Sicherheit den Armen Moral , Religion und Reinlichkeit predigten . Warum sollten sie denn nicht stehlen , wenn sie hungerten ? Warum an Gott glauben , der sich nicht um sie kümmerte ? Wie konnten sie reinlich sein , wenn sie kein Geld hatten , Seife zu kaufen ? Agathe schämte sich , mit gutem Schuhwerk , in ihrer warmen Winterjacke zu ihnen zu kommen — sie schämte sich , etwas zu geben , das , wie sie wohl wußte , die Not nicht ändern konnte — mit dem sie selbst sich nur die Vollendung im Glauben erkaufen wollte . Trotz heißer Bemühungen wurde sie keine tapfere , fröhliche , bekenntnismutige Nachfolgerin des Herrn , wie ihre Cousine Mimi Bär . . . . . Als ein Kreuz vom Herrn die Lächerlichkeit und das Vergebliche , das all ihrem Thun anhaftete , auf sich nehmen und in Geduld tragen — vielleicht ging es auf die Weise . Der Kampf um den Glauben , um den Frieden füllte doch ihre Tage — gab ihrem Erwachen in der Frühe doch Zweck und Ziel . Wozu in aller Welt lebte sie sonst ? Die Sorge für die Eltern . . . . Eigentlich sorgten Papa und Mama ganz gut für sich selbst . Unermeßliche Räume in ihrem Herzen wurden dadurch nicht ausgefüllt . Sie hatte sich das nicht so gedacht — als sie ihnen so dankbar war für die Liebe und die Verzweiflung an ihrem Krankenbett . Selbst die Sehnsucht war in ihr verdorrt und gestorben . Sie wußte nicht mehr , wovon sie träumen sollte . Sie grämte sich nicht einmal mehr um Lutz . Es war alles eine grauenhafte Täuschung gewesen . Sie hätte ihn ruhig wiedersehen können . Aber er war in ihrem Dasein ausgelöscht wie ein Licht . Von M. war er fortgegangen — in jenem Sommer , als sie sich in Bornau langsam erholte . Sie wußte nicht , wo er nun lebte , und sie konnte sich nicht vorstellen , daß er sich überhaupt noch auf der Welt befand . Die Daniel hatte einen Schauspieler geheiratet . Sie — die von ihm geliebt worden war — die Mutter seines Kindes . . . . Agathe verstand die inneren Möglichkeiten solcher Schicksale so wenig , wie sie sich das alltägliche Dasein der Marsbewohner vorstellen konnte . Martins soziale Schriften hatte sie ihm ohne ein Begleitwort nachgesandt . Sie waren sündiges Gift . Der Rausch , der sie bei ihrem Lesen befallen , war auch eine Versuchung zum Bösen gewesen . Nach und nach gewann Agathe sich stille kleine Siege ab . Bei einem großen Ballsouper neigte sie ruhig das Haupt und sprach mit leise sich bewegenden Lippen ihr Tischgebet . Als sie zu Haus den Gebrauch angenommen hatte , blickte ihr Vater sie einige Male verwundert an , ließ sie aber gewähren . Nach dem Tanzfest beim Oberpräsidenten verwies er ihr strenge , sich in Gesellschaft auffällig zu benehmen . Als Antwort bat Agathe um die Erlaubnis , keine Bälle mehr besuchen zu dürfen . “ Wie kommst Du auf solche Ideen ? ” fragte der Regierungsrat ärgerlich . Er legte die Zeitung , in der er las , beiseite . Seine erste Ermahnung hatte er über den Rand des Blattes fort in die Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter über den gestrigen Abend einfließen lassen . Jetzt wurde es ernst . “ Papa , ” begann Agathe gesammelt , “ Tanzen macht mir kein Vergnügen mehr . ” “ Was für ein Unsinn ! Du bist ein junges Mädchen , freue Dich Deines Lebens . — Ich will keine alberne , sentimentale Person zur Tochter haben . ” “ Ja , Papa . Aber . . . ” “ Was — aber ? ” “ Mit echtem Christentum verträgt es sich doch nicht , auf Bälle zu gehn . Bitte , bitte — erlaube mir doch nur . . . . Es ist ja auch . . . Du brauchst mir dann keine Ballkleider mehr anzuschaffen . ” Instinktiv griff Agathe nach dem Grunde , durch den sie ihren Vater am leichtesten zu überzeugen hoffte . Die Bälle und Gesellschaften waren ihr eine Qual . Nirgends fühlte sie sich so ausgeschlossen von jeder Lebensfreude wie in den lichterhellten Sälen , wo schon ein jüngeres Geschlecht den ersten Platz einnahm und die Herren zu den jungen Frauen drängten , die in glänzenderen Toiletten mit freierer Lustigkeit große Kreise von Anbetern um sich sammelten . Agathe wollte ja hier gar keine Rolle mehr spielen . Fand sich hin und wieder ein Herr , dem sie gefiel , so machte sie sich Vorwürfe , daß sie sich der Eitelkeit hingab . Blieb sie unbeachtet , so kränkte sie sich über ihren eigenen unwürdigen Ärger . Nie kam sie zur Ruhe , solange sie zween Herren diente — Gott und der Welt . Mimi Bär hatte es viel leichter , die ging ihren Weg , ohne nach links oder rechts zu sehen . Sie hatte ihr Probejahr in dem Schwesterhause in Berlin vollendet , war vor kurzem an das Krankenhaus nach M. versetzt und trug mit ruhigem Stolz ihre weiße Diakonissenhaube . Was sie zu thun und zu lassen hatte , war ihr genau vorgeschrieben . Wie der Offizier in seiner Uniform , mit seiner Ordre du jour und seinem festgefügten Standesbegriff lebte sie in klar abgegrenztem Kreise ein thätiges und befriedigtes Leben . Und Agathe konnte nicht einmal Kindespflicht und Christentum vereinen . Zwar . . . . . Mimi hatte dies beides auch nicht vereinigt . Sie hatte einfach ihren inneren Beruf über die Kindespflicht gestellt — ihre alten Eltern fröhlich der Obhut und Pflege Gottes überlassend . Der Regierungsrat verurteilte ihre Handlungsweise aufs schärfste . Er fürchtete den Einfluß , den Mimi auf seine Tochter üben könne und ergriff energisch die Gelegenheit , um seine Meinung dagegenzustellen . Agathes Hinweis auf die Ersparnisse durch die nicht gekauften Ballkleider machte diesmal keinen Eindruck , obgleich der Papa sonst gern über