welken Laube gehen - das Aufwühlen des melancholischen Herbstniederschlages gab ihr eine Beschäftigung , bei der sich gut nachdenken ließ . Nachdenken ? Worüber ? Ueber den neuen Umstand , daß ihr Lanzenaus Abreise fast eine Erleichterung schien ? Welch ein Unrecht gegen den Treuen und wie unbegründet auch ! Denn sein Benehmen gegen sie wa doch dasselbe gewesen , wie in all den vielen , vielen Jahren , wo ihr seine unermüdliche Freundschaft Wärme und Inhalt in das einsame Leben getragen . Was hatte sich denn verändert ? Fanny fühlte ganz , daß auch in ihrem Herzen die dankbare Anhänglichkeit für den Freund ihrer Jugend , den Genossen ihrer Irrtümer und ihrer als recht erkannten Lebensaufgaben , unvermindert fortlebte , ja , um einen Ton wärmer geworden war durch eine Art Mitleidsgefühl - und doch eine Veränderung ? Durch die kahlen Baumwipfel sauste der Novemberwind . Sonnenstrahlen , gelb und blank wie Messingglanz und so ohne Wärme , lagen auf dem braunfeuchten Blattgehäuf zu Fannys Füßen und ließen darin bläuliche Tinten aufschimmern . Auf dem grünen , von welkem Laub überfleckten Rasen standen da und dort kleine Holzkästen - sie bargen die empfindlichen Coniferen gegen den Winterfrost . Wie unlustig das aussah , und in der Pappel dort saß es schwarz voll und hob sich jetzt wie ein auseinander flatterndes , vom Winde getragenes Laken in die Luft : ein Schwarm Krähen , der gegen den hellblauen Himmel flog . Fanny fror ; sie kehrte eilig zurück . Nahe dem Hause überflog ein helles Freudenrot ihr Gesicht . Am Fenster stand Joachim mit seinem kleinen Neffen , den er sich auf die linke Schulter gesetzt . Der Kleine schlug mit den Patschhändchen gegen die Scheiben , daß es bumste , Joachim lachte und nickte . Wie schnell war Fanny drinnen ! » Aber nun muß er fort , « sagte Joachim , denn gleich nach Fannys Eintritt meldete der Diener , daß das zweite Frühstück servirt sei . » Unser Kind « - Fanny und Joachim nannten den Kleinen immer » unser Kind « - » kann hier bleiben , « bestimmte Fanny . » Er ist zu lebhaft , und wenn er schreit ... « sagte Adrienne bedenklich . » Was schadet ' s - Lanzenau ist ja fort , wir sind unter uns , « sprach Fanny heiter . Sie dachte nicht daran , daß dieses » unter uns « Lanzenau , mit dem sie viele Jahre gelebt , als Fremden von einer Gemeinsamkeit ausschloß , in der sie sich erst seit wenig Monaten mit Adrienne und Joachim befand . Wäre ihr selbst oder den beiden das aufgefallen , würde sie sich wahrscheinlich mit der Erklärung geholfen haben , daß ja Adrienne und Joachim ihre Verwandten seien . Für jetzt freuten sie sich harmlos , daß sie einmal den Kleinen selbst füttern durften . Natürlich zerschlug er eine Tasse und sein Kleidchen wurde mit Eigelb betröpfelt . Aber sie hatten noch nie so vergnügt gefrühstückt wie heute . Lanzenau freilich , der konnte den Kinderlärm nicht ertragen . Nach dem Frühstück kam Severina zum Vorlesen . Magnus hatte neue Bücher geschickt , neue für diese Gesellschaft , die , wie so viele Leser , das Neueste kannten , aber die Perlen unbeachtet ließen , die schon vor einem halben oder gar ganzen Menschenalter von Berufenen dem Volk geschenkt waren . Severina begann heute » Ginevra und Lanzelot « von Hertz vorzulesen . Das hohe Lied der Leidenschaft hätte von keinen heißeren Lippen vorgetragen werden können . Severina vergaß sich und die Welt , sie las nicht mehr für den einen Geliebten . Die Naturgewalt der Liebe erstand vor ihr als etwas so Uebermächtiges , daß sie sich und ihre friedliche , stillglühende Neigung vergaß und vor der Gottheit erbebte . So vergessen wir ob gewaltiger Naturereignisse die Erschütterungen eigenen Seins , so erscheint unser Leben nichts gegen die Ewigkeit . Das eine Kleine geht im Großen auf . Sie saßen alle und lauschten atemlos . Fannys Augen hingen groß und leuchtend an Severinas Lippen ; Adrienne hatte die Hand über ihre Augen gelegt ; selbst Joachim fühlte sich von dem Gedicht ergriffen . Die ritterlich kühne und doch so sündige Leidenschaft Lanzelots für Ginevra , das Weib seines Königs , entflammte ihn zum Mitgefühl ; er sah Ginevra , das glühende , schöne , an den alten Artus vermählte Weib , vor sich - sie mußte ausgesehen haben wie Fanny . So hoch , so frauenhaft , so milde und das blonde Haupt so frei und königlich . Severina las von Mordreds Warnung , von des Königs scheinbarer Jagdfahrt , von der Zusammenkunft , die Ginevra und Lanzelot für diesen Fall verabreden und zu dem eine rote Rose das glückverheißende Zeichen sein soll . Sie las von dieser wilden Nacht . Und dann heischte die Stunde für heute ein Ende . Sie bedauerten es alle und fanden lange noch nicht den heiteren Ton wieder . Fieberheiß hatte sich ihnen das Nachempfinden in die Adern gegossen . Freilich riefen die kleinen Obliegenheiten des Tages den einen an diese , den andern an jene Beschäftigung und das nahm allmälich der Erregung das persönlich Ergreifende . Aber als Severina gegen Abend schied , ward sie ermahnt , ja andern Tags recht zeitig zu kommen . Joachim brachte sie nach Haus . Das hatte sich so als Brauch eingeschlichen , seit die Abende früh das Land deckten . Sie gingen immer auf einem Umweg . Seltsamerweise war ihnen das Glück dabei so günstig , daß noch niemand sie dabei ertappte . Joachim drückte Severinas Arm zärtlich an sich und sagte : » Wie Du heute schön gelesen hast ! - Wenn mir das jemand prophezeit hätte , daß ich noch einmal ganz spießbürgerlich und gebildet beim Vorlesen zuhören würde wie ein Pensionsmädchen in der Literaturstunde ! In meinen anderen Stellungen bin ich in den Mußestunden in die benachbarten Garnisonen geritten oder habe mit dem Gutsherrn Billard gespielt , gejagt oder dergleichen