seine Tochter ins Bett zurück , puffte die Kinder die Stufen hinunter und stellte sich dann mit dem Rücken gegen den Ofen . Es klopfte an die Türe , erst leiser , dann stärker . Agathon fragte , wer da sei ; Gedalja war es . Agathon ging hinaus , schloß den Laden ab und rief der Magd zu , sie solle den Arzt zur Mutter holen . Aber die Stimme der Frau Hellmut , die sich mit der Magd eingeschlossen hatte , antwortete , sie mache nicht auf , sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen . » Ich hab ' s vorausgesehen , « sagte Gedalja , beständig nickend , während er redete . » Werd ihn Gott beglücken dafor , den Herrn Baron Löwengard . Sin user fufzig Leit im Dorf , die um alles Geld kommen . Werd wachsen die Feindschaft , daß mer nit habn e friedliche Stund . Mich dauert nor sein Kind , nebbich . Is as wie e Rose zwischen die Dorner , die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb . Elkan , du dauerst mich aach . Hast dich abgeschunden ' s ganze Leben , hast gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetz is es weg . Du bist der beste Mensch , den ich kenn , aber Mark haste kaans in die Knochen . Da sitzte jetz un starrst . Zu was ? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles , was der Mensch nötig hat for sein Alter . Sitz ich da un starr ? Müßt ich nit starren und erstarren , wenn mein eigen Fleisch und Blut is geworn zum Bösewicht ? Ball is es aus , das Töpsche Leben , ausgeleert un ausgeschütt , nachher gitts nix mehr zum Starren . « Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber . Alle erschraken . » Enoch Pohl ! « rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von dem Papier in seiner Hand . Ein Todesschweigen folgte , worauf der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas . Pavlovsky war noch nicht zu Ende , als Elkan Geyer von seinem Sitz auf die Erde sank und , wie ein Wurm sich windend , hilflos zu schluchzen begann . Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab . Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu heulen ; Frau Hellmut kam herein und schrie laut auf , Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen . » Mutter , « murmelte Agathon verstört , als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm . Er sah hinaus auf die Gasse , wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht ; er sah den grauen , wolkenvollen Himmel und die Häuser , die unbeweglich standen und wunderte sich , daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herbstlichkeit bot . Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben ; der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und Menschen mit großen , verwunderten , wässerigen Augen . Gedalja , der sich so zusammengekrümmt hatte , daß sein Kinn die Knie berührte , richtete sich plötzlich straff empor und rief : » Hab ich ' s nicht gesehen kommen ? Elkan , hab ich ' s nicht gesagt zum voraus ? Hab ich nicht gesagt , der Zugrundrichter werd kommen über ihn ? Nu is geschändet Gemeinde un Haus un Hof ; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Guttat , Enoch . Was is Vernunft , daß se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt ? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d ' r habn deine grauen Haare gegeben un mußt hinwandeln in Sünd und Schand . O Enoch , Enoch , hättste gehabt Erbarmen mit andere , hätteste aach gehabt Erbarmen mit dir selber . « Der Gendarm führte Enoch ab . Agathon sah , daß er keine Miene verzog . Etwas Starkes lag im Wesen dieses Alten , das die Furcht nicht kannte . Die Dämmerung brach herein . Agathon ging auf die Straße und wollte gegen den Wald hinauf , als er Gudstikker begegnete . Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm einen Brief mit der stummen Aufforderung , ihn zu lesen . Agathon erbleichte und legte die Hand vor die Augen : das hatte er schon irgend einmal erlebt , daß ihm dieser Mann einen Brief gab , vielleicht in einem vergangenen Leben , vielleicht in einem Traum . Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim Scheine des armseligen Lichtes : » Mein Liebster , das kann ich nicht , was du von mir forderst . Ich bin keine freie Frau , kein freies Mädchen . Ich bin nicht geboren , daß ich so hoch fliegen kann , bis zu dir . Aber meine Liebe ist in mir und will nicht vergessen , dich nie vergessen . Doch muß ich dich lassen , denn ich kann nicht tun , was du willst . Ich weiß nicht , welches Leben noch vor mir liegt , aber kann es nicht sein , daß das Kind , dessen Seele noch in meinem Leib schläft , mich deshalb anklagen würde ? Darum leb wohl und werde glücklich . Deine Jette Pohl . « Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten . Dann zuckte er zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte : » Meine Mutter ? « Gudstikker nickte und erwiderte : » An meinen Vater . « » Und warum zeigen Sie mir das ! « rief Agathon voll Kummer . » Warum ? Das weiß ich selbst nicht . Vielleicht nur , um Ihnen zu zeigen , wie das Leben ist . Wie im Schauspiel geht alles . Ein Kobold hält uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen , wie er will . « Agathon sah verloren in die breite Mauer