Ich bin bereit , den Findling zu betreuen , knüpfe jedoch die Bedingung daran , daß man mich in allen Dingen gewähren und daß niemand , wer es auch sei , sich einfallen läßt , mich in meinen Plänen zu beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich und Caspar zu treten . « Natürlich wurde das zugesagt und versprochen . Kaum hatte Frau Behold gehört , was sich hinter ihrem Rücken abspielte , so beschloß sie , den Ereignissen zuvorzukommen . Sie wartete eine Nachmittagsstunde ab , während welcher Caspar nicht zu Hause war , ließ alles , was sein Eigentum war , Kleider , Wäsche , Bücher und sonstige Gegenstände , in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Straße stellen . Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus , um auf Caspars Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes zu genießen . Caspar kam bald ; er wurde von seinem Leibpolizisten über das Vorgefallene belehrt , und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus trollte , um Meldung zu erstatten , lehnte sich Caspar gegen seine Kiste und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf Es dauerte gute zwei Stunden , bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte , was zu tun sei , und Herr von Tucher benachrichtigt worden war . Währenddem fing es an zu regnen , und hätte nicht ein gutmütiges Marktweib einen Hopfensack herbeigebracht , mit dem sie die Kiste bedeckte , so wäre Caspars ganzes Hab und Gut durchnäßt worden . Endlich zeigte sich der Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten ; sie brachten ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf . Nun gings fort , und ein einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die Hirschelgasse ans Tucherhaus . Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar . Vor allem hörte der Besuch der Schule auf , und anstatt dessen kam zweimal täglich ein junger Lehrer ins Haus , ein Studiosus namens Schmidt . Sodann wurde jedem unberufenen Fremden die Tür verriegelt . Ferner wurde das Reiten nicht mehr gestattet . » Derlei Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute , nicht aber für einen Menschen , der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen werden muß und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird , sich mit seiner Hände Arbeit durchzuschlagen « , sagte Herr von Tucher . Daraus war ersichtlich , daß er den Redereien von vornehmer Abstammung , die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren , nicht die mindeste Bedeutung zumaß . » Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug , « erwiderte Herr von Tucher , wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser Art hinwies ; » ich bin durchaus nicht gesonnen , einem solchen Phantom , und mehr ist es nicht , meine Grundsätze zu opfern . « Herr von Tucher war ein Mann , der unerschütterlich an seine Grundsätze glaubte . Grundsätze zu haben war für ihn das erste Element des Lebens , nach ihnen zu handeln ein selbstverständliches Gebot . Es gehörte zu diesen Grundsätzen , daß er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich und Caspar schuf , die den Respekt sicherte . Vertrauliche Beziehungen waren ohnehin seine Sache nicht ; Gefühle zu zeigen , war ihm verhaßt ; die aufrechte Haltung , der gemessene Gang , der kühle Blick , die Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar sein Inneres . Strenge erschien ihm wichtig ; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht . Die oberste Maxime war : sich nicht rühren lassen . Daneben war es billig für erfüllte Pflicht Anerkennung zu gewähren . Die Stunden vom Morgen bis zum Abend waren aufs genaueste eingeteilt . Am Vormittag der Unterricht , dann ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten , am Nachmittag beschäftigte sich Caspar allein . Neben seiner Stube war eine kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet , und wenn er die Aufgaben beendigt hatte , verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten , wozu er viel Geschick bewies . Auch an Uhren und deren Zerlegung und Zusammensetzung fand er Freude . Sein Betragen befriedigte Herrn von Tucher vollkommen . Er konnte nicht umhin , den eisernen Fleiß des Jünglings und seinen hartnäckigen Lern-und Bildungseifer zu bewundern . Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung , niemals tat Caspar weniger , als von ihm gefordert wurde . Ganz klar , man hat mich falsch berichtet , dachte Herr von Tucher , die Leute , die bisher um ihn waren , haben ihn nicht zu behandeln gewußt , zum erstenmal erfährt er den Segen einer folgerechten Leitung . Die Grundsätze triumphierten . Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm , aber im Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar , daß dem ein Zwang obwaltete , und er hörte auf , die Gelegenheiten zu fliehen , die ihm Zerstreuung und Unterhaltung versprachen . Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm entstand , riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den Sims , bis es wieder stille war . Es brauchten nur zwei alte Weiber schwatzend stehenzubleiben , gleich war unser Caspar auf dem Posten und lauschte . Er wußte genau , um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom Webersplatz herkamen , und ergötzte sich an ihrem Pfeifen . Sobald der Postillon am Laufertor sein Horn blies , unterbrach er die Arbeit , und seine Augen glänzten . So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern des weitläufigen Hauses stutzig , und nicht selten lief er zur Tür , öffnete den Spalt und horchte aufgeregt , wenn er eine Stimme vernommen hatte , die unbekannt klang . Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam ; sie sagten , er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an , sie dem Baron zu verklatschen . Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung ; er schritt fast auf Zehen über die Korridore , etwa wie man in der