sie kostete . Eberhard v. Wülflingen aber ward versetzt von Steinhagen und kam nie herüber , wenn in unserer Garnison die Kameraden sich zu Liebesmahlen oder Bällen vereinigten . Es war ihm doch wohl sehr , sehr nahe gegangen . Nach zwei Jahren wurde mein Vater in eine andere , weit 195 entfernte Garnison versetzt , wir mußten Steinhagen verlassen . Im Garten nahm ich Abschied von Lene am Vorabend unserer Reise ; wir waren die guten Freundinnen von ehedem geblieben , allein Lene sprach von ihrem Seelenkampf nie wieder mit mir . Daß der Fabrikbesitzer Ronnefahl noch immer auf sie wartete , dachte ich mir wohl , denn er hätte mit seiner stattlichen Erscheinung und seiner gesicherten , behaglichen Lebensstellung längst um eine andere werben können , trotz seiner ziemlich erwachsenen Söhne , von denen der älteste schon Primaner war . Ich war daher auch nicht allzusehr überrascht , als Lene mir gestand , daß sie jetzt dem zum dritten Male Anfragenden ihr Jawort gegeben habe . Sie sagte das so nebenher , als sei es ganz unwichtig , zwischen allerhand Bitten an mich , ich solle sie da draußen nicht vergessen ; aber ob sie viel zum Schreiben käme , das wisse sie ja nicht , glaube es auch kaum , besonders in nächster Zeit nicht , wo sie für ihre kleine Aussteuer zu tun habe , denn ihre Mama sei recht schlecht dran mit den Augen ; sie , Lene , müsse wohl alles selbst machen . Ich wünschte ihr noch aus vollstem Herzen Glück und versprach alles mögliche . » Sind deine Eltern nun zufrieden ? « fragte ich noch . » Ach , doch wohl – sie haben nun weniger schwere Sorgen , « antwortete sie . » Ronnefahl ist sehr gut und opferbereit . « Und dann fügte sie noch hinzu : » Sie saßen vorhin Hand in Hand auf dem Sofa , seit langer Zeit zum ersten Male , und sprachen von ihrem Brautstand . « – Ein kleines gerührtes Lächeln zuckte flüchtig um ihren Mund bei diesen Worten , dann sah sie ein Weilchen starr geradeaus , und wie ihre Gedanken wieder zurückkehrten , umarmte sie mich herzlich . » Lebe wohl , Marie , sei glücklich , recht glücklich ! « Ein- bis zweimal hat sie mir dann noch geschrieben , so gewisse müde , zufriedene Briefe , wie eine Fünfzigjährige sie schreiben könnte ; im letzten stand als Nachschrift : » Eberhard hat sich auch verlobt , die Braut heißt Lisette v. Lohmann und ist eine Tochter Friedrich v. Lohmanns , der vor ein paar Jahren geadelt wurde , eines großen Grundbesitzers in unserer Provinz . Sie soll 196 liebenswürdig sein , hübsch und gut – wie freue ich mich für ihn ! Es gibt mir viel Frieden . « Auf meine Frage , wann ihre Hochzeit sei , schwieg sie , und unsere Korrespondenz stockte , ich hörte nichts wieder von ihr . – – Mich führten weite Reisen in der Welt umher ; das kleine märkische Städtchen versank in Vergessenheit , und wenn ich flüchtig an Helene v. Brandenfeldt dachte , dann erschien sie mir als Frau Ronnefahl in dem hübschen Wohnhause nahe der Stärkefabrik als liebevolle Stiefmutter ihrer großen Söhne , wo möglich auch als eigene beglückte Mama . Ihre Eltern stellte ich mir vor , in alter , wiedererwachter Zuneigung auf dem Sofa sitzend , Hand in Hand , wie Lene mir beschrieb , sich erfreuend an der behaglichen Lage , die sie ihrem Kinde verdankten . Endlich aber kamen Zeiten , wo ich überhaupt nicht mehr an Lene dachte , so viel Neues , Reiches war in mein Leben getreten . – Da fuhr ich an einem herrlichen blauen Frühlingstage , von Laveno kommend , nach Mailand . Das Coupé teilte eine einzige fremde Dame mit uns . Ich beachtete sie kaum , sondern plauderte mit einer Freundin , die mich auf der Reise nach Venedig begleitete . » Kommt nicht bald die Station , wo es die herrlichen Maiblumen zu kaufen gibt ? « fragte ich . » Ganz recht ! Malnate , die nächste ist es . « Und wie wir dort einfuhren , standen richtig hinter der Barriere wieder die barfüßigen kleinen Italienerburschen mit den riesigen grünweißen Sträußen und schwenkten sie bittend gegen uns . Der Schaffner brachte auf unsern Wunsch zwei große Bukette herüber , und wie wir sie nun im heißen Coupé hatten , da war eine förmliche Woge von frischem süßem Duft um uns , daß aller Staub , alle Hitze wie hinweggeweht schien ; es war , als seien wir wieder im deutschen duftenden Laubwald , wo die Finken schlagen . Und während wir weiterfuhren , sah ich , wie die Dame mir gegenüber mit großen traurigen Blicken auf die Blumen starrte , und von da wanderten diese Blicke empor zu meinen Augen , in 199 das von leicht grauem Haar umrahmte Gesicht trat eine feine Röte , und sie sagte lächelnd : » Hast du denn immer noch die Maiblumen so gern , Marie ? « Zuerst staunte ich sie einen Moment an , dann aber streckte ich beide Hände ihr entgegen mitsamt dem Strauß : » Lene , Lene Brandenfeldt – ist es denn möglich ? « Sie nickte und erwiderte meinen Kuß . » Ich habe oft an dich gedacht , « sprach sie , » ich hätte auch gern an dich geschrieben , aber ich wußte nicht , wo du geblieben warst . « » Ja , freilich ! Aber ich hätte an dich schreiben sollen , Lene ; die Adresse wußte ich ja – Frau Ronnefahl in Steinhagen ; vergib mir , daß ich so – « Sie schüttelte den Kopf , und den Strauß , den ich ihr in den Schoß gelegt hatte , zu ihrem Gesicht führend , daß sich dasselbe 200 ganz in den Blüten verbarg , sagte sie , tief den Duft einziehend : » Ich bin Lene Brandenfeldt