« bestätigte Warburg . » Einigkeit ist wie Friede oft nur ein Zeichen der Stagnation , des Alterns . « » Wenn das auch für den einzelnen gilt , « rief sie aus , » so kann ich mich trösten . Denn stets bin ich im Streit mit mir . « Im Laufe des Gesprächs erzählte sie mit lächelnder Selbstverhöhnung von ihren » Lebensversuchen « . » Schon als Backfisch begann ich zuerst heimlich , dann mit rücksichtsloser Offenheit mich allen Bewegungen begeistert in die Arme zu werfen und fand , unglücklicherweise mit allzu scharfem Verstand begabt , unter meinen Gefährten mehr Maulhelden als Helden , mehr Leute , die im Trüben für sich fischen , als im Hellen für andere bauen wollten . Einem , der sich besonders radikal gebärdete und mit Feuer und Schwert gegen die Laster der kapitalistischen Gesellschaft zu Felde zog , wäre ich in meiner Begeisterung für die Tugend fast nachgelaufen , wenn ich nicht rechtzeitig erfahren hätte , daß dieser Cato zu gleicher Zeit durch Herausgabe pornographischer Schriften zum Krösus wurde . « Dann hatte sie nach kurzer Ehe in bitterster Enttäuschung ihren Mann verlassen - » leider hatte selbst die Liebe mich nicht mit Blindheit geschlagen « - , hatte es mit der Malerei versucht und Kunstgeschichte und Philosophie studiert , aber - und das ein wenig leichtfertige Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb dabei - » wir haben Talente , aber kein Talent , Wünsche , aber keinen Willen . « » Sagten Sie nicht neulich , « mischte sich Warburg wieder in das Gespräch - er saß jetzt ganz im Schatten , so daß nur seine Stimme die innere Bewegung verriet - , » daß den Frauen wohl nur eines beschieden sei , worin ihr Denken und Fühlen und Sein zu reiner Harmonie sich entfalten können : die Liebe ? « Sie schwieg einen Augenblick . Dann legte sie ihre bräunliche Hand , die zu breit war , um schön zu sein , mit einer gütigen und beschwichtigenden Geste auf die seine und sagte : » Den Frauen - ja ! Doch nur so lange , als der kritische Verstand ihren Instinkt nicht verdorben hat . « » Seltsam , « meinte Konrad , als die Freunde aus dem stillen Salon miteinander auf die Straße traten , » das Lachen dieser Frau klingt nach Tränen . Und warum nur diese feierliche Kerze brannte ? « » Ein jüdischer Brauch , « antwortete Warburg ruhig , » sie feiert damit das Gedächtnis ihrer Schwester , die sich vor Jahren , ein halbes Kind noch , das Leben nahm . Aus - Lebensüberdruß ! All diese Menschen , denen das Leben nichts versagte , sind wie ohne Hände geboren . Sie verhungern , indessen alles um sie voll Früchte hängt . « Konrad sah dem Freunde ins Gesicht . » Gezeichnete sollte man meiden , « sagte er . Der andere lächelte , ganz ruhig und aufrichtig , ein Lächeln , das von innerer Helle widerstrahlte : » Oder sie erlösen . « Mit einem Händedruck , wärmer noch als sonst , gingen sie voneinander . Konrad wohnte nicht weit in einem der großen Hotels am Kurfürstendamm , das erst kürzlich seine prunkvollen Räume dem immer neuheitshungrigen gaffenden Publikum eröffnet hatte . Ganz oben , so hoch ihn der Aufzug fahren konnte , hatte er sich ein paar helle Zimmer gewählt , mit jenem künstlerischen Intellektualismus ausgestattet , der alle phantastischen Träume verbannt . Die kleine gekrönte Wachspuppe auf dem roten Stuhl , die einsam auf der spiegelnden Platte des Schreibtisches stand , betonte nirgends so stark ihren Charakter einer verwunschenen Prinzessin . Hier war alles modern , praktisch , höchste Kultur des naturwissenschaftlich gebildeten aufgeklärten Verstandesmenschen . » In dieser Umgebung « , hatte Konrad , sich selbst ob dieser Wahl verspottend , bei Warburgs erstem Besuch gesagt , » muß jeder Dichter zum Journalisten , jeder Künstler zum aktuellen Illustrator , jeder Verliebte zum Mitgiftjäger , jeder Phantast zum Börsenspekulanten werden . « Statt Giovanni , des Seiltänzers , bediente ihn das Muster eines Kellners , das heißt , eine namen- und individualitätslose Maschine , und die Krone wohlgeschulter Hotelmädchen , das sich für ein Trinkgeld zu jedem Dienst mit demselben Gleichmut bereit finden würde . Die Bekanntschaft mit Frau Sara hatte Konrad bis ins Innerste aufgewühlt . Wie in einem Spiegel glaubte er sich selbst begegnet zu sein . » Talente , kein Talent - Wünsche , kein Wille , « klang es ihm , halb kühle Feststellung einer unabänderlichen Tatsache , halb bitterer Vorwurf einer Schuld , noch in den Ohren . Sollte er durch den kalten Regen und den fauchenden Sturm weiterwandern , um wieder ruhig zu werden ? Im breiten Lichtstrahl des Hotelportals blieb er stehen . Zahllose Wagen und Autos rollten heran . Herren und Damen in großer Toilette schritten an ihm vorüber in die Halle . Alle Birnen brannten , die großen Glastüren zu den Festräumen standen weit offen , eine bunte Menge bewegte sich hinter ihnen . Er wandte sich an den betreßten Türhüter : » Was gibt ' s hier heut abend ? « » Kostümfest Berolina , zum Besten des Säuglingsheims , « antwortete der , und fügte mit jenem aus Hochachtung und Vertraulichkeit gemischten Ausdruck , den gewiegte Hotelangestellte anzunehmen pflegen , wenn von großen Kokotten , vornehmen Glücksrittern und reichen Parvenüs die Rede ist , hinzu , mit einer Wendung des Kopfes hinüberdeutend : » Der Kommerzienrat Siegmund Veit spielt den Wirt . « » Veit ? ! « dachte Konrad ; der Portier kam seiner Frage entgegen : » Frau Renetta Veit ist die Gründerin des Heims . « Renetta Veit - die Nixe im weißen Auto - die Geliebte des Russen ! Ohne nachzudenken , mit der Sicherheit eines Schlafwandelnden , ließ Konrad sich in sein Zimmer fahren , vertauschte rasch den Smoking mit dem Frack , um sich wenige Minuten später , die Eintrittskarte in der Hand ,