früherer Gelegenheit , von einem Ausfluge nach Tempelhof , der überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns bedeutete . Heimkehrend aus der Kirche , sprachen wir über Ordensritter und Ordensregeln , und der ungesucht ernste Ton , mit dem er , trotz meiner Neckereien , den Gegenstand behandelte , zeigte mir deutlich , welchen Idealen er nachhing . Und unter diesen Idealen – all seiner Liaisons unerachtet , oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen – war sicherlich nicht die Ehe . Noch jetzt darf ich Dir versichern , und die Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntnis , daß es mir schwer , ja fast unmöglich ist , ihn mir au sein de sa famille vorzustellen . Ein Kardinal ( ich seh ihrer hier täglich ) läßt sich eben nicht als Ehemann denken . Und Schach auch nicht . Da hast Du mein Bekenntnis , und Ähnliches muß er selber gedacht und empfunden haben , wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber schwieg . Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt , auf mehr äußerliche Dinge , woraus Du sehen magst , daß ich ihn nicht überschätze . Wirklich , wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder unterliegen sah , so fühlt ich nur zu deutlich , daß er weder ein Mann von hervorragender geistiger Bedeutung noch von superiorem Charakter sei ; zugegeben das alles ; und doch war er andererseits durchaus befähigt , innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen . Er war wie dazu bestimmt , der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein , und würde diese Bestimmung , Du darfst darüber nicht lachen , nicht bloß zu seiner persönlichen Freude , sondern auch zum Glück und Segen andrer , ja vieler anderer , erfüllt haben . Denn er war ein guter Mensch und auch klug genug , um immer das Gute zu wollen . An dieser Laufbahn als ein prinzlicher Liebling und Plénipotentiaire hätt ich ihn verhindert , ja , hätt ihn , bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten , aus all und jeder Carrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen , um mit mir ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen wegzunehmen . Davor erschrak er . Er sah ein kleines und beschränktes Leben vor sich und war , ich will nicht sagen auf ein großes gestellt , aber doch auf ein solches , das ihm als groß erschien . Über meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen . Ich hab ihm , ich zögre fast , es niederzuschreiben , nicht eigentlich mißfallen , und vielleicht hat er mich wirklich geliebt . Befrag ich seine letzten , an mich gerichteten Zeilen , so wär es in Wahrheit so . Doch ich mißtraue diesem süßen Wort . Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl , und alles Weh , was er mir bereitet hat , durch sein Leben und sein Sterben , er wollt es ausgleichen , soweit es auszugleichen war . Alles Weh ! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht ! Nein , meine liebe Lisette , nichts von Weh . Ich hatte früh resigniert und vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben , was das Leben hat . Und nun hab ich es gehabt . Liebe . Wie mich das erhebt und durchzittert und alles Weh in Wonne verkehrt . Da liegt das Kind und schlägt eben die blauen Augen auf . Seine Augen . Nein , Lisette , viel Schweres ist mir auferlegt worden , aber es federt leicht in die Luft , gewogen neben meinem Glück . Das Kleine , Dein Patchen , war krank bis auf den Tod , und nur durch ein Wunder ist es mir erhalten geblieben . Und davon muß ich Dir erzählen . Als der Arzt nicht mehr Hilfe wußte , ging ich mit unserer Wirtin ( einer echten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte ) nach der Kirche Araceli hinauf , einem neben dem Kapitol gelegenen alten Rundbogenbau , wo sie den » Bambino « , das Christkind , aufbewahren , eine hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von Ringen , wie sie dem Christkind , um seiner gespendeten Hilfe willen , von unzähligen Müttern verehrt worden sind . Ich bracht ihm einen Ring mit , noch eh ich seiner Fürsprache sicher war , und dieses Zutrauen muß den Bambino gerührt haben . Denn sieh , er half . Eine Krisis kam unmittelbar , und der Dottore verkündigte sein » va bene « ; die Wirtin aber lächelte , wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte . Und dabei kommt mir die Frage , was wohl Tante Marguerite , wenn sie davon hörte , zu all dem » Aberglauben « sagen würde ? Sie würde mich vor der » alten Kürche « warnen , und mit mehr Grund , als sie weiß . Denn nicht nur alt ist Araceli , sondern auch trostreich und labevoll und kühl und schön . Sein Schönstes aber ist sein Name , der » Altar des Himmels « bedeutet . Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf .