- Weißt Du was , sage ich , Du kannst mir dafür Deine erste Liebe erzählen . - Ich ? sagt sie , ich habe gar keine erste Liebe gehabt . Gerade , wies anfing , wars aus ! - Nee , sage ich , so was ! Das mußt Du mir nun grade erzählen . Sie wollte durchaus nicht , aber ich hatte die Gabe der Eindringlichkeit , weißt Du , mit ein bischen Schauspielerei und ein bischen Gefühl neben dran . Denn ich war ja immer gefühlvoll neben dran , hehe . Und so erzählt sie mir denn ... aber das war wirklich ... hol mich der Teufel noch einmal ! ... ich dachte , ich wäre endlich wieder mal betrunken ... ja , denke Dir : Sie erzählt mir meine Geschichte von damals ! Ganz genau ! Unterm Katheder und dann im Garten ! Ich kriegte direkt Angst . Ich packte sie an den Handgelenken und sah sie so fürchterlich an , daß sie aufschrie . Und da nannte ich ihren Namen , den richtigen , und dann meinen . Nordhäuser ! Nordhäuser ! Er war ganz aufgeregt . - Wie sie mich da ansah ! Die grünen Augen wurden tiefblau und strahlig . Und mit einem Male lag sie mir am Halse und heulte , daß ich denke , sie läuft aus . Und stammelt und stottert und klappert mit den Zähnen . Herrgott ! In meinem Leben habe ich ein fremdes Leben nie wieder so gefühlt . Mir wars , als hätte ich ihr Herz leibhaftig und blutend und stoßend in meiner Hand , und es rönne mir über die Finger . - Du Windelband ! Glotze gescheidter . Hehe ! Dieser Referendar ist ergriffen ! Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich . - Komisch ! Furchtbar komisch ! Was ? Das Leben ist talentvoll . Es macht die schwierigsten Sachen ohne allen Apparat . Schmeißt da zwei Zerschmissene aufeinander und sagt : Da habt ihr euch ! Er sah Girlingern blinzelnd an : - Nicht wahr , die Geschichte ist ein paar Nordhäuser mit Sooleiern wert ? Aber mir wird sie langweilig . Was kam auch noch ? Ich hatte das Stichwort und goß nun meine Geschichte von mir : So , na und dann bist Du also gefälligst bald dorthin gekommen , wo Du jetzt bist , mein teures Mädchen ; bon ! Des Herrn Wege sind unerforschlich , und : Wer weiß , wozu es gut ist , sagt der Christ . Ich aber ... Ach , ich mag nicht mehr erzählen ! Kurz und gut , wie sie erfuhr , was mir bevorstand , wollte sie das Geld aufbringen . Viel Gesuche in allen Kasten , dann Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie ... Satis superque , es langte nicht . Die Beiden schwiegen eine Weile . Dann Girlinger : Und , was hast Du dann eigentlich getrieben ? - Ich ? Getrieben ? Welch ein Tropus ! Ich habe mich treiben lassen . Ach so , Du willst wissen , was ich » gewesen « bin ? Höh ! Reichskanzler nicht ! - Haben denn Deine Eltern ... ? - Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt . Es waren ein paar reizende Kerle darunter . Das andre hat beinah für die Schulden gelangt . - Warum bist Du nicht unter die Journalisten ... - Du siehst doch , daß ich noch unter die Journalisten gegangen bin . - Aber , Mensch , Du hast doch Talent ! - Aber das Leben hat noch mehr , wie ich mir schon ein Mal zu bemerken erlaubte . Übrigens , mein Sohn , irrst Du Dich , wenn Du denkst , ich bin unter den Rädern . Ich bin blos zwischen dem Roßmist . Du brauchst mir nur das Reisegeld nach Berlin zu leihen , und ich stürze Herrn Bleibtreu . Oh , es kommt schon noch die Zeit , wo ihr mit einigem Stolze sagen werdet : Den berühmten Stilpe kenn ich ! Das ist ein Freund von mir . Deinen Nordhäusern von heute wirst Du es zu verdanken haben , wenn ich Dich dann nicht verleugne . Viertes Buch Ecce poeta Reich mir einen Lorbeerkranz , Schicksal , oder aber Einen Bund voll Haber . Aus Stilpes zerstreuten Weisheiten . Erstes Kapitel Ein junger Lyriker und ein noch jüngerer Dramatiker saßen im Café Kaiserhof in Berlin und erörterten die Zukunft der deutschen Litteratur . Da ging ein Herr an ihrem Tisch vorüber , und der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung , daß erst nach völliger Austilgung der Tagespresse wieder an eine anständige Litteratur zu denken sei , inne , um diesen Herrn , der sehr elegant gekleidet war und ein etwas blasiertes Wesen zur Schau trug , mit tiefer Verbeugung zu begrüßen . Der Herr , an dem eine Fülle schwarzer , weit in die Stirn gekämmter Haare und ein Klemmer mit sehr breitem schwarzem Bande besonders auffiel , sagte mit einem schiefen Lächeln : Nächste Woche kommen Sie dran ! Die freien Rhythmen habe ich schon klein gehackt . Man thut , was man kann . Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und wollte etwas sagen , aber da war der Herr mit dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen . An einem Ecktisch , wo der Kellner bereits den Absinth filterte , ließ er sich nieder . - Wer war denn das ? fragte eifrig der Dramatiker . - Kennst Du denn den nicht ! antwortete erstaunt der Lyriker : Stilpe ! - Was ? Den Kerl grüßt Du ? Dem schickst Du Deine Bücher ? Das ist ja der infamste Hund , der je kritisch gebellt hat ! - Schrei doch nicht so ! Mit dem ist Freundschaft besser als Feindschaft . Übrigens hat er wirklich Geist . - Ach was : Geist ! Ein Molch ist er ! Eine niederträchtige Bestie ! Ein impotenter Neidbold , der sich einbildet , mit Schnoddrigkeit alles