und laut , Heinz Kerkows Fest begann . In dem Gotteshaus war kein Platz leer geblieben Aenne sah auch ihre Mutter und neben ihr Tante Emilie , die Aennes Einlaßkarte benutzt hatte , in einem altmodischen Crêpe-de-Chine-Tuch und ihrer besten Blondenhaube , der Vater , mit ein paar Orden geschmückt , saß hinter ihnen . Plötzlich wurden alle Hälse lang , man mühte sich , seitwärts in den Eingang zum Schlosse zu blicken . Einige Lakaien traten nach vorn und stellten sich , Spalier bildend , zu den andern , dann kam die Hofdame Frau von Gruber in bordeauxroter mit Pelz verbrämter Sammetrobe , geführt von einem alten Herrn in Generalsuniform , einem Onkel der Braut , dann noch einige ältere Paare und ein blasses Mädchen im schlichten weißen Kleid am Arm eines älteren Kavaliers . Aenne starrte teilnahmlos die Menschen an , wie sie langsam über den mit grünen Zweigen bestreuten Teppich dem Altar sich näherten . Und auf einmal zuckte sie zusammen und griff mit der Hand zum Herzen . Hinter ihr in jubelnden Tönen war die Orgel erbraust – das Brautpaar schritt die Stufen hinunter . Sie fühlte , wie ihr die Stirn feucht wurde , schwindelnd hielt sie sich an der Galerie des Chors , in dessen Mitte sie stand , und mit weit geöffneten Augen starrte sie hinab auf den Mann , an dessen Arm die in Spitzen , Atlas und Tüll gekleidete bräutliche Gestalt ging . Hatte sie sich zuviel zugetraut ? Wie hilfesuchend irrten ihre Augen umher – sie trat zurück – „ Fort ! Fort ! “ flüsterte sie . Da trafen ihre Blicke die Augen einer alten Frau unten in dem Seitenschiff , die mit unsäglicher Bekümmernis zu ihr emporsah . [ 151 ] Sie hatte plötzlich die Kraft , sich aufzurichten , wieder vorzutreten Mit fest zusammengepreßten Lippen sah sie die weiße Schleppe über den tiefroten Teppich gleiten , sah den Zug der Brautjungfern und Brautführer hinterher schreiten , und nun standen , den Rücken ihr zugewendet , die beiden am Altar vor dem Prediger . „ Ach , bleib ’ mit deiner Gnade “ – brauste es hinter ihr , und Aennes Hände falteten sich auf der Brüstung , ihr Kopf hob sich , ihr Herzpochen ließ nach , aber ein paar große Tropfen rannen wie erlösend über ihre Wangen . Unter den Worten des Geistlichen wich das bittere , wehe Gefühl mehr und mehr , nur der Schmerz blieb , ein großer , stiller Schmerz um ihr verlornes Glück . Endlich wurden die Ringe gewechselt , und das war der Augenblick , wo Aenne zu singen hatte . Leise begann die Orgel mit dem Chorgesang , und just in dem Augenblick , wo Heinz den funkelnden Ring an seinem Finger fühlte , da schwebte eine süße , innige Mädchenstimme durch den hohen Raum , eine Stimme , die ihm das Herz erzittern machte in Wonne uud Weh . „ Halleluja ! Seine Gnade ist groß ! “ Aenne , Aenne sang ihm das Abschiedslied , das Lied der Verzeihung ! Die Augen wurden ihm feucht , er biß die Zähne aufeinander , ach , er kannte so jede Modulation der geliebten , herrlichen Stimme , er hörte ihre emporquellenden Thränen heraus , ihr armes , blutendes Herz . – Wenn er nie gewußt hätte , daß sie ihn liebte , jetzt sang sie ihm die Wahrheit in seine Seele . – Ach , sie hätte es nicht thun dürfen ! Was wollte sie , indem sie zu dieser Stunde sich so singend , so groß in sein Denken drängte ? Sich rächen für seine Untreue ? „ Er segne eure Pfade und führe euch sanft immerdar ! “ tönte es in sein Ohr . Ueberirdisch , wie Himmelsgesang klang die Stimme aus der Höhe . Die Rätin beugte sich plötzlich tief herab auf ihr Gesangbuch und weinte , Tante Emilie sah starr zu dem Mädchen empor engelhaft hob sich ihre weiße Gestalt dort ab aus dem Halbdunkel . Nun trat Aenne zurück , der Chor fiel ein , und sie sank auf die kleine Bank neben der Orgel . Niemand achtete auf sie . Als der Segen gesprochen , der letzte Vers des Chorals gesungen war , schlich sie stumm hinunter . Der Wagen , der sie gebracht , fuhr auf den Wink des Portiers vor und in fluchtartiger Eile schlüpfte sie hinein . Zu Hause angelangt , floh sie in ihre Stube und riegelte hinter sich zu – nur niemand sehen , niemand hören ! Eine gute halbe Stunde später kehrten die Ihrigen zurück . Man pochte an ihre Thür , sie solle zu Tische kommen . Nach ein paar Minuten trat sie in die Eßstube , wo Vater , Mutter und Tante bereits saßen . Sie hatte sich umgezogen . Der Vater , der sonst sehr karg war mit Lob , streckte ihr die Hand entgegen . „ Du hast schön gesungen , Aenne , “ lobte er . Die Mutter , welche die Suppenkelle bereits schwang , nickte ihr zu . „ Besser hätt ’ s die Hochleitner auch nicht gemacht . Der Organist will noch kommen , um sich zu bedanken . “ Aenne sah sie freundlich an . „ Das ist mir lieb , daß es euch gefallen hat , denn im Anschluß daran will ich euch um etwas bitten . Nachher , “ rief sie , „ eßt doch nur erst , so eilig ist ’ s nicht ! “ „ Gelt , “ sagte Frau Rätin , „ wieder neue Rosen ? – Da wirst du schon ein paar Mark herausrücken müssen May . “ „ Ein paar Mark ? “ wiederholte Aenne , und etwas wie Erschrecken überkam sie ; sie war doch im Begriff , furchtbar viel zu fordern . „ Warum ißt du denn nicht ? “ fragte die Mutter . „ Sei nicht böse , Mama , ich kann nicht ! “ bat sie . „ Du