. „ Ich fange jetzt auch an , die einfachsten Dinge vom ideal-romantischen Standpunkte aufzufassen . Was ist denn eigentlich an dieser Begegnung , daß ich so gar nicht darüber hinauskommen kann ? Die Erlau ’ schen Salons sind eben eine gute Schule gewesen , und die Schülerin hat über Erwarten leicht und schnell begriffen . Geahnt habe ich längst so etwas und doch – Thorheit , was geht es mich denn an , wenn Reinhold schließlich seine Blindheit bereuen lernt ! Und sie weiß noch nicht einmal , wie nahe er ihr ist , so nahe , daß eine Begegnung auf die Dauer nicht ausbleiben kann . Ich fürchte , der Versuch einer Annäherung käme Reinhold dieses Mal noch viel theurer zu stehen als jener erste . Was war das für ein seltsam eisiger Ausdruck in ihrem Gesichte , als ich auf die Möglichkeit einer Versöhnung hindeutete ! Das , “ – hier athmete Hugo auf , in vielleicht unbewußter , aber tiefster Genugthuung – „ das sprach ‚ Nein ‘ bis in alle Ewigkeit . Und wenn sie jetzt auch Zufall oder Schicksal wieder zusammenführt , jetzt ist ’ s zu spät – jetzt hat er sie verloren . “ Ueber den blauen Spiegel der Fluth glitt ein Boot , das , von S. kommend , die Richtung nach Mirando nahm . Das zierliche Aussehen der Barke ließ sie als das Eigenthum irgend einer reichen Familie erkennen , und die beiden Ruderer trugen die Farben des Hauses Tortoni . Für den Herrn jedoch , der sich außerdem noch im Boote befand , schien weder die schwebend schnelle Fahrt noch das herrliche Panorama ringsum auch nur das mindeste Interesse zu besitzen . Er lehnte , wie schlafend , mit geschlossenen Augen in seinem Sitze und blickte erst auf , als das Fahrzeug an der Marmortreppe anlegte , die von der Terrasse der Villa direct in ’ s Meer hinab führte . Er stieg aus . Ein Wink verabschiedete die beiden Leute , die , wie die gesammte Dienerschaft des Marchese , gewohnt waren , dem berühmten Gast ihres Herrn fast noch größeren Respect als diesem selbst zu erweisen . Einige Ruderschläge trieben das Boot seitwärts , und gleich darauf legte es drüben am Parke in einem kleinen Hafen an . Reinhold betrat die Stufen und stieg langsam hinauf . Er kam von S. her , wo Beatrice inzwischen eingetroffen war . Wie gewöhnlich war die Künstlerin auch hier , wo alle Fremden und Einheimischen von Bedeutung sich zur Villeggiatur zusammenfanden , von Bekannten umringt und mit Huldigungen umgeben worden , und Reinhold befand sich kaum an ihrer Seite , als auch ihm , und zwar in noch höherem Maße , dieses Schicksal zu Theil wurde . In Beatrice ’ s Nähe gab es nun einmal für ihn kein Ausruhen und keine Erholung ; sie zog ihn sofort wieder in den Strudel hinein . Aus den Stunden , die er bei ihr zubringen wollte , waren Tage geworden , die an Aufregung und Zerstreuung den letzten Wochen in der Stadt wenig nachgaben , und nachdem er sie gestern Abend noch zu einer größeren Festlichkeit begleitet , welche die ganze Nacht hindurch bis an den lichten Morgen währte , hatte er sich endlich mit Tagesanbruch losgerissen und sich in ’ s Boot geworfen , um nach Mirando zurückzukehren . Er athmete tief auf bei der Stille und Einsamkeit , die ihn hier umfing und die nicht einmal durch einen Gruß oder Empfang gestört wurde . Cesario hatte , wie er wußte , heute bereits in aller Frühe und in Begleitung Hugo ’ s einen Ausflug nach der benachbarten Insel unternommen , von dem beide erst gegen Abend zurückerwartet wurden , und für Fremde war die Villa jetzt nicht zugänglich . Der junge Marchese liebte es nicht , in der Einsamkeit seiner Villeggiatur gestört zu werden , und der Verwalter hatte Befehl erhalten , während seiner Anwesenheit keine fremden Besucher zuzulassen , ein Befehl , der in vollster Strenge aufrecht erhalten wurde , zum großen Mißvergnügen der Fremden , denen Mirando als ein beliebtes Ziel ihrer Ausflüge galt . Die Besitzung mit ihren weiten Gärten und prachtvollen Gebäuden , die man im Norden unbedingt ein Schloß genannt hätte , und die hier nur den bescheidenen Namen einer Villa führte , war weitberühmt , nicht allein wegen ihrer paradiesischen Lage und des unbegrenzten Blickes auf das Meer hinaus , sondern auch wegen der reichen Kunstschätze , die sie in ihrem Innern barg und die jetzt nur das Auge der Wenigen entzückten , die das Glück hatten , sich die Gäste des Marchese nennen zu dürfen . Ueberwacht , ermüdet , und doch unfähig , Schlaf und Ruhe zu suchen , warf sich Reinhold auf eine der Marmorbänke im Schatten der Säulenhalle ; er fühlte sich abgespannt bis zur äußersten Erschlaffung . Jawohl , diese schwülen italienischen Nächte , mit ihrem betäubenden Blüthenduft und ihrer mondbeglänzten Ruhe oder dem rauschenden Festesjubel , diese sonnenhellen Tage mit dem ewig blauen Himmel und der glühenden Farbenpracht der Erde , sie hatten ihm alles gegeben , was er nur je im kalten trüben Norden davon geträumt , aber sie hatten ihm auch den besten Theil seiner Lebenskraft gekostet . Die Zeit war längst vorüber , wo dem jungen Künstler das ganze Dasein nur ein Wechsel war von glühendem Rausch und beseligenden Träumen . Das hatte monden- , jahrelang gewährt – dann war allmählich die Ermüdung gekommen und dann zuletzt das Erwachen , wo diese herrliche farbenglänzende Welt so kalt und leer vor ihm lag , wo die Ideale zusammensanken und die einst so heiß ersehnte Freiheit zur grenzenlosen Oede wurde , die keine Pflicht , aber auch keine Sehnsucht mehr begrenzte . Mit den Fesseln , die er so energisch und rücksichtslos gesprengt , hatte er auch den Zügel verloren ; er schweifte hinaus ins Schrankenlose , und die Schrankenlosigkeit war ihm zum Fluche geworden . Den Künstler bewahrte freilich der Prometheusfunke in seinem Inneren vor dem