. Zu gleicher Zeit hatte sich auch die Droschke in Bewegung gesetzt . Nun hat der verfluchte kleine Kerl , der hinter uns her zottelte , auch noch die einzige Droschke genommen , rief der Künstler ärgerlich . Bei dem Hundewetter ! Sie finden bald eine andere . Wollen Sie gehen ? Nur bis zur Leipziger Straße . Ich nehme dort die Pferdebahn . Na , denn adieu ! Ich muß machen , daß ich zu der Kommerzienrätin Rosenstock komme . Gräßliches Weib mit ihrem geschwollenen Kunstenthusiasmus . Aber ihre Diners sind gut , und sie kauft meine Bilder . Einundzwanzigstes Kapitel Hatte sich schon in den Nachgeschmack des ersten Rendezvous ein Tropfen Wermut gemischt , der des zweiten war bitterer . Und wurde nicht versüßt durch Klotildens nächsten Brief . Sie wolle ihrem geliebten Siegfried keine Vorwürfe machen ; eher sich selber , die den Verstand für beide hätte haben voraussehen sollen , wie gefährlich ein Stelldichein an einem so exponierten Orte sei . Nun hätten sie den schwer wieder gut zu machenden Schaden . Stephanie habe ihr ins Gesicht gesagt , wie im höchsten Grade verdächtig ihr ein so merkwürdiges Rencontre vorkomme , wenn die Betreffenden der Gesellschaft auch sonst schon recht unzweideutige Zeichen eines starken gegenseitigen Interesses gegeben hätten ; und daß ihr Bräutigam diese Empfindung durchaus teile . Bei ihm und ihr dürfe sie freilich sicher sein , daß sie reinen Mund halten würden . Aber wer stehe für dieselbe Diskretion auch nur bei dem schwatzhaften , völlig taktlosen Künstler ? Es bleibe nichts anderes übrig , als zu erklären , daß ihr - Klotildens und des Brautpaars - Zusammentreffen in der Galerie die Folge einer gemeinsamen Verabredung gewesen sei . Aber sie müsse ihr in die Hand versprechen , in Zukunft besser auf ihren guten Ruf achten zu wollen . Ich habe ihr den Handschlag verweigert , fuhr der Brief fort ; denn damit hätte ich ja die Berechtigung des mir gemachten Vorwurfs eingestanden , und das werde ich nun und nimmermehr . Aber Du siehst , in welcher prekären Lage ich bin gegenüber einer Gesellschaft , die tausend Augen hat und keinen Pardon kennt . Dabei will ich von meinem Manne noch gar nicht einmal sprechen , obgleich wir auf einem Kriegsfuße miteinander stehen - bereits seit acht Tagen - wo jede Blöße , die ich mir gebe , verhängnisvoll für mich werden muß . Wenn Du aber glaubst , daß ich deshalb von Dir lasse , so hast Du keine Ahnung von der Stärke meiner Liebe . Nur muß unsre nächste Zusammenkunft - und ich habe Dir tausend Dinge zu sagen , die ich auch einem poste-restante-Brief nicht anzuvertrauen wage - absolut sicher sein . Ich weiß , daß Deine erfinderische Liebe das Rechte zu treffen nicht verfehlen wird . Also auf Wiedersehen , Einziggeliebter ! Der Brief war für Albrecht unsäglich peinlich . Die geliebte Frau machte ihm keine Vorwürfe ; wozu auch , wenn er sich selber nicht verzeihen konnte , daß er sie durch seine Voraussichtslosigkeit in eine so schlimme Lage gebracht ! Nein , so ging es länger nicht ; aber wie sollte es anders und besser ? wie sollte es gut werden ? Doch nur durch eines . Und das Eine wagte er zu denken als Entgelt für des Schicksals Gnade , die ihm seinen Liebling erhalten hatte , der nun wieder in seinem Bettchen mit der neuen Puppe spielen durfte , und , wenn der Papa in das Zimmer kam , ihm beide Ärmchen entgegenstreckte ? für den Heroismus , mit dem die kleine tapfere Frau diese Leidenstage wieder einmal durchgefochten , ohne auch nur für einen Augenblick zu ermüden ; ohne daß nur ein leisestes Wort der Klage über ihre bleichen Lippen gekommen wäre ? Dachte die Geliebte an das Eine ? Keine Andeutung sprach dafür , es hätte denn die sein müssen , daß es sehr schlecht zwischen ihr und ihrem Gatten stehe , und sie ihm Mitteilungen zu machen habe , die sie einem Briefe nicht anvertrauen könne . Aber war es denn nicht Wahnsinn , zu hoffen , sie werde ihre bevorzugte gesellschaftliche Stellung aufgeben , sein dunkles Los mit ihm zu teilen ? Das doch auch in ihren stolzen Augen gewiß kaum ein wenig heller wurde , wenn er das Ziel seines Ehrgeizes wirklich erreichte und es zum Universitäts-Professor brachte ! Vorläufig hatte er noch die Kläglichkeiten seines Lehreramts über sich ergehen zu lassen . Am Tage nach dem gestörten Rendezvous in der Nationalgalerie ließ ihn sein Direktor rufen und empfing ihn mit einer unfreundlichen Miene : Er habe bei der Durchsicht der Aufsatz-Hefte seiner Klasse einiges gefunden , das er monieren müsse . Mit der Wahl des letzten Themas sei er nicht einverstanden . Ob die Prinzessin Tasso liebe oder nicht , sei eine Kontroversfrage , mit deren Beantwortung man die leichten Gehirne von Sekundanern nicht beschweren dürfe . Und wollten Sie einmal - ich nehme an : nach vorhergegangener gründlicher Durchsprechung und Einschränkung auf das sittlich-ästhetische Gebiet - eine solche Aufgabe stellen , so durfte man gewiß annehmen , Sie würden auf die Korrektur die peinlichste Sorgfalt verwenden . Und gerade die habe ich schmerzlich vermißt . Ihre Urteile stimmen mit dem Inhalt der Arbeiten oft so wenig überein , daß ich mich kaum überwinden kann zu glauben , Sie hätten das krause Zeug , welches sich dieser und jener geleistet hat , wirklich gelesen . Es thut mir weh , einem Kollegen , dessen gewissenhaften Fleiß ich bis jetzt nur zu rühmen hatte , dergleichen Vorhaltungen machen zu müssen . Albrecht murmelte etwas von den Störungen , welche die schwere Erkrankung eines seiner Kinder in den letzten Tagen ihm während seiner Arbeitsstunden gebracht habe . Das entschuldigt freilich manches , sagte der Direktor . Und dann , lieber Herr Kollege , die gesellschaftlichen Zerstreuungen ! So höre ich , daß Sie kürzlich in dem Hause eines hochgestellten Beamten - den Namen hat man mir nicht genannt - er thut