Trauern aufgetragen worden . Sie hatten irgendwie erfahren , dass wir in Peking gewesen , und hatten nur die Sehnsucht , einmal über alles dortige reden zu hören und zu fragen , ob wir den Sohn vielleicht gekannt hätten . Sie erwarteten keine Ermutigung , sie waren ganz hoffnungslos . Und das war mir das Entsetzlichste , zu sehen , dass andere , die auch ihr Liebstes dort haben , es als ganz rettungslos verloren bereits aufgegeben haben . Das eigene weiter hoffen wollen erschien mir mit einemmal beinah kindisch und töricht . Alles , womit ich mir täglich ein wenig neuen Mut einzureden suche , ist so kläglich schwach , hat eigentlich kaum eine einzige vernünftige Begründung - auch heute steht es wieder mit voller Sicherheit in den Zeitungen , dass kein einziger Fremder mehr in Peking am Leben ist . Die beiden alten Leute haben sich still dahineingefunden und werden nun so weiter leben und noch mehr Trauern tragen . Aber ich kann nicht - o Gott , nein , ich kann nicht ! Und wenn sie alle auch sagen , dass alles hoffnungslos vorbei ist und wenn auch die Glocken zu Trauergottesdiensten läuten - ich kann ' s nicht glauben - will ' s nicht glauben . Und ich schreibe Ihnen weiter , liebster Freund , schreibe Ihnen , weil ich nicht anders kann , weil mir ist , als bildeten diese Zeilen die letzte Brücke zwischen uns . Hörte ich auf , Ihnen zu schreiben , so wäre es mir , als bestätigte ich damit das entsetzliche Unheil , als hätte ich es geschehen lassen - so aber glaube ich , Sie zu halten , Sie zum Bleiben zu zwingen , weil ich Ihnen noch so viel , so sehr viel zu sagen habe . All unsere zusammen verlebten Jahre , von denen ich jetzt erst ganz fühle , wie sehr wir sie zusammen verlebt haben , sie ziehen in Bildern an mir vorbei ; und ich möchte sie Ihnen schildern , und jeder Satz begänne dann : » Erinnern Sie sich ? wissen Sie noch ? « Ich weiss es ja , dass Sie noch wissen , dass Sie sich erinnern - denn jene Jahre sind Ihnen das , was sie mir sind - das worauf man von Anfang an gewartet , was man nie vergisst , was in letzter Stunde noch vor den Augen stehen wird , als einziges , was zu leben wertgewesen . 54 Bay View , den 16. Juli 1900 . Während der letzten Zeit bin ich viel krank gewesen . Es ist , als ob meine Kräfte ganz allmählich schwänden . Jeden Morgen fühle ich , dass mein kleiner Vorrat an Widerstandskraft wiederum ein bisschen abgenommen hat . Die Hitze und Schwüle der Stadt seien schuld daran , meinte der Arzt , Seeluft würde mir gut tun . Ich weiss es anders . Die fortwährende namenlose Angst nagt an mir Tag und Nacht ; und nur das , was wie ein Wunder wäre , kann mir noch helfen . Aber mein Bruder wünschte so sehr , etwas für mich zu tun , für die doch nichts mehr zu tun ist . Da hab ich mich gefügt , und wir sind in dies nahe Seebad gezogen . Ich bin so müde , so hoffnungslos . Warum noch irgend etwas ? Warum irgend etwas nicht ? Was kann noch Wert haben , wenn das Eine , Entsetzliche geschehen durfte ? Es ist jetzt ja doch alles einerlei . Das Eine aber , was ich nicht ertragen kann , ist , wenn fremde , wohlmeinende Menschen mir sagen : » Wie müssen Sie froh sein , dass Sie nicht in Peking sind ! « Oder : » Es ist doch eine wahre Fügung Gottes , dass Sie wenige Monate vorher abgereist sind . « O nein , ich bin nicht froh , fort zu sein ! Wachend und träumend habe ich ja nur den einen Wunsch , in Peking zu sein , seitdem ich weiss , dass Sie dort sind . Dann wären wir doch zusammen - und was läge mir dann daran , alle Leiden erdulden zu müssen ? Sie wären ja alle leichter zu ertragen als getrennt sein und nichts von einander wissen . Und wenn es zum Schlimmsten käme und keine Rettung möglich wäre ? Lebendig sollten uns die Wilden nicht bekommen ; und in meinem letzten Blick würden Sie noch Glück und Dank lesen , Dank für Leben wie für Tod , für alles , was Sie mir gegeben . Und warum soll es eine Fügung Gottes sein , dass ich gerettet bin , während vielleicht viele Frauen und kleine Kinder auf entsetzliche Weise umgekommen sind ? Die waren doch so unschuldig wie ich an all der Verblendung , die allein das Furchtbare möglich gemacht hat . Welch ein Gott , der solcher Auswahl fähig wäre ! Wir würden uns ja von jedem Menschen mit Abscheu wenden , der , in solch göttlicher Allmachtsstellung , nicht jeden Unschuldigen retten wollte . Der Gott so vieler Menschen erreicht in den Handlungen und Erwägungen , die sie ihm andichten , aber nicht einmal ein bescheidenes , menschliches Mittelmass - es ist eben nicht Gott , der die Menschen sich zum Bilde geschaffen , sondern die Menschen haben sich einen Gott konstruiert , nach dem Entsetzlichsten , was sie in der eigenen Natur fanden . Ein Gott ! der Tausende für die Fehler einzelner leiden lässt ! Was muss in Peking während dieser letzten Wochen von Unschuldigen schon erduldet worden sein , und was wird noch alles folgen ? Von allen Ländern aus fahren jetzt Schiffe nach dem fernen Osten ; sie sind voller Menschen , die bis vor wenigen Tagen von China vielleicht nur wussten , dass dort die Männer Zöpfe tragen und die Frauen auf winzigen Füssen einhertrippeln . Diese Kosaken und Franzosen , Engländer und Italiener , Söhne deutscher Gauen , Amerikaner , Japaner , sogar Inder - wozu