Erde , des Himmels , des Lebens ! Ach , sterben ! jetzt ! jäh ! in der Seligkeit dieses Augenblicks . Es ist zu schön , es wird schnell zerbrechen . Er wird mich sehen , wie ich wirklich bin , dann wird es vorüber sein . Nein , sterben , und wäre es unter Qualen , aber mit dem Kuß des Glückes auf den Lippen . Sterben durch deine Hand ! Durch deinen Dolch . Mit dir zusammen sterben ? Eine plötzliche Angst überfällt Josefine , eine Angst vor sich selbst . Ich bin irr ! Auch ihn töten wie den anderen , den ich heute nacht in seinem Gefängnis erstickt habe ? Was für mörderische Gedanken hege ich ! Und mich - mich sollte er lieben ? Aber der verführerische Gedanke läßt sich nicht bannen . Er legt sich wie ein erschlaffendes Bad um die müde Seele . Könnte das sein ! Mit ihm zusammen sterben ... Ach - ich muß allein ! Er muß leben ! Was ? diese Augen brechen sehen ? diese Stirn erbleichen sehen im Todesschweiß ? Und meinetwegen ? Ach , eine Hilfe ! eine Hilfe aus dieser großen Not ! Sie ringt die Hände . Nur die Glücklichen dürfen sterben . Nicht Menschen wie ich ! ! Es klopft hart an die Tür . Josefine springt auf , öffnet verstört . Vom Frauenspital ist Botschaft da . Sie muß kommen . Sofort . Diese Geburt , die erste , die sie selbständig leiten soll , das erste Mal , daß ihr diese Aufgabe wird , und sie hat das vergessen ? So untauglich also ! Solch eine nutzlose Träumerin ! Und was für Träume ! Heiliger Gott , laß nur nie einen Strahl deines Himmelslichts in dies dunkle Herz fallen . Schande ! eine Schande ! Josefine rafft eilig ihre Instrumente zusammen , sie senkt den Kopf , ruft Helene zu , daß sie gehe , und läuft hinaus . Das ganze Gewicht des Daseins schwebt über ihrem unbeschützten Nacken und will sich darauf niederstürzen . Die Oberwärterin guckt sie befremdet an , die Praktikantin Josefine scheint ihr viel zu aufgeregt . Weiß diese Praktikantin auch , daß hier zwei Menschenleben von ihr abhängen ? Aber wie sie den Hut abgelegt hat und die Handschuhe wegtut , hat sie ja schon ein ganz anderes Gesicht . Die Erregung ist wie weggewischt , hier ist nur tiefer Ernst und ein Aufgehen in ihrer Aufgabe . Am Bett der sich windenden , schreienden Frau gewinnt Josefine alle Ruhe wieder . Das arme Dienstmädchen , das in seinen Schmerzen um den Tod winselt - sie besänftigt es liebevoll , weist es zurecht , sagt ihm , daß es leben müsse , um ihr Kind zu geben . Und das seltsame blinde Gesetz des Lebens um jeden Preis ergreift sie beide , die Gebärende und die Ärztin . Wem gebe ich mein Kind ? Dem Licht ? dem Tage ? der Finsternis ? grausamer Verfolgung ? Die Arme fragt es nicht , sie duldet , sie hält aus . Und in demselben blinden Lebensdrang , der die Mutter beherrscht , tut mit Kraft und mit keinen Augenblick erschlaffender Umsicht die Helferin , was sie zu machen hat . Den ganzen Abend bleibt sie , die ganze Nacht am Bette der Ringenden . In dieser Nacht , in der sie gewünscht hatte , sich das Leben zu nehmen , in der sie sich das Leben genommen hätte , wäre sie ein freier Mensch gewesen , nicht eine Mutter und Helferin - in dieser selben Nacht verhalf sie einem Wesen zum Leben und erhielt das andere in seinen Nöten . Als sie fröstelnd und hungrig durch die tauige Morgendämmerung beim ersten schüchternen Amselruf heimwärts ging , war das wundersame Erlebnis mit Hovannessian schon Vergangenheit geworden . Das schwere blutige Leiden eines Menschen lag dazwischen . Sie dachte an Bücher , die sie notwendig zu studieren hätte , an vielerlei Gelerntes und wieder Vergessenes . » Hovannessian , « sagte sie halblaut vor sich hin , und ein Lächeln löste ihre starren Züge , » mein lieber Freund , Sie denken viel zu hoch von mir ! « Sie sah zur Seite ; es war ihr tröstlich zu denken , er gehe dort neben ihr . » Viel zu hoch ! « wiederholte sie sich , » wirklich , das Beste , was ich vermag , ist , daß ich mich der Forderung des Augenblicks fügen kann . « Eine Ruhe , wie sie ihr lange fern geblieben , senkte sich mit der Ermüdung der Muskeln auf ihre Sinne . Als habe sie ein Ziel , ein langersehntes , jetzt unverhofft erreicht . » Er schätzt an mir , daß ich arbeiten kann ! « sagte sie , befriedigt lächelnd , » es ist das einzige , was er an mir schätzen kann , sonst bin ich ja nichts . Wir wollen uns das erhalten , nicht wahr , mein Freund ? Oh , ich habe so lange nicht mit voller Kraft gearbeitet . « Ihre Blicke küßten den Morgenstern . In ihrem Herzen war ein Heiligtum . » Wie eifrig du dich zu Grunde richtest ! « schalt Helene Begas die Freundin . » Diese ewige Exaltation . Auch wenn du nicht sprichst - immer siehst du aus , als wolltest du aufschreien ! Und arbeiten bis in die Nacht obendrein ! Ich lese jetzt Augustinus . Sehr lehrreich ! Du hast wohl Heimsuchungen wie der ? « Josefine zischte ihr etwas ins Gesicht . Sie war glühendrot geworden . Helene seufzte . » O , diese verkehrte Welt ! Diese glühenden Heiligen alle ! Der Hovannessian ist auch so einer . Ich bin immer in Versuchung , ein Zündhölzchen in seinen Dunstkreis zu halten - ich glaube , es würde brennen ! Meinst nicht auch ? « Und als keine Antwort kam , fuhr sie ernster fort , auf das Repinsche Bild deutend , das jetzt