sich zu beschäftigen liebte , unter denen ihm endlich das Bewußtsein schwand und Schlaf und Traum ihn sanft umfingen . Neuntes Capitel Die Gräfin und Hildegard hatten die Ruhe nicht so leicht gefunden . Das Erbe , welches der Letzteren zugefallen , war noch weit beträchtlicher , als man es erwartet hatte , und der Gedanke , die Tochter ohne alle Nothwendigkeit mit dem Grafen Gerhard sich verbinden zu sehen , dessen Vergangenheit , trotz der Gunst und königlichen Gnade , deren er sich gegenwärtig rühmen durfte , doch immer eine bedenkliche blieb und für den eine Herstellung nicht zu hoffen war , während man ein langes , furchtbares Siechthum für ihn befürchten mußte , widerstrebte der verständigen Einsicht der Mutter auf das höchste . Aber ihre Vorstellungen , ihre Bitten , ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegard ' s Entschlossenheit . Der Graf hatte sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern gewußt , er hatte sich ihr so geschickt und mit so vielem Behagen an der von ihm verübten Täuschung immer als einen durch sie Bekehrten dargestellt , ihre Neugier auf die Geheimnisse in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und befriedigt worden , seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begriffe von Sitte , von des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und von des Weibes großmüthig verzeihender Liebe so verfälscht , daß die Gräfin es plötzlich mit Erstaunen wahrnahm , wie der Boden sich verändert hatte , auf welchem ihre Tochter stand . Es fiel ihr schwer , zu glauben , daß Hildegard , obschon sie in der Mitte der Dreißiger war , für den um zwanzig Jahre älteren , kranken Mann je etwas Anderes als antheilvolles Mitleiden , als eine dankbare Ergebenheit empfunden haben könne . Indeß Hildegard hatte sich so fest in den Gedanken eingelebt , der Schutzengel des Grafen zu sein , und dieser hatte während ihres ersten gemeinsamen Aufenthaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte Empfindung und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des von Renatus verlassenen Mädchens von Anfang an so geschickt von Renatus auf sich zu übertragen gewußt , daß Hildegard schon lange an den Grafen gekettet gewesen war , ohne sich dessen bewußt zu sein . Trotz aller Vorstellungen der Mutter nannte sie sich entschieden glücklich , dem geliebten Manne , dem sie , und sie allein , den Glauben an alles Edle und Erhabene wiedergegeben hätte , den Abend seines Lebens verschönen zu können , und in seiner reinen , sie anbetenden Liebe einen reichen Ersatz für die Leiden zu finden , welche der Leichtsinn des Freiherrn Renatus ihr bereitet hatte . Alles , was die Gräfin von der Tochter an dem Abende erlangen konnte , war das Zugeständniß , daß die Verlobung nicht bekannt gemacht werden solle , ehe man nicht die Prinzessin , welche sich Hildegarden stets als eine so gnädige Beschützerin gezeigt , davon in Kenntniß gesetzt und ihren Rath und ihre Zustimmung dazu erbeten haben würde . Aber schon bei ihrem Erwachen begrüßten ein Brief und eine Sendung des Grafen seine Braut , und noch ehe die Stunde gekommen war , in welcher man daran denken konnte , die Prinzessin aufzusuchen und bei ihr vorgelassen zu werden , brachte einer ihrer Lakaien Hildegarden ein paar Zeilen von der Prinzessin eigener Hand , mit denen sie ihr zu der Wendung , welche ihr Schicksal genommen habe , ihren Glückwunsch aussprach . Sie nannte es schön , daß ihr früheres Liebeswerk ihr die Möglichkeit gewähre , in Werken der Liebe fortzufahren , und die Prinzessin rühmte dabei die Herzensfeinheit des Grafen ganz ausdrücklich , der ihr vor allen Andern die Mittheilung des geschlossenen Bundes habe zukommen lassen , da er sicher gewesen sei , daß sie sich jedes Guten freuen würde , welches Hildegarden von der Vorsehung beschieden sei . Damit stand nun die Verlobung als eine Thatsache fest . Denn der Graf hatte sich nach seiner früheren Geschäftserfahrung rechtzeitig daran erinnert , daß es Fälle gibt , in denen man rasch handeln und den Andern zuvorkommen muß , wenn man seiner Sache sicher sein will , und die Genugthuung , die er über seine Entschlossenheit fühlte , verlieh ihm , wie er meinte , wirklich eine neue Kraft . Es war noch früh am Morgen , als er schon bei der Braut erschien , und es sah aus , als habe er heute des Dieners , auf dessen Arm er sich zu stützen pflegte , kaum noch nöthig . Hildegard eilte ihm auch gleich entgegen , ihm ihren Arm zu reichen , und der Graf hatte es so geschickt erlernt , sich mit allerlei kleinen Künsten von einem Platz zu dem andern fortzuhelfen , daß selbst die Gräfin Rhoden sich es nicht versagte , heute der Hoffnung auf seine Herstellung Raum in sich zu geben . Die Mutter hatte gewünscht , ihrer verheiratheten Tochter gleich am Morgen die Nachricht von Hildegard ' s Erbschaft und Verlobung zukommen zu lassen , aber diese war anderer Meinung . Sie beabsichtigte , der Schwester die Kunde selbst zu überbringen , und das konnte nicht sogleich geschehen . Der frühe Besuch des Grafen , eine Besprechung mit dem Gesandten , die gerichtlichen Vollmachten , welche die neue Erbin auszustellen hatte , nahmen Zeit in Anspruch . Es verstand sich von selbst , daß die Verlobten sich ihrer Beschützerin , der Prinzessin , präsentirten , und es war natürlich , daß die Braut ihre jetzigen Möglichkeiten zu benutzen und sich für die Vorstellung bei der Prinzessin und eben so für den Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen Verhältnissen einzurichten begehrte . Unter Besorgungen , Berathungen und Einkäufen gingen die Stunden hin . Hildegard und der Graf waren beide nicht die Stärksten , die ungewohnten Anstrengungen ermüdeten sie , Einer war für den Andern auf Schonung bedacht , man mußte etwas Ruhe haben , und der späte Nachmittag kam also heran , ehe man sich anschickte , zu der Schwester hinzufahren . Die Stadt war schon leerer geworden , der König hatte sich ,