antwortete er : » Sihdi , tue mir das nicht an , daß ich dich verlassen soll ! Ich gehe mit dir durch die ganze Welt ! Nur bitte ich dich um fünf Pfund , die ich meinem Vater schicken will . « » Ja , weißt du denn , wieviel ich dir schuldig bin ? « » Nichts bist du mir schuldig , gar nichts . Ich merke mir auch nichts , denn du bist kein falscher , sondern ein richtiger Christ und wirst mich nicht betrügen . « Ich muß nämlich bemerken , daß er nur dann einmal Geld von mir forderte , wenn er welches nach Hause schicken wollte . Ich hatte schon öfters mit ihm abgerechnet und ihm seinen Lohn vorgezählt ; aber sobald er die vielen Goldstücke liegen sah , bekam er Angst und bat mich , sie ihm aufzuheben . Er bekam pro Tag fünf Mark , und da ich kein Pfennigfuchser bin , so brauchte er fast gar nichts für sich auszugeben und konnte den ganzen Lohn sparen . War ich ja einmal mit ihm unzufrieden , so konnte ich ihn nicht härter strafen als dadurch , daß ich ihm sein Geld hinlegte . Der Angstschweiß trat ihm sofort auf die Stirn , und ich werde nie vergessen , mit welcher Miene er bei unserer Trennung über zweitausend Frank in Goldstücken in sein Taschentuch einknotete . » O Sihdi , « sagte er . » Nimm es wieder ; ich schenke es dir ; aber laß mich bei dir bleiben ! « Diese Liebe war ja später durch unser langes Beisammensein erklärlich ; aber er hatte sie mir gleich vom ersten Augenblicke an gezeigt , ohne daß ich den Grund entdecken konnte . Hier in Colombo erfuhr ich ihn endlich . Nämlich die Postanweisung an seinen Vater mußte englisch geschrieben werden , und da er das nicht konnte , so tat ich es für ihn . Dann gab ich ihm die fünf Pfund und machte ihm die Bemerkung , daß seine Fürsorge für den Vater mich stets sehr gefreut habe . Da drückte und drückte es in ihm so lange , bis es herauskam : » Sihdi , ich muß dir Etwas von ihm sagen . Er kennt dich ; ja , er kennt dich ganz genau , obleich er dich nie gesehen hat . « » Wie soll er mich da kennen ? « » Das ist es eben , was ich dir sagen will . In Kairo gibt es zahllose Blinde . Sei aufrichtig : bist du einmal an einem von ihnen vorübergegangen , ohne ihm Etwas zu schenken ? « » Nein ; das ist meine Eigenheit . « » Aber eine Eigenheit , für welche unser Islam sehr gute Augen und ein dankbares Herz hat . Sein Hauptgebot ist , Almosen geben , und wenn ein Christ so oft und so gern gibt wie du , ohne sich darum zu kümmern , daß der Empfänger andern Glaubens ist , so wird er in der kürzesten Zeit bekannt , obgleich er das nicht bemerkt . Schon einige Tage nach deiner Ankunst im Hotel Continental warst du von der Scharia el Faggala bis zum Medan Abdin und vom Kantaret el Bulak bis zum Derb el Gamamis nur der Almani , der allen Blinden gibt . Darum schaute ich stets zu dir hinüber , wenn du im Freien deinen Kaffee trankst , und als es hinter dem Bab el Ghoraib die jährliche Dschemija el Imjahn28 gab , da wurde von dir gesprochen und erzählt , und da wurde auch für dich zu Allah gebetet , laut und gern gebetet , obgleich Jeder wußte , daß du ein Christ seiest . Die Liebe macht ja alle Menschen gleich ! Da wollte mein Vater dich kennen lernen ; er wünschte , dich wenigstens einmal sprechen zu hören . Darum kam er zu mir und saß halbe Tage lang an meinem Stand , denn er dachte , du würdest einmal kommen und meinen Esel nehmen und dabei einige Worte reden . Aber du gingst stets vorüber , und da habe ich dich auch stets gegrüßt . « » Ja , höflich warst du immer , Sejjid Omar . Doch einmal bin ich nicht vorübergegangen . Du hast es nicht gesehen , denn du warst nicht da . « » Ja , aber der Blinde hat es mir erzählt ! « » Er saß in der Nähe deines Standes , am Gitterzaun der Ezbekije , ein alter , sauber gekleideter Mann mit grauem Bart. Ich gab ihm Etwas , und er wollte es nicht nehmen , weil er kein Bettler sei . Ich nahm es wieder zurück und so kamen wir ins Gespräch . « » Ja , gerade daß du es wiedergenommen hast , das hat ihn so gefreut . Es war ein großes Silberstück . Und noch größere Freude hat er über deine Worte gehabt : Ich gab es dir , da war es dein ; nun gibst du es mir , und ich danke dir , denn ich habe dich und du hast mich beschenkt ! Dann bist du nicht gegangen , sondern du hast dich neben ihn auf den hohen Gitterstein gesetzt und mit ihm gesprochen . Du hast von der Blindheit geredet , die noch schlimmer als die körperliche ist , und von dem Auge der Seele , welches grad bei den Blinden schärfer und heller blickt als bei den Sehenden . Du hast ihm von einem Himmel und von Sternen erzählt , von denen er bisher keine Ahnung hatte , denn sie wohnten in seinem Herzen , und er wußte es nicht . Und als du dann nach wohl einer Stunde ihm die Hand gedrückt und dich entfernt hast , hat er deinen Schritten gelauscht , bis sie verklungen waren , und ihm ist gewesen , als sei er sehend geworden , denn der Himmel und die Sterne , von denen du sprachst , sind in ihm aufgegangen , und