hatte in treuer , ehrlicher Liebe . Weher hätte sie ihm nicht tun können , weher nicht , als daß sie dem Schurken mehr geglaubt hatte als ihm , sie , die sonst so besonnen war . – Besonnen ? Er sah noch ihre Augen vor sich , die Augen , in denen tief die Leidenschaft glimmte . Er hatte sie mehr als einmal im Zorn blitzen sehen . Er hörte ihr erschütterndes Schluchzen , ihre vor Bewegung tonlose Stimme , als sie von dem Vater sprach . Er sah sie , wie sie am Hochzeitsabend droben seine Hände stürmisch an die Lippen preßte , eine stumme , beredte Unterwerfung , ein Dank für den Zufluchtsort an seiner Brust . Und nun ? Sie war verraucht , diese leidenschaftliche Liebe , unterlegen der ersten Prüfung ! Es dämmerte schon , als er von seinem Gange zurückkehrte . Johanne war fort . Das Stubenmädchen , das er auf dem Korridor traf , erzählte , sie habe ihr Kind mitgenommen und einen Koffer voll Kleider und Wäsche , auch die Bücher , die die gnädige Frau gestern zugeschickt bekommen hatte . 199 Er trat in ihr Zimmer . Der süße Veilchenduft , den sie so liebte , hauchte ihn an , die Decke der Chaiselongue lag noch so , wie sie sie beim Aufstehen heute abgeworfen hatte . Er hielt es nicht aus , die Sehnsucht packte ihn zu gewaltsam und drohte ihn weich zu machen . Er ging wieder hinunter in den Gartensaal . Unwillkürlich behielt er die halbgeöffnete Tür in der Hand – da saß der Amtsrichter am Tische , bestaubt , unordentlich von der Brockentour , und seelenvergnügt . Aber – wie kam diese Fremde dazu , hier zu schalten ? Das frische , brünette Mädchen deckte den Tisch . Sie hatte über das dunkle Kleidchen eine weiße Schürze gebunden , der Latz schmiegte sich ohne Falten an die volle Brust . Sie schob eben mit den runden Armen , die aus den halblangen Ärmeln blickten , eine Platte mit kaltem Fleisch auf des Amtsrichters Platz und setzte die Bierflasche neben das Kuvert . Und sie lachte den kleinen , wegemüden Freund dabei an , daß alle ihre weißen Zähne durch die Lippen blitzten . Auch das noch , um die Gemütlichkeit vollkommen zu machen ! Mochte essen , wer da wollte ! Und nun saß er oben in seinem Zimmer , in der Sofaecke . Draußen dämmerte die Frühlingsnacht , und eine Mädchenstimme sang um die Wette mit den Nachtigallen dort unten . Das mußte die kleine , schwarze Adelheid sein . Zuletzt scholl es nur noch verhallend aus der Tiefe des Gartens herauf . 200 Er fuhr erst empor , als der Amtsrichter vor ihm stand . » Nun möchte ich aber wahrhaftig wissen , Franz , bist du verhext , oder ich ? Was ist denn los ? Wo ist Madame ? Die kleine Schwarze da unten , die wie vom Himmel gefallen scheint , sagte : › Fort ! ‹ – Fort ? Was heißt das ? « » Fort ! « wiederholte Franz Linden . Es klang so wunderlich , daß der Freund stutzig wurde . » Es ist etwas passiert , Franz . Die Alte , die Schwiegermama hat ' s angerichtet . Oh , diese Weiber ! « » Nein , nein ! Die Sache mit dem Wolff . « Der Amtsrichter stieß ein gut deutsches Schimpfwort aus , dann setzte er sich neben Linden und schlug ihm auf die Schulter : » Den kriegen wir , Franz « , tröstete er , » und sie wird wiederkommen , muß wiederkommen , sie wird gar nicht darum gefragt . Aber sie hat das Dümmste getan , was sie tun konnte , indem sie davonlief . « Und er begann eine Auseinandersetzung über einen Prozeß , der kürzlich in Frankfurt am Main gespielt hatte , auf Grund böswilliger Verlassung . Linden sprang empor . » Bleibe mir mit dem Gesetz vom Leibe « , sagte er barsch , » denkst du , ich werde sie mit Gewalt zurückführen ? « » Und wenn sie nicht von selber kommt , Franz ? « » Sie wird kommen « , erwiderte er kurz . » Und der Ehrenmann , dieser Wolff ? « Franz Linden präsentierte dem Freunde eine 201 Zigarre und nahm selbst eine . Aber er zündete sie nicht an , und indem er sich wieder setzte , sagte er : » Das fragst du ? Habe ich mir schon je etwas gefallen lassen , Richard ? « » Nein , aber worauf stützt sich nur der Mann eigentlich ? « Franz zuckte die Achseln . » Ich sagte dir schon , daß er erklärte , als ich ihn quasi hinauswarf , er werde sein Recht zu finden wissen . Übrigens ist der Gentleman krank « , setzte er hinzu . » Oh , das ist fatal ! « bedauerte der Amtsrichter . Er verstummte , denn eben scholl wieder die volle , tiefe Frauenstimme herauf : Du hast mir viel gegeben , du schenktest mir dein Herz ; Du nahmst mir alles wieder und ließest mir den Schmerz . » Es muß recht schwer sein , Franz ! « flüsterte der Freund nach einer Weile tiefsten Schweigens . » Sehr schwer – ich meine : das Richtige bei den Weibern zu treffen . Wie wirst du dich benehmen ? Mit Strenge oder Milde ? Schreibst du ihr einen groben Brief , oder dichtest du sie an ? Es ist heute so ein Abend , ich könnte selbst Verse machen . Weißt du , Franz , zünde Licht an und laß uns die Zeitung lesen . « » Richard « , sagte der junge Mann laut und stand auf , » wenn du mir bei der Sache gegen Wolff deinen guten Rat leihen willst , nehme ich ihn dankbar an . Aber laß meine Frau aus dem Spiele , das ist meine Sache