vermehren und nehmen Fremde nur ungern unter sich auf . Sie sind stark , nervig , abgehärtet , sehr beweglich . Sie stehen bei früher Tageszeit auf und gehen im Sommer schon um zwei Uhr an die Arbeit ; sie erreichen siebzig , achtzig und mehrere Jahre und bleiben bei guten Kräften . Ihre Kinder gewöhnen sie zu harter Lebensart ; im frühesten Alter werden sie mit in die Weinberge genommen , um ihnen die Liebe zur Arbeit mit der Muttermilch einzuflößen . Die Kinder werden bis zum achten oder neunten Jahre in die Schule geschickt , lernen etwas lesen , wenig schreiben und noch weniger rechnen . Die meisten bleiben ungesittet ; das kommt aber nicht in Betracht , weil ihnen an dem zeitlichen Gewinn gelegen ist . Viele natürliche Fähigkeiten sind bei ihnen nicht anzutreffen und sie halten fest am Alten . Sie lieben einen springenden Tanz , und machen Aufwand bei ihren Gastmählern . Im übrigen aber leben sie kärglich und sparsam und suchen sich durch Fleiß und Mühe ein Vermögen zu erwerben . « Welche Stabilität durch anderthalb Jahrhunderte ! Im übrigen , wenn man festhält , wie tief der Egoismus in aller Menschennatur überhaupt steckt und daß es zu alledem zwei » Fremde « , zwei » Zugezogene « waren , die den Werderanern die vorstehenden , gewiß nicht allzu günstig gefärbten Zeugnisse ausstellten , so kann man kaum behaupten , daß die Schilderung ein besonders schlechtes Licht auf die Inselbewohner würfe . Hart , zäh , fleißig , sparsam , abgeschlossen , allem Fremden und Neuen abgeneigt , das Irdische über das Überirdische setzend – das gibt zwar kein Idealbild , aber doch das Bild eines tüchtigen Stammes , und das sind sie durchaus und unverändert bis diesen Tag . Wir haben uns bis hierher ausschließlich mit den Bewohnern beschäftigt ; es erübrigt uns noch , in die Stadt selbst einzutreten und , soweit wir es vermögen , ein Bild ihres Wachstums , dann ihrer gegenwärtigen Erscheinung zu geben . Der nur auf das Praktische gerichtete Sinn , der nichts Höheres als den Erwerb kannte , dazu eine Abgeschlossenheit , die alles Lernen fast mit Geflissentlichkeit vermied , all diese Züge , wie wir sie aus doppelter Schilderung kennengelernt haben , waren begreiflicherweise nicht imstande , aus Werder einen Prachtbau zu schaffen . Es hatte seine Lage und seine Kirche , beide schön , aber die Lage hatte ihnen Gott und die Kirche hatten ihnen die Lehniner Mönche gegeben . An beiden waren die Werderschen unschuldig . Was aus ihnen selbst heraus entstanden , was ihr eigenstes war , das ließ allen Bürgersinn vermissen , und erinnerte an den Lehmkatenbau der umliegenden Dörfer . Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bestanden die Häuser aus Holz , Lehm und gestakten Wänden , die hölzernen Schornsteine zeigten einen riesigen Umfang und die Giebelfronten waren derart , daß immer eine Etage vorspringend über die andere hing . Die Häuser waren groß , aber setzten sich zu wesentlichstem Teile aus Winkeln , Kammern und großen Böden , selbst aus unausgebauten Stockwerken zusammen , so daß die Familie meist in einer einzigen Stube hauste , die freilich groß genug war , um dreißig Personen bequem zu fassen . Im Einklang damit war alles übrige : die Brücke baufällig , die Straßen ungepflastert , so daß , in den Regenwochen des Herbstes und Frühjahrs , die Stadt unpassierbar war und der Verkehr von Haus zu Haus auf Stelzen oder noch allgemeiner auf Kähnen unterhalten werden mußte . In allem diesem schaffte endlich das Jahr 1736 Wandel . – Dieselben beiden Faktoren : » das Königtum und die Armee « , die überall hierzulande aus dem kümmerlich Gegebenen erst etwas machten , waren es auch hier , die das Alte abtaten und etwas Neues an die Stelle setzten . Die Armee , wie unbequem sie dem einen oder andern sein mochte , damals wie heute , sie sicherte , sie bildete , sie baute auf . So auch in Werder . Es war im Spätsommer genannten Jahres ( 1736 ) , als das eben damals in Brandenburg garnisonierende 3. Bataillon Leibgarde Befehl erhielt , zur Revue nach Potsdam zu marschieren , und zwar über Werder . Der Befehl lautete so bestimmt wie möglich ; so blieb nichts anderes übrig , als dem Könige rund und nett zu erklären , daß die Brücke zu Werder unfähig sei , das 3. Bataillon Leibgarde zu tragen . Die Gardemänner aber , etwa im Gänsemarsch , einzeln in die Stadt einrücken zu lassen , dieser Vorschlag wurde gar nicht gewagt ; Friedrich Wilhelm I. würde ihn als einen Affront geahndet haben . So gab es denn nur einen Ausweg , eine – neue Brücke . Der König ließ sie aus Schatullengeldern in kürzester Frist herstellen . Eine neue Brücke war nun da ; aber auch in der Stadt selber sollte es anders werden . Ein Kommando des Leibregiments , aus Gründen , die nicht ersichtlich , war in Werder geblieben und im Spätherbst erschien Se . Majestät in der Inselstadt , um über seine einhundertundfünfzig Blauen eine Spezialrevue abzuhalten . Es war die unglücklichste Jahreszeit : die Karosse des Königs blieb mitten auf dem Markt im Moraste stecken , ein Parademarsch wurde zu einem Unding und die Ungnade des Königs , wenn dergleichen nicht wieder vorkommen sollte , wandelte sich von selbst in eine Gnade um : Werder wurde gepflastert . Die Kirche » Zum heiligen Geist « , auf der höchsten Stelle der Insel malerisch gelegen , war schon zwei Jahre vorher einem Neubau unterzogen worden ; ob sie schönheitlich dadurch gewonnen hatte , wird zu bezweifeln sein ; die Lehniner Mönche verstanden sich besser auf Kirchenbau als der Soldatenkönig . Jedenfalls verbietet sich jetzt noch eine Entscheidung in dieser Frage , da die Renovation von 1734 längst wieder einem neuen Umbau gewichen ist , einer wiederhergestellten , spitzenreichen Gotik , die , in der Nähe vielleicht mannigfach zu beanstanden , als Landschaftsdekoration aber