Casutt ! « sagte er . » Dein Vertrauen aber sollst du nicht weggeworfen haben . Bleibe hier . Vielleicht bring ich euch heut nacht noch selber sichere Nachricht . « » Têtebleu « , erscholl hinter Jenatsch eine fröhliche Baßstimme » du hast die rechte Türe verfehlt , Herr Kamerad ! Drüben erwartet man dich mit Ungeduld ! « und ein gewaltiger Kriegsmann schob seinen Arm unter den des Obersten Jenatsch und zog ihn ohne Umstände in die Herrenstube hinüber , wo er mit lärmendem Willkomm empfangen wurde . Der Oberst grüßte , aber ließ keinen seiner Kameraden zu Worte kommen . » Vor allem gebt mir über eines Auskunft , Herren « , rief er ihnen entgegen , » was ficht euch an , daß ihr eure Stellungen an der Grenze verlassen und eure Regimenter im sichern Domleschg aufgestellt habt ? Dazu kann euch der Herzog nicht Ordre gegeben haben . Still , Guler , dir steigt das Blut zu Haupt ! – Gebt Ihr mir geneigten Aufschluß , Graf Travers , Ihr seid der Ruhigste . « – Der Graf , ein noch jugendlicher Mann mit scharf ausgeprägten italienischen Zügen und fester Feinheit des Ausdrucks , erzählte , alle hätten sie bei der Nachricht vom Tode des Herzogs , dessen Ehre und Persönlichkeit ihre einzige Bürgschaft gewesen , den gänzlichen Verlust des rückständigen Soldes ihrer Regimenter befürchtet , der , wie Jenatsch wisse , eine Million Livres übersteige . Dieser Verlust , für den sie bei ihren Soldaten , wie der Kontrakt einmal sei , persönlich einzustehen hätten , wäre ihrem völligen Ruin gleichgekommen . Um diesem vorzubeugen , hätten sie nur ein Mittel gekannt und es zu ergreifen einstimmig beschlossen : das Verlassen ihrer Stellungen an der Grenze mit der Erklärung , dieselben erst dann wieder beziehen zu wollen , wenn der französische Kriegsschatzmeister die Rückstände ausgeglichen habe . Die Kunde vom Tode des Herzogs hätte sich glücklicherweise nicht bestätigt ; aber nachdem der Schritt einmal getan gewesen , hätten sie vorgezogen , statt ihn zurückzutun , auch dem von ihnen allen hochverehrten Herzog Heinrich gegenüber auf ihrem Entschlusse zu beharren , bis ihre gerechte Forderung befriedigt sei . Als dieser davon gehört , habe er ihnen den Kriegsschatzmeister Lasnier mit einer kleinen Abschlagszahlung , der unbedeutenden Summe von dreiunddreißigtausend Livres , zugesendet und zugleich die Weisung , ohne Verzug ihre früheren Stellungen an der Grenze wieder zu beziehen ... » Was moralisch unmöglich war « , brach Guler los , » da dieser kleine Bösewicht uns mit Gift und Galle überschüttete und die unglaubliche Drohung ausstieß , er wolle uns den Bauch zertreten ! « ... » Passer sur le ventre « , spottete Jenatsch , » das ist unendlich unschuldiger , als es klingt . Du scheinst vom Französischen unsrer Kriegskameraden nur die Flüche erlernt zu haben . « » Morbleu « , rief Guler hitzig . » da will ich dir ein anderes beweisen . Ich weiß einen häßlichen Witz des boshaften Kobolds , den ich ganz allein verstanden habe . Er höhnte , der Herzog habe ihn gesandt , uns an die Grenze zurückzutreiben , und solcherweise das Amt auszuüben , das sein Name bedeute . Dieser Ausspruch ließ mir keine Ruhe . Ich suchte das Wörterbuch hervor welches mir mein in Paris verstorbener Bruder – gewissermaßen ein verlorner Sohn – als einziges Erbstück hinterlassen hat . Was heißt nun Lasnier , ihr Herren ? – Der Eseltreiber . Hätte ich ' s gewußt , als er noch da war , ich hätte das Männchen trotz seines Skorpionengifts zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieben . « Jenatsch , der während dieser Rede mit zusammengezogenen Brauen nachgedacht hatte , wandte sich auf einmal zur ganzen Gesellschaft mit den Worten : » Haltet ihr mich für zahlungsfähig ? . . . Ihr wißt , ich war immer ein guter Haushalter . Aus meiner Kriegsbeute habe ich mir in Davos ein stattliches Haus erbaut und mir ringsum schöne Alpen erworben . Überdies liegen mir Summen bei a Marca in Venedig , welche der kluge Wechsler nicht müßig gehen läßt . Das alles deckt euch freilich nicht , aber mein Kredit ist aufrecht und es wäre mir nicht unmöglich , das Fehlende herzuschaffen . Ich verbürge mich euch mit schriftlichem Kontrakt für die ganze Summe , die euch der Herzog schuldet . Ihn sollt ihr mir heute nicht belästigen , denn er ist müde und krank . Zur gelegenen Stunde werde ich beim Herzog für euch reden und auch für mich , denn eure Sache ist die meinige und ich werde zum Bettler , wenn sie scheitert . « Jetzt erhob sich ein Sturm der Rede , in dem Stimmen des Bedenkens , des Beifalls , des Erstaunens sich bekämpften und mischten . Eine lärmende Begeisterung behielt die Oberhand . Da öffnete sich die Tür und das scharfe Gesicht , die kleine straffe Gestalt des herzoglichen Adjutanten Wertmüller wurde auf der Schwelle sichtbar . Sein schnelles graues Auge erfaßte die zügellose stürmische Szene und sie erregte seinen entschiedenen Widerwillen . Er meldete in kurzen Worten , der erlauchte Herzog nähere sich Thusis , verbitte sich aber jeden öffentlichen Empfang . Er wünsche auszuruhen . » Nur dieser Herr wird in einer Stunde bei ihm vorgelassen « , schloß der einsilbige Locotenent und grüßte den Oberst Jenatsch gerade so flüchtig und so knapp , als es der militärische Anstand noch erlaubte . Viertes Kapitel Viertes Kapitel Als der Oberst Jenatsch zur Zeit des Sonnenuntergangs die für die kurze Ruhe des Herzogs bereitete Wohnung betrat , fand er , die Steintreppe hinaneilend , in der offenen Vorhalle des ersten Stockes den zürcherischen Locotenenten . Mit der Wachsamkeit einer bissigen Dogge hütete Wertmüller die Türe seines Feldherren vor jedem unbefugten Eindringen . Eben durchschritt eine schlanke feine Gestalt , abschiednehmend , leisen Fußes die Halle , der herzogliche Privatsekretär Priolo , den der Adjutant mit bösen Blicken begleitete – denn er war in seiner stachlichsten Laune – und mit stillen