die Seite der Konvenienz , der Lüge ... allerdings auch der » Tugend « geschlagen - und hatte darüber die Freiheit und die Ungebundenheit der vorurtheilslosen » Sünde « eingebüßt ... Er war doch ein Schaafskopf ersten Ranges gewesen ... Aber der Groll gegen sich selbst ... der Aerger über seinen taktischen Schnitzer hatte doch nicht entscheidend bei Adam nachgewirkt . Nun er zu Hause war und sich mechanisch auf den Besuch bei Irmers vorbereitete , obwohl er eigentlich entschlossen war , diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen , hatte sich seiner das Gefühl einer entkräftenden inneren Leere und Nüchternheit bemächtigt . Alles widerte ihn an . Was sollte er in aller Welt heute Abend bei Irmers ! Wieder zu Hedwig die Fäden hinüberspinnen ? Zur Abwechslung sich wieder einmal von dieser Dame anregen oder aufregen lassen ? Es war so überflüssig ... so unsäglich überflüssig . Apathisch lag Adam auf dem Sopha . Es dünkte ihn erschütternd komisch , daß er sich soeben einen frischen Kragen umgeknöpft . Aber im nächsten Augenblicke ertappte er sich schon dabei , wie er nach einem besonders drastischen und impertinenten Motive suchte , mit dem er heute Abend Fräulein Irmer traktiren wollte . Adam wurde sich klar darüber , daß er das unnatürliche Verhältniß , in welchem heute das männliche und weibliche Geschlecht zu einander stehen , einmal mit rücksichtsloser und , wenn nothwendig , mit cynischer Offenheit einer Dame gegenüber zur Sprache bringen mußte . Und diese Dame abzugeben ... nun ! - dazu schien Fräulein Irmer , dieses blasse , spröde , in einem engen Leben hinkümmernde Weib , vorzüglich geeignet zu sein . Es war jedenfalls so etwas wie eine » That « , einmal mit der Brandfackel zu hantiren ... ein verlöschendes Dasein noch einmal den Traum von einem vollen , glühenden , ungehemmt vorwärtsstürmenden Leben träumen zu lassen ... Aber auch dieser Vorsatz erschien dem Herrn Doctor sehr bald geschmacklos . Wozu in aller Welt dieses doktrinäre Geschwafele ! Er erhob sich langsam , nachlässig ... zog die Augenbrauen dicht über der Nasenwurzel zusammen ... machte ein sehr verächtliches Gesicht ... und suchte nach dem Messerchen , mit welchem er seine Fingernägel pflegte . Wenn er gehen wollte , mußte er übrigens bald aufbrechen . Aber warum sollte er denn gehen ? Und doch ... mein Gott ! - warum sollte er denn nicht gehen ? Warum nicht ? Man thut so Vieles in dieser Welt , weil man absolut nicht weiß , warum man es nicht thun sollte ... Und zudem : es war ja auch schon zu spät , sich noch entschuldigen zu lassen . Getröstet von dem Gedanken , daß er ohne Verletzung des » gesellschaftlichen Anstandes « jetzt nicht mehr ausbleiben konnte , machte sich Adam auf den Weg zu Irmers . Er pfiff das unsterblich schöne » Komm herab , o Madonna Theresa - « leise vor sich hin , löste es einige Male mit Motiven aus Wagners » Fliegendem Holländer « und » Siegfried « ab ... und schluckte mit verhaltener Wollust die schweren , schwülen Lüfte des zusammendämmernden , letzten Maiabends ein . Adam dachte nicht mehr an sich und vergaß , daß er nicht wußte , wer er war ... was er von der Welt ... und was diese Welt von ihm wollte . - XIV. Ja ! Es war doch recht heiß bei Irmers ... in dem doch recht engen und niedrigen Wohnzimmer , in welchem die Drei , Vater , Tochter und Adam Mensch , um den runden Sophatisch beisammensaßen und einen » Imbiß « zu sich nahmen ... also einen kleinen Imbiß , den Adam wirklich etwas » frugal « finden mußte . Der Herr Doctor dachte unwillkürlich an den vornehmen Stil , an die Eleganz von Lydia ' s Wohnräumen zurück ... an die anheimelnde Lichtstimmung ... die behagliche , geschmackvolle Fülle , die sich im Arbeitscabinet Frau Lange ' s so wohlthuend dem empfänglichen Geiste mittheilte ... an das diskrete Werben des taktvoll arrangirten Reichthums um verständnißvolle Anerkennung - und ihn fror ein Wenig in dieser Umgebung , die nur von dem wehmüthigen Parfüm der notdürftig verhangenen , mühsam verschleierten Armut durchzittert wurde ... Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen . Hedwig schien verstimmt zu sein . Ihr Gesicht war fast noch blässer und ernster , ihr Blut fast noch schwerer , als sonst . Bläulich schwarze Halbringe unter den Augen deuteten auf schlaflos verbrachte Nächte hin . Die Pflichten der Wirthin erfüllte sie mit nervöser Aufmerksamkeit . Adam fühlte sich sehr peinlich berührt . Er sagte sich , daß Hedwig unter der reizlosen , kargen Unfruchtbarkeit , unter dem Druck und der Enge ihrer Lage litt . Sie gab sich alle Mühe , es nicht merken zu lassen ... besaß aber eine viel zu spröde und ungeschmeidige Natur , um sich zwanglos hinter das Pseudonym einer geraden , reinen , zugänglichen Stimmung verstecken zu können . Herr Doctor Irmer hustete viel ... einen kurzen , trockenen , heiseren Stoßhusten . Er sah sehr zusammengedrückt und entwaffnet aus ... sehr muthlos und ängstlich . Oefter preßte er die langen , mageren , wachsgelben Finger der rechten Hand gespreizt gegen die Brust ... und athmete fast stöhnend . » Papa hat sich vorgestern erkältet ... « erklärte Hedwig mit einem kurzen , nicht ganz beziehungslosen Seitenblick auf Adam . Der Herr Doctor verstand . Das gnädige Fräulein hielt es also für überflüssig , auf Grund und Gelegenheit dieser Erkältung näher einzugehen . Hm ! . Sie waren sich ja begegnet . Adam mußte sich das Uebrige selbst sagen können . Das that er denn auch . Zugleich ärgerte er sich aber , daß es Hedwig augenscheinlich vermeiden wollte , jene Begegnung selbst zu berühren . Sie war so harmlos . Und doch war Adam nicht im Stande , das gewiß nicht heikle , höchstens etwas pikante und widerhakige Motiv zur Sprache zu bringen . Vielleicht hinderte ihn die Rücksicht auf seinen leidenden Wirth