Sie legte das Buch wieder aus der Hand , gab ihren Platz vor dem Kamin auf und setzte sich in die Fensternische . Wenn nicht alles täuschte , so mußte sich das Wetter zum Guten geändert haben ; nur kalt schien es geworden zu sein , denn die Scheiben beschlugen sich , und die Tropfen zogen Rinnen über das Glas . » Ich muß doch sehen « , sagte sie neugierig und erhob sich halb von ihrem Sitz , um den Fensterflügel zu öffnen . Wirklich , der Regen hatte nachgelassen , und nur ein Nebel , der aus der halbüberschwemmten Landschaft aufstieg , lagerte noch zwischen Schloß und See . Seine Dichtigkeit hinderte den Schall , und nichts von Lärm und Leben drang von unten herauf , bis mit einem Male , wenn auch schwach und gedämpft nur , die Glocke des sich eben nähernden Dampfschiffes vernehmbar wurde . Sie freute sich des Tons und suchte begierig nach dem Schiff , aber nach mehreren Minuten erst sah sie , daß ein dunkelroter Schimmer allmählich und wie mühevoll durch den Nebel brach . Das war das Laternenlicht vorn am Bugspriet , und nun wuchs es und wurde ein Feuerauge . Sie konnte den Blick nicht davon abwenden und hatte das Gefühl dabei , daß das noch unsichtbare Schiff ihr etwas bringen müsse . Was ? Nun , zum mindesten ein Zeichen aus der Welt . Endlich schwieg das Läuten , und sie hörte nur noch den Pfiff und das Zischen des Dampfes , der abgelassen wurde . Sie schloß das Fenster wieder . Josephine kam , um ihr beim Auskleiden behülflich zu sein , aber Franziska schickte sie wieder fort , weil ihr daran lag , sich ungestört ihren Gedanken und Träumereien überlassen zu können . Alte Bilder zogen herauf und mit ihnen ein Gefühl unendlicher Sehnsucht . Wonach ? Wohin ? In ihre Kindheitstage zurück ? War sie glücklicher gewesen , als sie mit Hannah auf dem Kirchplatze gesessen und hinaufgesehen und die Sterne gezählt hatte ? Nein . Unbefriedigt damals wie heute . » Und so haben wir denn nichts sicher als ein ewig ungestilltes Verlangen ? « Immer leidenschaftlicher und fiebriger drängten sich ihr die Fragen , bis sie zuletzt ermattet einschlief . Aber nicht lange , so war sie wieder wach , warf einen Plaid über und trat auf den Balkon hinaus , auf denselben Gitterbalkon , auf dem sie schon einmal , damals von Angst und Schreck wie heute von Unruhe gepeinigt , gestanden hatte . Der Nebel war fort , eine scharfe Luft zog vom Gebirge her , und sie sog die Kühle begierig ein . Über einem der bewaldeten Vorberge stand die Mondessichel , und an ihr vorüber zogen die Reste der Regenwolken endlos und in fliegender Hast . Alles war längst still in Schloß und Stadt , nur ein dumpfes Donnern und Brausen traf ihr Ohr , und als sie hinhorchte , woher es komme , sah sie , daß es der unter den tagelangen Regengüssen angeschwollene Bergbach war , der ihr zur Linken über die Klippenwand hin in die Tiefe schoß . Die ganze Wassermasse lag in Nacht und Dunkel , und nur immer auf Augenblicke , wenn die Sichel drüben ihr Licht herüberschickte , leuchtete der Schaum auf . Aber unausgesetzt hörte sie von der Klippenwand her das eintönig mächtige Rauschen , und dazu klang es plötzlich und erinnerungsvoll in ihrer Seele : Hörbar rauscht die Zeit vorüber An des Mädchens Einsamkeit . Es waren dieselben Worte , die damals an jenem ersten Abend in Gräfin Judiths engerem Kreise den alten Grafen entzückt und vielleicht über ihr und sein Leben entschieden hatten . Vierundzwanzigstes Kapitel Franziska hatte nach der unruhigen Nacht länger geschlafen als gewöhnlich , so daß , als sie zu später Stunde erwachte , die Sonne bereits hell ins Zimmer schien . Alles war wie verändert und ihre melancholische Stimmung wie mit dem Regen fortgezogen . Auch die beiden Kranken hatten sich erholt und gingen unter dem Einfluß des Wetterumschlags ihrer Genesung ersichtlich entgegen . Der Graf saß aufrecht in seinem Feldbett , und Tür und Fenster waren geöffnet , um dem Licht überall Zutritt zu gönnen . Franziska versäumte nicht , von der so vorteilhaft veränderten Situation auch ihrerseits Nutzen zu ziehen und über das Schiff und das Feuerauge zu berichten , die sie beide bis in ihren Traum hinein verfolgt hätten . Übrigens sei sie sicher , daß ihr das Schiff eine Neuigkeit gebracht habe . » Hat es auch , Fränzl , einen Brief von Judith . Sie kommt und Egon auch , und beide warten nur noch auf bessere Tage . « Franziska , während der Graf diese Worte sprach , sah vor sich hin und wechselte die Farbe . » Du freust dich nicht ? « » O doch , ich freue mich . Und wie könnt ich auch anders , als mich freuen ? Du weißt , wie sehr ich die Gräfin verehre , ja wie sehr ich sie liebe ; Wochen und Tage , die sie mir hätte vergällen können , hat sie mir zu den unvergeßlich glücklichsten gemacht . Ich freue mich wirklich und aufrichtig , und wenn ich doch vielleicht einen Augenblick erschrak , so geschah es in dem Gedanken , aus dieser mir liebgewordenen Stille plötzlich und unerwartet herausgerissen zu werden . « Er sah sie scharf an , aber sie hatte durchaus die Herrschaft über sich zurückgewonnen und begegnete ruhig seinem Blick . » Im übrigen « , nahm der Graf wieder das Wort , während er unter Papieren umhersuchte , die neben ihm auf dem Tisch lagen , » im übrigen hat der Brief an mich auch eine Einlage . Da ! Schwester Judith scheint sich wie gewöhnlich nicht ganz kurz gefaßt zu haben . Im Briefeschreiben ist sie noch ganz die Dame des vorigen Jahrhunderts , obschon sie dem unsrigen angehört und sich sogar den Tag von Austerlitz als ihren Geburtstag ausersehen hat . Beiläufig