Oder hast du einen Grund , morgen vorzuziehen ? « » Das nicht . Heute oder morgen , das käme ganz auf das gleiche heraus . « » Wenn du jedoch heute gehen willst , so darfst du nicht säumen ; es ist gerade die richtige Besuchszeit . « » Du bist ein gescheiter Gedanke . Nur laß mich zuerst gründlich nachsehen , ob auch alles inwendig im Gleichgewicht ist , damit mir nicht am Ende wieder der Konrad mit seinen Nervenkünsten eine Überraschung spielt . « Er prüfte sich . Rundum Ruhe , im Blut und in den Nerven ; nirgends etwas Verdächtiges . Also ging er ohne weiteres zu ihr . Sie saß allein im Zimmer , am Nähtisch . Kaum erblickte er sie , so funkelten alle Gegenstände wie durch Kristall geschaut , hierauf begannen sie zu schwanken und sich zu drehen , immer schneller ; dann wußte er nichts mehr , als daß er zu ihren Füßen kniete , in einer Sturmflut von Tränen , ungestüm ihre Hand küssend . Darüber erschrocken , schnellte er tief beschämt empor , im Begriff davonzustürzen . Sie aber erfaßte mit barmherziger Güte seinen Arm : » Wohin eilen Sie ? was wollen Sie beginnen ? « Er stöhnte : » Weiß ichs ? Mich irgendwo in einer Waldhöhle zutode schämen . « » So dürfen Sie nicht fort ; kommen Sie , ich will Ihnen die Augen waschen . « Und führte ihn ins Schlafzimmer . » Ich wußte von nichts « , besänftigte ihre Stimme , » ich hatte keine Ahnung , wenigstens nicht , daß es so tief gehe . Habe ich mir vielleicht etwas zuschulden kommen lassen ? « Er schüttelte den Kopf , der Rede nicht mächtig , und ließ die Augenwaschung willenlos wie eine Operation über sich ergehen . » Welche Schmach ! « stöhnte er von Zeit zu Zeit , » welche Schande ! « » Es ist doch keine Schande , jemand lieb zu haben ! « tröstete sie , » man kann ja doch nichts dafür . Oder bin ich denn so schlecht , daß es eine Schande wäre , wenn man mich lieb hat ? « Da biß er sich die Lippen bis aufs Blut . Darüber war das Kind in der Wiege aufgewacht , richtete sich auf und schaute neugierig zu . Die Mutter holte es aus dem Bette . » Siehst du « , sagte sie zu ihm , » da steht ein armer Mann , dem etwas furchtbar wehe tut . Allein niemand hat ihm etwas zuleid getan , niemand will ihm etwas Böses ; er tut sich nur selber weh , weil er sich in seiner Phantasie Dinge vormalt , welche nicht da sind . - Gelt , Sie versprechen mir , daß Sie nichts Übereiltes begehen ? « mahnte sie zum Abschied . » Falls Sie mich wirklich gern haben , so müssen Sie mir das versprechen ; ich will es , ich verlange es . Kommen Sie lieber wieder zu uns , wir wollen Sie heilen ; wenn Sie mich genauer kennenlernen , werden Sie bald genug selber sehen , daß ich durchaus nichts so Kostbares , Unersetzliches bin , wie Sie sich einbilden . « » Ihr meine Liebe verraten ! « klagte er auf dem Heimwege , » das heißt : mich ihr wehrlos überliefert ! Summa : alles verloren ! Wie ein lyrischer Apothekergehilfe , wie ein Romanwicht habe ich mich aufgeführt . Tränen , Handkuß , Kniefall , keine Art von Lächerlichkeit hat gefehlt . Bin ich das gewesen ? O Konrad ! Konrad ! Und dieses Mitleid ! dieses barmherzige Trösten ! Was in aller Welt soll ich nun beginnen ? « » Nichts « , erwiderte sein Verstand . » Nur gesund bleiben , alles übrige richtet sich später wieder ein . « » Aber die Demütigung , die Erniedrigung ! ! « » Wenn es keine größere Erniedrigung gäbe , als der Liebe zu unterliegen ! « Der Verstand mochte schon recht haben . Auch war die Sache nun einmal geschehen . Also ließ ers laufen , wohin es dem Konrad beliebte . Hatte sie nicht gesagt : » Wir wollen Sie heilen , kommen Sie nur wieder zu uns « ? Ob er ihre Aufforderung wiederzukehren befolgen solle , war für ihn nicht fraglich . Oder fragt sich etwa ein Kranker , der nach unerträglichen Qualen endlich ein schmerzstillendes Mittel verabreicht erhalten hat , ob er das Mittel wieder nehmen wolle oder nicht ? Es gibt eben Grade des Schmerzes , wohin Stolz und Scham nicht reichen , wo nur noch der einzige Gedanke gilt : » Hilfe « , einerlei womit , gleichviel durch wen . Er hatte die geliebte Stimme , den guten Spruch ihrer barmherzigen Rede gespürt . Was Stimme ! was Rede ! Mit ihrer eigenen Hand hatte sie sein Antlitz berührt , mit ihrem Arm seine Wange gestreift . Was braucht es da der Überlegung ? Dort ist der Trost , das Heil und das Leben ; die übrige Welt ist Kram . Also zog er schon am folgenden Morgen wieder hin , am übernächsten Morgen von neuem und so weiter jedes Tages Morgen . Und jedesmal fand er sie am Nähtisch allein , und immer durfte er ihr sagen , daß er sie lieb habe . O welche Erleichterung ! Statt fern von ihr sein Leid in den kalten Tannenwald zu weinen , es einem warmen Menschen , es ihr zu gestehen , es von ihren schönen Augen bescheinen zu lassen , teilnehmende Worte , freundschaftliche Blicke dafür einzutauschen ! Und wie man eines Kindes Tränen durch Anblasen und nichtige Sprüchlein stillt , so brachten ihm ihre unbedeutendsten Worte durch den bloßen Ton der ersehnten Stimme Trost und Linderung , so daß er schon bei seinem zweiten Besuche der Tränennot ledig wurde ; nicht anders , als ob seiner Wunde der Stachel wäre entzogen worden . Und mit jedem neuen