das nur die haben , die schon mit am Cremmer-Damm und bei Ketzer-Angermünde waren . Aber das wird jetzt übersehen , übersehen in einer mir ganz unbegreiflichen Weise . Denn die höhere Disziplin ist lediglich eine Frage der Loyalität . Und das wissen auch die Hohenzollern . Aber weil sie nicht gerne dreinreden und allzu bescheiden sind und immer glauben , die Herren vom grünen Tisch ( und die Armee hat auch ihren grünen Tisch ) müßten es besser wissen , so lassen sie sich bereden und betimpeln . Ein erbärmlicher Zustand . Und daß es nicht zu ändern ist , das ist das schlimmste . Napoleon konnte nicht alle Schlachten selber schlagen , und die Hohenzollern können nicht allerpersönlichst in alle Winkel der Verwaltung hineingucken . Da liegt es , mein lieber Geheimrat . Da , nur da . Canossa hin , Canossa her . Preßfreiheit , Redefreiheit , Gewissensfreiheit , alles Unsinn , alles Ballast , von dem wir eher zuviel als zuwenig haben . « Cécile sah verlegen vor sich nieder . Sie kannte längst diese vom Ärger diktierte Beredsamkeit , die sie , bei früheren Gelegenheiten , immer nur als überflüssig , aber nicht als sonderlich störend empfunden hatte . Heute peinigte sie ' s , weil sie sah , was in Gordons Seele beim Anhören dieser Renommistereien vorging . Auch St. Arnaud empfand so , weshalb er es für ratsam hielt , sich der Situation zu bemächtigen und in geschickter Anknüpfung an die Rossowschen Worte » von der Bedeutung alter Familien « auf die Gordons überzugehen , die , seit dem Dreißigjährigen Kriege , jedenfalls aber seit dem Schillerschen » Wallenstein « , uns als unser eigenstes Eigentum angehören . Oberst Gordon , Kommandant von Eger , zähle zu den besten Figuren im ganzen Stück , und er glaube sagen zu können , die Tugenden desselben fänden sich in dem neuen Freunde seines Hauses vereinigt . Er trinke deshalb auf das Wohl seines lieben Gastes , des Herrn von Gordon . Gordon , der wohl wußte , daß rasches Erwidern die beste , jedenfalls aber die leichteste Form des Dankes sei , nahm unmittelbar nach diesem Toaste das Wort und bat , nachdem er in einer scherzhaft durchgeführten Antithese den » Obersten St. Arnaud des 4. Oktober « dem » General St. Arnaud des 2. Dezember « gegenübergestellt und in Cécile die Lichtgestalt , die den Unterschied zwischen beiden besiegte , gefeiert hatte , das Wohl der liebenswürdigen Wirte proponieren zu dürfen . Sein Trinkspruch war vorzüglich aufgenommen worden , am enthusiastischsten von der Baronin , die bei dieser Gelegenheit selbstverständlich nicht ermangelte , von ihrer im vorigen Sommer in Ragaz stattgehabten Promenadenbegegnung mit der Kaiserin Eugenie zu sprechen , » einer Frau , die , wenn sie , statt ihres Polisson von Gatten , das Heft in Händen gehabt hätte , Frankreich ganz anders regiert , jedenfalls aber männlicher verteidigt und höchstwahrscheinlich gerettet haben würde « . Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben , und als sich , nach abermals einer Minute , die gesamte Herrenwelt , mit Ausnahme des bei den Damen verbliebenen St. Arnaud , in das Rauchzimmer zurückgezogen hatte , nahm von Rossow - der vor gerade dreißig Jahren , als Hauptmann im Alexander-Regiment , einen schwachbesuchten Casino-Vortrag über den » 2. Dezember « gehalten hatte - noch einmal in der St.-Arnaud-Frage das Wort und sagte , während er den dritten ihm präsentierten Chartreuse mit einer an Grazie grenzenden Raschheit niederstürzte : » Was übrigens , mein werter Herr von Gordon , Ihre Gegenüberstellung oder meinetwegen auch Ihre Parallele betrifft , nun ja , der damalige St. Arnaud und der gegenwärtige , sie lassen sich , wenn ' s sein muß , vergleichen , und soviel konzedier ich Ihnen ohne weiteres , daß mit dem unseren auch schlecht Kirschenpflücken ist . Auch der unsere , wenn ich ihn recht beurteile , hat ein tiefes Überzeugtsein von der Gleichgültigkeit des Einzelindividuums , und daß er das Jeu liebt , wie sein berühmter Namensvetter , werden Sie mutmaßlich ebenfalls wissen . Aber der napoleonische , der Anno 51 die ganze Geschichte gemacht hat , war ihm denn doch um einiges über . Ein Deubelskerl , sag ich Ihnen . Und dabei filou comme il faut . Unsere schöne Cécile , was Sie freilich nicht wissen konnten , läßt sich denn auch in Anbetracht all dieser Umstände nicht gern an die Namensvetterschaft erinnern , St. Arnaud selbst aber ist stolz darauf . Und kann auch . Wenn wir unruhige Zeiten kriegen , und man kann nie wissen , so wächst er sich vielleicht noch in was hinein . Talent hat er . Sehen Sie nur das Faunengesicht , mit dem er zu dem arrondierten kleinen Fräulein spricht . Malerin , nicht wahr ? Wie heißt sie doch ? « » Fräulein Rosa Hexel . « » Mit einem x ? « » Ja , Herr General . « » Na , das paßt ja . Nur keine Spielverderberei . Da kommt übrigens das Tablett noch mal . Chartreuse . Den kann ich Ihnen empfehlen . « Um neun Uhr brach man auf . Alles drängte sich im Korridor , und Cécile fragte die Malerin , ob der Diener eine Droschke holen solle . Rosa dankte jedoch , Herr von Gordon werde sie bis an den Platz begleiten , und dort finde sie Pferdebahn . Unten bot ihr Gordon denn auch den Arm und sagte : » Wirklich nur bis an den Platz ? Und nur bis an die Pferdebahn ? « » O nicht doch « , lachte Rosa . » Was Sie nur denken ? So leicht kommen Sie nicht davon . Sie müssen mich bis nach Hause bringen , Engel-Ufer , und ich schenke Ihnen keinen Schritt . Aber sahen Sie nicht die Gesichter , als ich bloß Ihren Namen nannte ? Der Geheimrat hob den Kopf , wie wenn er eine Fährte suche . Man muß es den Schandmäulern nicht zu