des Küchenfensters sah sie Frau Löhn am Herde stehen , und nicht weit von ihr tauchte Gabriels blasses Gesicht wie ein Schemen aus einer dunklen Ecke auf ; dahin war er vorhin geflüchtet , als ihn der Hofmarschall während der Debatte mit einer heftig fortscheuchenden Bewegung aus dem Kreise der Hochgeborenen verwiesen hatte ... Es war ein arger Mißgriff ihrerseits gewesen , zu gunsten des Knaben zu sprechen – sie hatte damit seine Lage unzweifelhaft verschlimmert und dabei » ihr Genick gebrochen « , wie ihr eben der Hofmarschall triumphierend und unfein versichert – die widerwillig geduldete » zweite Frau « hatte mit diesem Schritt ihre Stellung dermaßen erschüttert , daß es nur eine Frage der Zeit war , wann sie in ihre Heimat zurückkehre ... Bei diesem Schluß atmete sie wie befreit auf , ein blendendes , hochbeglückendes Licht fiel in ihre Seele – jetzt ging der Anstoß zur Trennung von der anderen Seite aus , jetzt brauchte sie selbst nicht Hand anzulegen , um die Kette abzustreifen , in die sie , von einem grenzenlosen Irrtume befangen , selbst den Kopf gesteckt hatte . Jetzt freute sie sich des Mutes , mit welchem sie diesen orthodoxen Teufelsgläubigen ihre Ueberzeugung ins Angesicht geschleudert hatte – war nicht jedes Wort ein zerschmetternder Schlag auf Mainaus Verdummungsprogramm gewesen ? ... In ihren Händen konnte er unmöglich die Sorge für den Hausfrieden , die Erziehung des Erben von Mainau belassen , wenn er verreiste ; das litt schon der Hofmarschall nun und nimmer , und ihm selbst war sicher auch das Verlangen danach vergangen . Er brauchte auch das widerwärtige Aufsehen nicht mehr zu berücksichtigen – zum Eklat war es ja eben am Kaffeetische gekommen ... Frei werden ! ... Dort das verhaßte Schloß , in welchem sie schon so viel gelitten , erschien ihr von einem versöhnlichen Schimmer umgeben ; sie wollte die hier verlebte Prüfungszeit , wenn sie einmal hinter ihr versunken war , für einen schweren , glücklich abgestreiften Traum halten und seiner nicht mehr gedenken ... Zurück zu Magnus und Ulrike ! Mit ihnen wieder zusammenleben und weiterforschen in Rudisdorf , im trauten Gartensalon ! ... Wie gern wollte sie jetzt die schlimmen Launen der Mama , ihre heftigen Zornausbrüche ertragen ! Die Hölle dort – wie die Geschwister sich ausgedrückt , war nichts gegen die Qualen des Verlassenseins in der Fremde . Sie ging ja auch nicht zur Mutter , sondern zu Magnus – er hatte es ja fest und entschieden erklärt , daß Rudisdorf Heimat und Zufluchtsort für die Schwestern zu allen Zeiten sein werde ... O Magnus ! Thränen füllten ihre Augen bei der Vorstellung , ihn wiederzusehen . Hinter ihr stürmten in diesem Augenblicke die Jagdhunde freudig bellend aus dem Jägerhäuschen ; sie wandte den Kopf – dort kam eben Mainau und beschwichtigte mit einer gebieterischen Handbewegung die an ihm aufspringende Meute ... Wollte er in das Jägerhaus gehen , vielleicht den Shawl der Herzogin holen , der dort niedergelegt war ? ... Wie stolz und hoch er seinen Kopf trug , als sei er die personifizierte Mannesthat und Manneskraft ! Und er war doch der Erbärmlichste von allen – er sprach wider Wissen und Gewissen und schwieg wiederum bei den rohesten Angriffen , lediglich um einer Frau nicht beizustehen , die nicht in seine Pläne paßte ... Sie ging rasch weiter , als habe sie ihn nicht gesehen ; aber da stand er schon neben ihr . » Wie , Thränen , Juliane ? ... Du kannst weinen ? « sagte er mit der ganzen Wollust gesättigter Grausamkeit und sah ihr mit funkelnden Augen unter das Gesicht . Zornig fuhr sie mit dem Taschentuch über die Augen . » Nun , ereifere dich nicht – niemand weiß besser als ich , daß sie nicht aus weichem Herzen kommen . Es gibt Thränen der Erbitterung , des gekränkten Stolzes – « » Und der tieffsten Reue , « unterbrach sie ihn . » Ah , du bereust deinen Heldenmut von vorhin ? ... Wie schade – ich habe alles , was du sagtest , für die innigste Ueberzeugung gehalten , habe gemeint , du würdest nötigenfalls für jedes Wort märtyrhaft zu sterben wissen ... Du bereust also ? ... Soll ich dir den Hofprediger schicken ? Er suchte dir vorhin mit ganz unerklärlicher Bereitwilligkeit zu Hilfe zu kommen – die Herzogin ist außer sich darüber ... Soll ich schicken , Juliane ? Einen liebenswürdigeren Beichtvater hat die Welt nicht – ich weiß es von Valerie . « » Ich sollte es gestatten , « sagte sie , erbittert auf seinen lächelnden Hohn eingehend , » um mich in Hexen- und Gespensterglauben unterrichten zu lassen , damit ich « – sie verstummte unter glühendem Erröten mit einer ausdrucksvoll zurückweisenden Gebärde gegen ihn . » Damit du geliebt würdest , wie ich vorhin ausgesprochen , « ergänzte er . » Hier nicht ! Hier nicht ! « rief sie in Leidenschaft ausbrechend und streckte die Arme verneinend über die Schönwerther Gegend nach dem Schlosse hin . » Ich bereue , « setzte sie ruhiger hinzu , » daß ich mit meiner unbesonnenen Fürsprache Gabriels Geschick beschleunigt habe – alles andere , was ich ausgesprochen , bin ich bereit Wort für Wort zu wiederholen , ja , wenn ich dazu herausgefordert werden sollte , noch ganz anders zu begründen , jener hochgestellten Lügenhaftigkeit und deinem ätzenden Spott gegenüber ... Ich bereue ferner – « » Lasse mich das aussprechen , Juliane – ich möchte mir das nicht gern aus Frauenmunde sagen lassen , « unterbrach er sie plötzlich sehr ernst unter jenem raschen Farbenwechsel seiner Wangen , der sie heute schon einmal innerlich erschüttert hatte . » Du bereust ferner , daß du so blindlings , unwissend , so taubenhaft harmlos in die Ehe gegangen bist , und richtest nun gegen mich , › den erfahrenen Mann , der genau wissen mußte , was er that , was er verlangte , ‹ deine leidenschaftlichen Anklagen « –