zurückgedrängt , verdünnt , ver ­ geistigt . Die üppigen Göttergestalten der Griechen und Römer verloren mit der wachsenden Erkenntnis der Naturgesetze an Körper , um allmälig zu ver ­ schwinden und an ihre Stelle die Elemente als solche und eine Zentralgewalt treten zu lassen , welche deren Tätigkeit nach bestimmten und weisen Plänen regelt . Dies ist ein Fortschritt , allein — es muß noch besser kommen . Noch zerfällt unser einheitlicher Gott in eine Dreiheit , Vater , Sohn und heiliger Geist , noch haben wir Engel , Teufel , Heilige , — kurz eine ganze über- und unterirdische Gesellschaft , die uns nur in anständigerem Kostüm aus dem Heidentum herüber begleitete und allerlei Wunder tun soll . Je mehr indessen der natürliche Zusammenhang der Dinge vor unserem forschenden Auge Gestalt gewinnt , desto mehr verflüchtigen sich die Gebilde unseres Glaubens , wie wenn bei dem ersten Sonnenstrahl der Schatten , den wir in der Dunkelheit oft für den Gegenstand selbst hielten , verbleicht und dieser in seiner fraglosen Form zu Tage tritt . Die verschiedenen Götter aller Völker und Zeiten waren nur Schatten , welche die Erschei ­ nungsformen der Naturkräfte warfen ; sowie das Licht der Wissenschaft auf dieselben fiel , verschwanden sie . So wurde die religiöse Phantasie immer mehr von der rauhen Erde mit ihrer starren Gesetzlichkeit hinweg auf ein abstrakteres Gebiet getrieben , allein selbst dort ist sie nicht mehr sicher , denn der wissenschaftliche Ge ­ danke , der von Stufe zu Stufe aufwärts klimmt und dessen Stärke mit der wachsenden Übung zunimmt , begann ihr längst auch dahin zu folgen — und sie muß sich zu bedeutenderen Zugeständnissen herbeilassen , wenn sie nicht aus ihrem letzten Zufluchtsort , aus ihrem selbstgeschaffenen Himmel vertrieben werden soll ! “ Leuthold hielt inne . Ernestinens unsicher schwei ­ fender Blick erinnerte ihn daran , daß die Gewohnheit einer gelehrten Ausdrucksweise ihn für das Verständnis eines Kindes zu weit geführt . Dennoch tat es ihm wohl , sich selbst einmal wieder so sprechen gehört zu haben und seine grauen Augen glänzten seltsam , als er die Wirkung seiner halbverstandenen Rede auf Ernestinen beobachtete . „ So hat der Herr Pfarrer gelogen ? “ fragte diese endlich bewegt . „ Er log nicht , er ist nur ein sehr beschränkter Mann und weiß es selbst nicht besser . Er gehört nicht zu den Betrügern , sondern zu den Betrogenen . “ „ Aber er ist ja doch der Klügste im Dorfe , “ schaltete Ernestine wieder ein . „ Im Dorfe , ja ! — Aber hältst Du ihn auch für klüger als Deinen Onkel ? “ „ Nein , gewiß nicht ! “ flüsterte sie kaum hörbar ; es erschien ihr fast wie eine Sünde , daß ein gewöhn ­ licher Mensch mehr Verstand haben sollte , als der Geistliche . „ Nun sieh , ich will Dir sogar sagen , daß er nicht einmal so viel Verstand hat wie Du ! “ „ Onkel ! “ rief Ernestine erschrocken . „ Glaube mir , mein Kind , Du bist noch jung — aber wenn Du einmal so alt bist wie der Pfarrer , wirst Du mehr wissen und auf einem anderen Stand ­ punkte stehen , als er ! “ „ Wirklich , Onkel ? “ fragte Ernestine hoch aufhorchend , — denn diese erste Schmeichelei verfehlte Wirkung nicht . „ Glaubst Du , daß ich je so gescheit werde , wie ein Mann ? “ „ Ei ganz gewiß ! Aus Dir wird , wenn mich nicht Alles täuscht , einmal etwas Großes ! “ Ernestine saß aufgerichtet in ihrem Bette und sah den Oheim mit leuchtenden Augen an . Ihr bleiches Gesicht rötete sich , ihr Atem ging schneller . Der Ehrgeiz schlug plötzlich in der jungen , leicht entzünd ­ lichen Seele zur hellen Lohe auf , — der Brennstoff war seit jener ersten Begegnung mit den Menschen , die sie so verächtlich behandelt hatten , schon ange ­ sammelt gewesen , nun fiel der Funke hinein und entfachte jenen langsam schleichenden Brand , der allmälig alle Hilfsquellen des Gemütes aufsaugt , wenn nicht ein großes Unglück das Herz mit Tränenfluten überschwemmt , und ihn darin auf einmal auslöscht . Leuthold betrachtete das durchgeistigte und be ­ geisterte Antlitz des Kindes nicht ohne heimliche Ve ­ wunderung und Freude . So — gerade so wollte er sie haben ! Er bog sich zu ihr hin und reichte ihr die Hand , die sie mit Ungestüm ergriff . „ Onkel , “ sprach sie mit kindlicher Emphase , — „ willst Du mir helfen , daß ich so klug werde und so viel lerne wie ein Mann , und mich die Wissenschaften lehren , von denen Du vorhin sagtest , daß sie den Menschen frei und stark machen ? “ „ Ja ! “ — rief Leuthold — „ das will ich ! “ „ Versprich es mir , lieber Onkel ! “ „ Ich gelobe Dir mit Wort und Handschlag , daß ich Dich lehren will , was noch kein Weib gewußt , und daß ich Dich leiten will , bis Du Dein gan ­ zes Geschlecht überflügelt hast . Aber Du mußt fleißig sein und keinen Wunsch mehr haben , als zu lernen ! “ „ Ach , das will ich , bester Oheim . Warum sollte ich denn nicht ? Was hätte ich Besseres zu tun ? Mit andern Kindern mag ich nicht mehr spielen , — sie lachen mich nur aus . Ich passe nicht zu ihnen , ich bin zu häßlich und zu ernstaft für sie . Ganz allein will ich bleiben , allein mit Dir will ich lernen . Dann sollen sie sich einst vor mir schämen , wenn ich viel mehr weiß , als sie . Ach das wäre schön ! “ „ Nun höre , mein Kind , ich hoffe aber , daß Du Dein Versprechen hältst und Niemandem etwas mitteilst von dem ,