ihrer Mutter für Johanna von großem Segen gewesen ist , will ich dahingestellt sein lassen . Von einem alten ausgedienten Kriegs knecht ist wohl kaum zu erwarten , daß er , was Kindererziehung anbetrifft , ein sehr richtiges Urtheil fällt , doch bezweifle ich , daß das regelmäßige Erscheinen der bleichen , schwarzgekleideten Frau , und die unzähligen Thränen , welche sie über ihre Tochter weinte , vorübergegangen sind , ohne schwer zu verwischende Spuren bei dem noch im zartesten Jugendalter stehenden , damals sehr schwächlichen Mädchen zurückzulassen . Mir erscheint es wenigstens oft , als wenn die Erregbarkeit ihres Gemüthes ursprünglich nicht in ihrem Charakter gelegen habe , und nur durch die eben erwähnten äußeren Einflüsse erzeugt worden sei . Doch wer hätte damals wagen mögen , auf eine solche ungewisse Befürchtung hin , der sterbenden Mutter ihr Kind vorzuenthalten ? Und sterbend war die unglückliche Frau von dem Augenblick an , in welchem sie die erste Nachricht von dem Tode und der Vergebung meines Bruders erhielt , mir daß der Tod sich ihr ganz langsam näherte und es Jahre bedurfte , ehe der Gram und die ihr innewohnende Krankheit ihre Lebenskraft vollständig aufzehrten . « » Im fünften Jahre nach ihrer Vereinsamung starb sie endlich , nachdem sie ihr Kind in ihrem und ihres vorangegangenen Gatten Namen noch einmal gesegnet , noch einmal dessen letzten Willen , betreffs Johanna ' s , rechtsgültig bekräftigt hatte . Sie starb als eine reuige Sünderin , und mag Gott ihr vergeben , wie ich ihr von ganzem Herzen , schon um ihrer ausgestandenen Leiden willen , vergeben habe . – « » Aus Allem , was ich Dir mittheilte , kannst Du also entnehmen , daß ich die triftigsten Gründe hatte , weder zu Dir , noch zu sonst Jemand von meinem Bruder und dessen Familienverhältnissen zu sprechen . Johanna ' s wegen wünschte ich die Vergangenheit ihrer Eltern vergessen zu machen , und mit einem solchen Zweck vor Augen nahm ich sie auch nach dem Tode ihrer Mutter von Frankfurt fort , um sie in ein Landstädtchen zu bekannten braven Leuten in Pension zu bringen . Dort nun ist sie bis vor sieben Wochen geblieben . Den Hoffnungen und Erwartungen , welche ich hegte , hat sie mehr als vollkommen entsprochen , und mit Stolz erfüllt es mich , wenn ich das liebe freundliche Kind jetzt betrachte und mir sage , daß auch ich mit zu Denjenigen gehöre , welche einen guten Einfluß ans ihr Geschick ausübten . « » Nur etwas kräftiger müßte sie sein , und etwas weniger leicht erregbar ; denn wenn ich sehe , wie durch die geringfügigsten Umstände die flammende Röthe auf ihre Wangen getrieben wird , dann kann ich nicht anders , ich muß ihrer Mutter gedenken , wie dieselbe in ihren letzten Lebensjahren aussah , und wie ein fürchterliches Urtheil schallt mir in die Ohren der Spruch – ich glaube er steht im Gesangbuch oder im Katechismus oder sonst wo – die Sünden der Eltern sollen an ihren Kindern heimgesucht werden , bis in ' s dritte und vierte Glied . « » Aber das wäre ja schrecklich , schrecklich ! « sagte ich bebenden Herzens , und vor meine Seele trat Johanna ' s holdes Bild , mit der brennenden , flüchtigen Röthe auf den zarten Wangen , die ich bisher als einen sie so wohlkleidenden Schmuck betrachtet hatte . » Ja , es wäre schrecklich ! « wiederholte mein Vormund , seinen Ausspruch durch heftiges Zupfen und Drehen an seinem im Mondlicht silbern glänzenden Schnurrbart bekräftigend ; » aber gerade daß mich dergleichen Befürchtungen verfolgen , ist vielleicht ein Segen für sie , indem ich um so sorgfältiger über sie wache und alles in meinen schwachen Kräften Liegende aufbiete , die Folgen der in ihrer frühsten Jugend empfangenen Eindrücke abzuschwächen und endlich ganz zu verwischen . « » Es ist meine Aufgabe , es ist die Aufgabe meiner Lisette , und es muß auch Deine Aufgabe sein , immer mehr die Heiterkeit ihres Gemüthes zu wecken und dadurch die Gesundheit ihres Körpers zu stählen . Je heiterer ihre Umgebung , um so heiterer ist sie selbst und um so frischer noch erscheint ihr ganzes Aeußeres , und da ich den Aberglauben , von wegen der Sünden der Eltern , nicht los werden kann , so haben wir , Lisette und ich , beschlossen , Johanna in aller Form des Rechts zu adoptiren und uns später als ihre rechtmäßigen Eltern Vater und Mutter nennen zu lassen . Sind wir erst ihre Eltern , dann giebt es nichts mehr an ihr heimzusuchen . « » So , mein Sohn , jetzt weißt Du Alles ; Du bist nachgerade ein Mann und wirst Dein Benehmen , ja sogar Deine Worte nach den Umständen und Verhältnissen bemessen und abwägen können , vor Allem aber wirst Du einsehen , daß ich wohl Ursache hatte , Dich mit Johanna ' s Lebensgeschichte bekannt und vertraut zu machen . « » Und halten Sie für möglich , « fragte ich , sobald der Oberstlieutenant schwieg , » daß dasjenige , was Sie mir eben mittheilten , mich in meinen Gefühlen , doch ich will kälter sprechen , in meinen Ansichten über Johanna in einer andern Weise bestimmen könnte , als mit noch innigerer Theilnahme auf sie hinzublicken , noch sehnlicher zu wünschen , mit zu ihrem Lebensglück beitragen zu dürfen ? « » Nein , mein Sohn , ich halte es nicht für möglich , « antwortete mein Vormund , mir die Hand drückend , » doch wie ich schon andeutete , laß Dich nicht zu früh zum Bauen von studentenhaften Luftschlössern hinreißen . Auch will ich nicht , daß die eben gemachten Eröffnungen jemals wieder zwischen uns zur Sprache kommen oder Du Dich gegen irgend eine sterbliche Seele darüber auslassest ; dagegen erwäge Du selbst Alles wohl , und wenn einst die Zeit kommt , in welcher Du , ohne zu erröthen , unter den Töchtern des