warf sich auf ein Kanapé , das an einer dünnen Wand stand , die dies Zimmer von dem nebenan befindlichen Schlafkabinet der Fürstin trennte . Eine große Öffnung dieser Wand war mit einer Portière versehen , die eben aufstand . Verdrießlich ließ die Fürstin die Portière fallen , streckte sich ermüdet auf das Kanapé und ergriff , indem sie eine ihr nachgetragene Lampe sich näher rückte , eins von den Büchern , die neben ihr auf dem Tische lagen . Es waren dies Bücher , die Rudhard zu wählen pflegte . Seit Jahren hatte sie Das gelesen , was er empfahl ; größtentheils Reisebeschreibungen , leichte geschichtliche Werke , populaire Denkübungen , Schriften , die der Phantasie keinen Schwung gaben . Sie hatte Goethe ' s Wilhelm Meister heute nennen hören . Sie kannte dies Buch gar nicht . Sie besaß es in der kleinen Bibliothek , die zu der Einrichtung des gemietheten Hauses gehörte . Es standen da Goethe ' s sämmtliche Werke in einer kleinen unschönen Ausgabe in einem Glasschranke des Zimmers , den sie noch nicht einmal geöffnet hatte . Sie that dies heute zum ersten male und suchte von Goethe ' s Werken den Theil heraus , der Wilhelm Meister ' s Lehrjahre enthielt . Sie wollte sie kennen lernen . Es quälte , es drückte sie , daß sie in so vielen Dingen nicht au niveau eines gebildeten Gespräches stand und durch ihre gesellschaftliche Würde , durch das Vorschützen der Mutterpflichten die Lücken verdecken mußte , die sie in sich selber fühlte . Sie begann die Blätter des ungelesenen Buches , die noch zusammenklebten , aufzuschlagen und durchflog sie . Aber auch zum Lesen gehört Virtuosität . Adele besaß nichts davon . Ein Schriftsteller mußte sie sogleich auf der ersten Seite ergreifen , anders konnte sie ihm nicht folgen . Erst ihn gewähren lassen , erst lauschen , wohin er uns wol führen würde , Das ermüdete sogleich ihre Spannung , und die Erzählungen über Puppenspiele , mit denen jenes so situationsreiche Werk beginnt , widerstanden ihr sogleich . Sie nannte sie , wie einst Lasally auf Hohenberg , kindisch . Sie besaß nichts von jener Naivetät , die das Kennzeichen des Genies oder der Bildung ist . Sie hatte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch gelegt , als es klopfte . Sie gab keine Antwort ; denn sie glaubte , einer der Bedienten käme und brächte vielleicht Briefe oder Zeitungen . Ein flüchtiger Blick auf Egon ' s so viel gerühmte Rede würde ihrem gedrückten Geiste etwas Spannung geben , hoffte sie . Aber es klopfte wieder . Sie rief : Wer ist da ? Und Rudhard war es , der draußen fragte , ob er eintreten dürfe ? Kommen Sie doch ! Was gibt es denn ? sagte sie , erschrocken , daß ihrer vielleicht etwas Unangenehmes harrte . Rudhard trat mit einer gewissen Feierlichkeit ein , mit Papieren in der Hand . Meine liebe Adele , sagte er mit so viel Milde , als ihm zu Gebote stand . Ich muß Sie noch heute Abend stören . Ich habe mit Ihnen zu sprechen . Was ist ? Worüber ? Nur nichts , was mich aufregt ! Bis morgen ! Nein , nein , sagte Rudhard und nahm sich ohne Weiteres einen Stuhl , am Abend faßt man Entschlüsse , beschläft sie des Nachts , prüft sie morgens und führt sie den Tag über aus . Was haben Sie denn ? Wegen der Kinder ? Ich möchte Ihnen , meine gute Adele , sagte Rudhard ruhig und gemessen , ich möchte Ihnen vorschlagen , daß wir den längeren Aufenthalt in dieser Stadt abbrechen und uns , ehe noch der Winter da ist , beeilen , nach einer südlichen Stadt zu ziehen . Adele sah ihren alten Erzieher erstaunt an . Wie kommen Sie darauf ? fragte sie . Ich stand früher mit Frau von Osteggen , mit dem Fürsten Wäsämskoi und seiner Gemahlin so , daß , wenn ich irgend einen Gedanken zum Heile der Familie mit einer gewissen innern Überzeugung von seiner Nothwendigkeit aussprach , dieser nicht erst lange geprüft , sondern wirklich ausgeführt wurde . Lassen Sie uns reisen , Fürstin ! Morgen lieber als jeden andern Tag ! Ich bitte Sie darum . Adele richtete sich von ihrer liegenden Stellung auf und gab dem väterlichen Freunde ihr Erstaunen zu erkennen , was ihn zu diesem Entschluß veranlassen könnte . Bekommt Ihnen das Klima nicht ? Bekommt es mir , den Kindern nicht ? sagte sie . Und als Rudhard schwieg , fuhr sie fort : Sind die Unterrichtsanstalten nicht vorzüglich ? Hab ' ich nicht guten Umgang ? Oder soll ich der Möglichkeit ausweichen , mit Helenen in Berührung zu kommen ? Als Rudhard alle diese Fragen verneinte , sagte Adele , sich wieder legend : Dann bleib ' ich auch da und reise nicht mehr . Rudhard nahm darauf eins von den Papieren , die er in der Hand hielt , und überreichte es , ohne ein Wort zu sprechen , der erstaunten Fürstin . Diese las in französischer Sprache : » Mein Herr , es ist unverantwortlich , wie Sie der öffentlichen Meinung die Blöße geben und durch Ihre Beziehung zu Herrn Wildungen die Moralität der Ihrer Obhut anvertrauten Familie verdächtigen können . Es ist das Gespräch aller Cirkel , daß in Ihrem Hause Mutter und Tochter in der Leidenschaft für jene genannte Persönlichkeit wetteifern . Erkennen Sie hierin die Warnung eines Freundes ! « Wer hat Das geschrieben ? fragte Adele und erhob sich mit leidenschaftlicher Gebehrde . Eine Person , sagte Rudhard in aller Ruhe , seine Aufregung unterdrückend , eine Person , die in der Lage ist , ihre erbärmliche Insinuation durch Motive zu heiligen , die leider auf unwiderruflichen Thatsachen beruhen . Wie ? rief Adele mit dem Ausbruche des ganzen Zornes , dessen phlegmatische Naturen in äußersten Fällen fähig sind . Wie ? auf diese jämmerliche Anonymität hin wollen Sie mich aus meinem