geglaubt , tüchtig und glücklich werden zu können ! Weder das eine noch das andere hatte sich erfüllt ! Was würde ihr Los in der neuen , dürftigen Heimat sein , die sie so jeder Hoffnung bar betrat ? Würde es immer weiter bergab gehen mit ihr , oder würde ein gutes Geschick sie wieder aufwärts tragen ? Den Blick starr vor sich hingerichtet , nicht mehr im stande , rechts oder links zu schauen , schritt sie auf die Strasse hinaus . Nie war sie sich so bettelarm vorgekommen , wie in dieser Stunde . Als sie schwer atmend in ihrem Stübchen in Schöneberg angekommen war , sank sie schluchzend vor ihrem notdürftig zusammengeschlagenen Bette in die Knie , und den Kopf in den Händen verbergend , stöhnte sie unter heissen Thränen : » Mutter , liebste Mutter , wärst Du bei mir ! « - Langsam , sehr langsam gewöhnte Lotte sich in dies völlig neue Leben ein . Sie war oft Tage lang allein , ohne die geringste Ansprache . Die vielen kleinen Leute , welche die Hofseite des grossen Mietskastens bewohnten , hatten anfangs hier und da auf der Treppe ein Gespräch mit ihr gesucht . Das schöne , zarte Mädchen , das zu was besserem geboren schien , als vier Treppen hoch unter dem Dach ein , allem Anschein nach sehr kärgliches Brot mit ihrer Hände Arbeit zu verdienen , hatte ihre Neugier gereizt . Aber da sie niemals sich in ein Gespräch einliess , zwar niemals unfreundlich aber auch niemals recht zugänglich war , liess man sie bald in Ruh . Es war am Ende auch wohl nicht ganz richtig mit ihr und dem jungen brünetten Menschen , der alle Woche einmal die Treppen zu ihr hinaufstürmte . » Komödiantenvolk « meinte die alte Fetter , die als älteste Mieterin eine massgebende Stimme im Hinterhause hatte . » Meine Tochter Aujuste oben , was ihre Nachbarin ist , kann davon was erzählen . Janze Stücke üben sie zusammen ein , wenn der Schwarzkopf kommt . Er redt und sie heult . Es soll manchmal ordentlich rührend sein , meint meine Tochter , wenn sie so ' n bittenden Ton anschlägt . Die reine Sorma , sagt die Aujuste . Die war nämlich ' mal ins Deutsche , als sie noch bei Veilchenfelds diente . Ja , nee , was die Zeiten sich ändern ! Die Aujuste hätte auch was besseres thun können , als sich mit dem langen Karl einlassen . Bei Veilchenfelds hat sie ' s so jut jehabt . Und was hat sie nun ? Alle Jahr ' n Kind und nicht satt zu essen . « » Jotte doch , Fettern , des Menschen Wille ist sein Himmelreich - er hat sie doch wenigstens jeheiratet , und das kann man nicht von jedem sagen . - Also Komödiantenvolk , meint die Aujuste - na jut , dass man ' s weiss ! « Damit war Lottes Schicksal im Hause und in der Nachbarschaft besiegelt . Komödiantenvolk ! Kein Mensch gönnte ihr mehr ein gutes Wort oder einen freundlichen Blick . Nur ihre nächste Nachbarin , die unfreiwillige Anstifterin ihres bösen Rufes , Frau Auguste Korn , geborene Fetter , liess sich nicht gegen sie aufhetzen . Sie hatte immer einen Sinn fürs Höhere gehabt , und bei Veilchenfelds war man sehr fürs Theatralische gewesen . Und dann - Auguste war eine gescheidte Frau , die nur einmal in ihrem Leben eine Dummheit gemacht , als sie sich mit dem langen Schlosser-Karl eingelassen hatte - wer weiss , was aus der stillen Blassen noch wurde , dachte sie bei sich . Vielleicht eine berühmte Künstlerin mit ' ner horrenden Gage ! Dann würde sich das bischen Freundlichkeit schon rentieren , was man jetzt an den armen Wurm verschwendete . Gerhart kam - genau so wie die Fettern im ganzen Hause herumgesprochen hatte - alle Woche einmal zu Lotte , wenigstens im Anfang . Dann wurden seine Besuche noch seltener , da er wirklich ein paar Mal fortfuhr , um sich im Auftrage des Direktors nach schauspielerischen Kräften umzuschauen . Er war schon in Brandenburg , Kottbus und Zeitz gewesen , hatte aber noch immer nicht das richtige gefunden . Nun wollte er morgen , man schrieb jetzt Anfang August , nach Freienwalde fahren . Am dortigen Sommertheater wollten Kunstkenner ein besonders begabtes junges Mädchen für seine Helga entdeckt haben . Gerade so was , was man für eine moderne Zustandskomödie brauchte . Als Gerhart durch den schwülen Sommerabend zu Lotte hinaus schritt , um ihr für ein paar Tage Lebewohl zu sagen , fiel es ihm eigentlich zum erstenmal auf , wie gut er jetzt ohne sie fertig wurde . Wer ihm das vor ein paar Wochen noch gesagt hätte , den würde er vermutlich einen Wahnsinnigen gescholten , oder verächtlich die Achseln über ihn gezuckt haben . Und doch war es so , er musste sich ' s eingestehen , Lotte war ihm auf einmal entbehrlich geworden . Je mehr er darüber nachdachte , je mehr erschien es ihm , als sei das schon eine ganze Weile so gewesen . Seit wann doch gleich ? Seit er sein Frühlingsdrama beendigt hatte , oder seit ihrem Geständnis im Wald am Müggelsee ? Aber da die Daten dieser beiden Ereignisse eng zusammenfielen , nur durch eine einzige Nacht und wenige Tagesstunden getrennt , war es müssig darüber nachzusinnen , seit wann er im stande war ohne Lotte zu leben . Blieb noch , weshalb er es war ? Trug der Umstand die Schuld , dass die Arbeit vollendet war , zu der ihre Küsse ihm unentbehrlich waren ? War es das Bekenntnis ihrer Mutterschaft , das ihm Lotte durch das Gespenst der im Hintergrunde lauernden Pflichten entfremdet hatte ? War es beides ? War es eines von beiden nur ? War es keines , sondern der natürliche Lauf der Dinge , der ewig neu sich wiederholende Prozess des Blühens , Reifens und Vergehens