sich , das Rücken eines Stuhles . „ Mama ! “ rief sie , als sie die Mutter mit fieberhafter Eile ein Kleidungsstück nach dem andern anlegen sah . „ Ich habe so lange geschlafen Nelly , und habe nicht einmal den Army getröstet ; es ist schon Morgen – nein , laß mich , ich muß zu ihm ; er soll nicht den Glauben an die Menschheit ganz verlieren ; er ist noch viel zu jung dazu . Halte mich nicht zurück , Nelly ; er wird nicht schlafen ; es schläft sich nicht so leicht nach solchem Kummer . “ Sie litt kaum , daß das junge Mädchen ihr ein Tuch umlegte , und eilte durch das Wohnzimmer hinaus . Die Kleine wagte nicht ihr zu folgen ; sie schlich sich an die Nebenthür und horchte ; da plötzlich ein gellender Schrei ! Hastig stürzte sie hinaus und flog durch den langen Corridor . Die Thür zu des Bruders Zimmer war geöffnet ; drinnen stand die Mutter und hielt sich bebend an der Tischplatte . Nelly übersah in einem Moment das Gemach – dort das alte Himmelbett , die Kissen zerwühlt , auf dem Tische eine halb geleerte Flasche Wein , daneben ein Glas , über dem Sopha die leere Tapete ; das große Bild , das dort gehangen , lehnte mit der Vorderseite gegen die Wand ; dort lagen die Epaulettes neben dem Degen auf dem Stuhle – aber Army – wo war Army – ? „ Er ist fort ! “ stammelten die bleichen Lippen der zitternden Frau , „ er ist fort , Nelly – wenn er – wenn er wie sein Vater – ? “ „ Was denn , Mama ? Was denn um Gotteswillen ? “ „ Wenn er , Nelly , wenn er – o , ich – Jesus Christus ! “ sagte sie wie abwesend . „ Eile , Nelly , such ’ ihn ! “ bat sie dann hastig , „ ich kann ja nicht ; sag ihm , er soll bei mir bleiben ! Einmal hätte ich das Schreckliche erlebt – einmal , das ist genug ; ein zweites Mal ertrüg ’ ich ’ s nicht . “ „ Mama , “ bat Nelly in Todesangst , „ was meinst Du ? “ „ Rasch , rasch ! So geh ’ , so eile doch ! Er soll nicht sterben ; er soll leben . Geh ’ , sonst bringen sie ihn mir auch so bleich und blutig – “ sie schauderte und wies hinaus zur Thür . Das geängstigte Kind hatte die Mutter begriffen , und wie mit Geierkrallen faßte die Angst auch ihr Herz ; sie floh aus dem Zimmer – wo , wo sollte sie doch zuerst suchen ? Mechanisch lief sie die Treppe hinunter ; die Pforte im Thurme stand angelehnt ; in jäher Hast floh sie über den Schloßplatz , vorbei an den steinernen Bären , in den Lindengang . Des Bruders verzweifeltes Gebahren , die schreckliche Andeutung in Betreff ihres Vaters – dämmerte doch jetzt in ihr eine entsetzliche Gewißheit auf ! Sie preßte die Hände auf die Brust und stand still . Wo konnte Army sein ? „ Army ! “ rief sie , aber es war , als wollte der Schrei nicht aus der Kehle . „ Army ! “ – es blieb ringsum todtenstill . Feucht und naß lagen die welken Blätter ihr zu Füßen ; ein paar kleine Vögel flatterten in den Aesten und schauten mit neugierigen schwarzen Augen zu dem geängstigten jungen Menschenkinde hinunter ; „ Army ! “ stieß sie noch einmal mit Aufbietung aller Kraft hervor , und dann einen langhallenden Ruf – wie ein Jauchzen klang es ; so hatten sie sich als Kinder immer gerufen ; das mußte er hören . Kein Laut gab ihr Antwort ; nur ein Flüstern durch die alten Lindenbäume , als schüttelten sie verneinend die Häupter , um zu sagen : er ist nicht hier . Am Teich vielleicht , am Teich – dachte sie , und als sie durch die dichten Gebüsche eilte , da ergriff sie ein nie gekanntes Grausen in dieser Stille , dieser Einsamkeit . Wie , wenn sie ihn fände ? Wenn er nicht mehr hören könnte , daß sie ihn rief ? Wenn er bleich und butig – ? Das Herz preßte sich ihr zusammen , aber sie schritt vorwärts . Da lag das kleine dunkle Gewässer so ruhig , als gäbe es [ 786 ] keine Stürme , kein Wetter in der Welt . Teichlinsen und welke Blätter schwammen bewegungslos auf der glatten Fläche , und die steinerne Ruhebank am Ufer stand leer . Wie erleichtert seufzte sie aus und schritt hastig weiter ; die herabhängenden Zweige schlugen ihr in ’ s Gesicht und streiften den Thau auf die blonden Haare . Der Saum ihres Kleides schleifte schwer und feucht hinter ihr , und weiter , nur immer weiter ! Sie blickte angstvoll nach rechts und links , und von Zeit zu Zeit rief sie den Namen des Bruders durch die stille Morgenluft . Da – Schritte – ! Wie gejagt flog sie weiter ; dort lag das Gitterthor , der eine Flügel geöffnet ; schon eilte sie hindurch – es war ein Arbeiter , der , die Mütze ziehend , an ihr vorüber schritt , die unerwartete Erscheinung verwundert musternd ; dann blieb er stehen ; sie hatte eine Bewegung gemacht , als habe sie etwas sagen wollen , da sie aber schwieg , fragte der Mann : „ Suchen Sie etwas , gnädiges Fräulein ? “ „ O nein , nein , ich wollte mit meinem Bruder einen Morgenspaziergang machen – haben Sie ihn vielleicht gesehen ? “ „ Den Herrn Officier meinen Sie ? Ja , dem bin ich vorhin begegnet , ein Stückchen hinter der Lumpenmühle . “ „ Danke ! “ hauchte sie und schlug den Weg zur Mühle ein ; in größter Hast schritt sie vorwärts