europäischer Soldaten genügen würde , um die ganze Bewegung zu ersticken , fühlten sich schon als große Chinakenner . Aber die Chinesen wußten es besser . Wußten , daß nur der letzte endgültige Befehl noch fehlte . Dann plötzlich ward bekannt , daß die Kaiserin aus dem Sommerpalast , wo sie , wie alljährlich , die heißen Monate verbringen wollte , ganz unerwarteterweise in die Stadt zurückgekehrt sei . Bedeutete das Krieg , bedeutete es Frieden ? Niemand wußte Genaues . Gerüchte und Vermutungen schwirrten durcheinander . General Tung fu hsiang , der einstmalige Rebell und spätere grausame Unterdrücker eines Aufstandes mohammedanischer Chinesen , hatte mit seinen wilden Truppen die göttliche Mutter von den Bergen nach Peking eskortiert . War aber sein Einfluß etwa im Steigen , so ließ das Schlimmes befürchten , denn seine Roheit und Blutgier waren allbekannt . Der Bischof , der an dem Morgen gerade im Gesandtschaftsviertel gewesen , hatte dort lange verweilen müssen , ehe er in den im äußeren Teil der Kaiserstadt gelegenen Petang zurückkehren konnte , da während kaiserlicher Umzüge niemand sich auf den Straßen blicken lassen durfte . Das Ende des Trosses hatte er aber noch gesehen , Scharen unheimlich verwegener Gestalten , Gesellen , die zu allem entschlossen schienen ; hatte auch die berüchtigten hohen Fahnen Tung fu hsiangs gesehen , von deren dunkelblauem Samtgrund die großen feurigroten Zeichen herabkreischten , gleich einer unheilverkündenden Blutschrift , von Riesenfaust frech hingeschmiert . Der Vetter Sin schen hatte bei Li lien ying gehört , der Ta a ko würde alle Tage anmaßender ; er trete der sonst von allen gefürchteten Herrscherin neuerdings mit Keckheit entgegen , und den bleichen Kwang Hsü beschimpfe er gar » Fremdenschüler « . Sollte die Kaiserin etwa selbst schon eine halb Gefangene in der Hand derer sein , die sie gerufen und die sie nun nicht mehr zu bannen vermochte ? Bei der geheimnisvollen Abgeschiedenheit , in der der Hof hinter den purpurnen Mauern lebte , konnten Außenstehende ja nie ermessen , ob die unter den goldenen Dächern angeblich Herrschenden nicht vielleicht selbst längst schon Beherrschte waren . Der Vetter Wang pao wollte dagegen wissen , die Kaiserin sei sehr erzürnt über die Zerstörung der Pao- durch die Boxer . Yung Lu habe ihr diese Nachricht in den Sommerpalast gebracht und sie noch einmal dringend vor Tuan und allen Boxern gewarnt . Er werde hierin unterstützt von dem erfahrenen und vorsichtigen Prinzen Ching , der seit Jahren , als Mitglied des Tsungli-Yamen , die Beziehungen zu den Ausländern vermittelte , und der von einer später etwa beweisbaren Konnivenz der Regierung mit den fremdenfeindlichen Aufrührern die schlimmsten Folgen für Land und Dynastie voraussage . Aus diesen Erwägungen sei die gnadenreiche Gegenwart in die Stadt zurückgekehrt , und nun würde sie endlich Ruhe stiften , die Schuldigen bestrafen und mit den Fremden Frieden schließen . Es sei ja nicht anders denkbar . Dieser Mittsommerwahnsinn dauere wahrlich schon lange genug . Die Vernunft müsse doch schließlich siegen . Doch es kam anders . Das nächste , was man erfuhr , war die Ernennung des Prinzen Tuan zum Chef des Tsungli-Yamen . Und wie um zu zeigen , welcher Geist den Fremden gegenüber nunmehr walten solle , wurden die Tribünen des den Ausländern gehörenden Rennplatzes von den Boxern in Brand gesteckt , wobei sie den chinesischen Wächter , als Fremdenknecht , in den Flammen rösteten . Beinahe gleichzeitig sahen sich junge Herren einer Gesandtschaft bei einem Spazierritt von Bewaffneten angegriffen , vor deren Uebermacht sie sich nur durch eiligste Flucht und etliche Revolverschüsse retten konnten . Diese Vorkommnisse rüttelten endlich auch jene auf , die bisher fest an dem Glaubenssatz gehalten , daß die Unantastbarkeit fremder Gesandtschaftsmitglieder ein auch im fernsten Osten geltender Grundbegriff internationalen Verkehrs sei . Noch mehr wurden sie aus diesem Wahn gerissen , da , als erster der Ihrigen , ein japanischer Gesandtschafts-Kanzlist , in einem Maultierkarren durch die Straßen fahrend , von Soldaten Tung fu hsiangs ermordet wurde . Tiefste Bestürzung folgte nun auf höchste Sorglosigkeit , und der erste Gedanke war : » Ja , wenn dies alles wirklich bitterer Ernst ist , dann sind die Gesandtschaftswachen allerdings viel zu klein ! « Von allen Ta-jens , so erzählten die Boys , war in wilder Hast an die verschiedenen Geschwaderchefs nach Taku gedrahtet worden . Prestige und Symbole mochten theoretisch von höchstem Werte sein , aber jetzt wollte man doch lieber Schutztruppen haben , und zwar viele , recht viele ! Und rasch , möglichst rasch ! - Aber die Zeit für all das war vorüber . Die Truppen waren zwar alsobald von Tientsin aufgebrochen , aber sie langten nicht an . Die Bahn , auf der sie kommen sollten , war zerstört . Und auch die telegraphische Verbindung , die bis dahin noch bestanden , war plötzlich ebenfalls vernichtet . Gerade in diesem Augenblick , wie auf geheimen Befehl . Und das ganze Land , von den tempelbesäten westlichen Bergen und den dräuenden Mauern Pekings bis hinab zu den Sümpfen Tientsins , war erfüllt von Myriaden fremdenfeindlicher Menschen : von fanatischen Boxerhorden , mit Schwertern und Hellebarden , von modern bewaffneten regulären Truppen , die , durch jene mit fortgerissen , ihnen nun blind folgten . Dazu kamen all die durch die Dürre Verarmten , die , verzweifelnd , sich an denen rächen wollten , die ihnen als Urheber alles Uebels genannt wurden - und schließlich noch Tausende solcher , die es in allen Ländern gibt , die glauben , daß sie nichts zu verlieren haben , sondern daß , was auch kommen möge , für sie nur Gewinn bringen könne . Keine von Matrosen eilig improvisierte Hilfskolonne vermochte durch diese Massen rasch vorzudringen ! - Statt dessen tönten ununterbrochen hinter den Mauern der großen grauen Stadt die Gongs und langen Trompeten der Aufrührer mit schauerlichem Dröhnen durch die Nacht . Unheimliche eherne Stimmen , die die einen zu Mord und Raub , zu Schändung Lebender und Toter einluden , und den anderen höhnisch zuzurufen