verbot sich ohne Erlaubniß zu entfernen ... Frau von Sicking war unter allen die verlassenste ... Doch war ihr Besitzthum glücklicherweise nicht genannt worden ... Sie ließ sich von Jedem , der noch nicht im Besitz seiner Pelze , Mäntel , Fußsäcke war , Bericht erstatten von der gestrigen Vision Paula ' s und sah sich zuletzt nach ihrer bei alledem doch fast zu auffallend schreckhaften Begleiterin um ... Wo ist mein Fräulein ? rief sie ... Ein Jäger sagte , das Fräulein wäre wie ein angeschossener Vogel gewesen plötzlich verschwunden ... Man suchte sie ... Lucinde war nicht zu finden ... Mit Verdruß über » diese doch merkwürdigen Sonderbarkeiten « , aber mit interessanten Thatsachen für ihre weitverzweigte Correspondenz bereichert , fuhr Frau von Sicking allein nach Hause . 17. Friede ! ... Linder , sanfter , himmlischer Friede ! ... Du , der du Stirnen kühlst , die noch vom Kampf des Lebens erglühen , lindernden Balsam träufelst auf Herzen voll Kummer - deine heiligsten Tempel baut dir Mutter Natur ! Doch du segnest auch jedes bescheidene Dach , wo das Echo des schallenden Marktes verhallt , wo nur der Pendelschlag der Uhr - fernklingendes Schärfen der Sichel Saturn ' s ! - uns in die grünen Matten versetzt , in die zeit- die raumlosen , die Paula ' s geschlossenes Auge erblickt ! Segnest dem ermüdeten Wanderer sein Lager mitten auf Landstraßen ! Segnest dem zum Tod ermatteten Krieger noch am Abend der verlorenen Schlacht , unbekümmert um des Siegers Ueberfall , mitten auf dem Weg seiner Triumphe , die Schlummerstätte ! Zahllos sind die Wohnungen des Friedens auch noch auf dieser streitbewegten Erde ... Traulicher jedoch spinnt sich nicht die Spinne in ihr Netz , als es die Liebe versteht . Glückliche , die erlaubte Liebe , die sieht sich noch zuweilen um und beobachtet die Welt , ob sie auch bei so viel Glück noch steht , beobachtet die Menschen , ob sie auch neidisch sind ... Aber die ungestandene , die verschwiegene Liebe hat Ohr und Auge verloren ... Sind da Sterne vom Himmel gefallen , sind Thürme eingestürzt , war ein Erdbeben - indessen der Lampe milder Schimmer das Antlitz der Geliebtesten beschien , indessen die Weiße ihrer Hand wetteifernd mit den Spitzen , an denen sie stickte , glänzte ? Das Ohr hörte nichts . Schwirrte ein Käfer in ihrer Nähe , fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nähtisch zu Boden - das waren Weltbegebenheiten ... So in traulicher Stille und Verlorenheit der Gedanken saß Bonaventura in diesen Stunden bei Paula ... Nicht allein waren sie heute - Tante Benigna kehrte beiden im grünen Zimmer den Rücken und schrieb und las an einem geöffneten Schreibbureau ... Sollte Armgart wirklich zur Jagd sein ? Und : Wenn nur kein Unglück geschieht ! ... Das waren die beiden einzigen Worte , die , viertelstündlich wiederholt , die Liebenden störten ... Bonaventura hatte seit vorgestern Abend den Weg zur Erde nicht mehr zurückfinden können . Er schwebte in Lüften . Verpflichtungen gab es nach allen Seiten hin , nach Schloß Neuhof zur Mutter , nach Himmelpfort zu Klingsohr , Briefe und geschäftliche Mahnungen drängten , auch Müllenhoff ' s , seines polternden Wirthes Zumuthungen ; Sorge drückte ihn um Benno , auf dessen dunkles Leben der Brief des Onkels so seltsam neue Streiflichter hatte fallen lassen , auch ein längst bezweckter längerer Besuch bei Hedemann , alles das drängte auf ihn ein - aber er entschied sich für nichts , er entschloß sich zu nichts , es zog ihn nach Westerhof ... Gestern gegen Mittag hatte Paula die Vision von den Flammen gehabt ... Er sah und hörte ihr angstvolles Ringen mit der unheimlichen Anschauung und mußte sie , da sie der Ruhe bedurfte , verlassen , gefoltert von den Bildern , die Paula sah . Es waren Bilder des Brandes und der Zerstörung . Es waren Bilder , die ihn an seine Beichtgeheimnisse , seine stummen schweren Bürden , erinnerten - Bürden , deren er sich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen ... Sprechen durfte er wol : Terschka ist mir verdächtig ! Oder : Wenn Nück etwas im Schilde führte ! ... Aber das war auch alles ... mehr zu sagen war ihm nicht erlaubt ; denn bei genauerm Hinweis wußte jeder sogleich , er stellte Beichtbekenntnisse bloß ... Der Tag war so öde hingegangen , so einsam ... Sein Herz klopfte ... Wem sollte er sich vertrauen ? Bei wem Beruhigung suchen ! ... Ziemten seine Empfindungen dem Priesterherzen ? ... Und hätte er sich vielleicht auch zu Benno , der selber litt , aussprechen dürfen , er räumte dem Stifter des Cölibats , Gregor VII. ein , daß kein Gefühl uns in der That mit größerm Egoismus erfüllt , als die Liebe ... Doch , setzte er hinzu , vielleicht nur die ringende , die kämpfende , nicht die glückliche Liebe ... Auf seinem Zimmer schloß er sich ein und las in seinen mitgebrachten Büchern erst im Augustinus , dann in seiner geliebten » Trutz-Nachtigall « , schrieb auch selbst in sein » Sünden-Brevier « , wie er ein kleines Büchlein seiner geheimsten Gedanken nannte : Ich kann es nicht sagen - was jeder doch weiß ! Ich kann es nicht tragen - und trag ' s doch so heiß ! Ich kann es nicht finden - was überall liegt ! Ich kann es nicht binden - und hab ' s doch besiegt ! Ihr Sterne behütet ' s ? Das dank ' ich euch nicht ! Dich schelt ' ich , o Mond , der sein Schweigen nicht bricht ! O Sonne , o Sonne ! Mit strahlender Miene Sag ' du es der Welt , welcher Königin ich diene ! So im Lied sich tröstend und erhebend , voll Ahnung in den Frühling sich versetzend , in Wonneschauern schon die erste Lerche sehend , die im Felde aufsteigt , wirbelt , immer höher und höher sich schwingt , schrieb