und mehr neben der blonden Weißen die braune Werdersche ebenbürtig einzurangieren . Die Verhältnisse , ohne daß ein Plan dahin geleitet hätte , führten über Nacht zu einer Teilung der Herrschaft . Die Werdersche hielt mehr und mehr ihren Einzug über die Hintertreppe ; in den Regionen der Küche und Kinderstube erwuchs ihr das süße Gefühl , eine Mission gefunden und erfüllt zu haben ; sie wurde Nährbier in des Wortes verwegenster Bedeutung und das gegenwärtige Geschlecht , wenn auch aus zweiter Hand erst , hat Kraft und Leben gesogen aus der » Werderschen « . Dessen seien wir gedenk . Das Leben mag uns losreißen von unserer Amme ; aber ein Undankbarer , der sie nicht kennen will , oder bei ihrem Anblick sich schämt . – Sieh nur , sieh ! wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägt , Wie der Fluß , in Breit ' und Länge , So manchen lustigen Nachen bewegt , Und , bis zum Sinken überladen , Entfernt sich dieser letzte Kahn . Faust So viel über die » Werdersche « . Wir kehren zu den » Werderschen « zurück . Vom Knie bis zur Stadt ist nur noch eine kurze Strecke . Wir schritten auf die Brücke zu , die zugleich die Werft , der Hafen- und Stapelplatz von Werder ist . Hier wird aus- und eingeladen , und die Bilder , die diesen Doppelverkehr begleiten , gehen dieser Stelle ihren Wert und ihre Eigentümlichkeit . Der gesamte Hafenverkehr beschränkt sich auf die Nachmittagsstunden ; zwischen fünf und sechs , in einer Art Kreislauftätigkeit , leeren sich die Räume des aus der Hauptstadt zurückkehrenden Dampfers und seines Beikahns wie im Fluge , aber sie leeren sich nur , um sich unverzüglich wieder mit Töpfen und Tienen zu füllen . Es ist jetzt fünf Uhr . Der Dampfer legt an ; die Entfrachtung nimmt ihren Anfang . Über das Laufbrett hin , auf und zurück , in immer schnellerem Tempo , bewegen sich die Bootsleute , magere , aber nervige Figuren , deren Beschäftigung zwischen Landdienst und Seedienst eine glückliche Mitte hält . Wenn ich ihnen eine gewisse Matrosengrazie zuschriebe , so wäre das nicht genug . Sie nähern sich vielmehr dem Akrobatentum , den Vorstadtrappos , die sechs Stühle übereinander türmen und , den ganzen Turmbau aufs Kinn oder die flache Hand gestellt , über ein Seil hin ihre doppelte Balancierkunst üben : der Bau darf nicht fallen und sie selber auch nicht . So hier . Einen Turmbau in Händen , der sich aus lauter ineinander gestülpten Tienen zusammensetzt und halbmannshoch über ihren eigenen Kopf hinauswächst , so laufen sie über das schwanke Brett und stellen die Tienentürme in langen Reihen am Ufer auf . Im ersten Augenblick scheint dabei eine Willkür oder ein Zufall zu walten ; ein schärferes Aufmerken aber läßt uns in dem scheinbaren Chaos bald die minutiöseste Ordnung erkennen und die Tienen stehen da , militärisch gruppiert und geordnet , für den Laien eine große , unterschiedslose Masse , aber für den Eingeweihten ein Bataillon , ein Regiment , an Achselklappe , Knopf und Troddel aufs Bestimmteste erkennbar . So viele Gärtner und Obstpächter , so viele Kompanien . Zunächst unterscheiden sich die Tienen nach der Farbe und zwar derart , daß die untere Hälfte au naturel auftritt , während die obere , mehr sichtbare Hälfte , in